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Zeitfragen | Beitrag vom 09.11.2020

Russland-SanktionenOstdeutsche Unternehmen in Not

Von Sabine Adler

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Industriemechaniker des Maschinenbauers Niles-Simmons arbeiten an einem Bearbeitungszentrum für Kurbelwellen. (dpa / Hendrik Schmidt)
Unsicherheit auch bei den Angestellten: Das Maschinenbau-Unternehmen Niles-Simmons war von den Russland-Sanktionen betroffen. (dpa / Hendrik Schmidt)

Die immer neuen Sanktionen gegen Moskau treffen auch Unternehmen hierzulande. Vor allem ostdeutsche Firmen mit langjährigen Handelbeziehungen nach Russland leiden unter den Einschränkungen.

Die Brandenburger Firma Bals mit ihren knapp 300 Beschäftigten stellt Elektrosteckverbindungen her, wie man sie zum Beispiel bei Open-Air-Konzerten braucht.  

Bis 2014, dem Jahr der Krim-Annexion, lieferte Bals solche Elektrostecker auch an die russische Armee. Elektroingenieur Thomas Brünig, bei Bals verantwortlich für das Russland-Geschäft, erlebt seit geraumer Zeit, wie verschnupft die russischen Partner mittlerweile auf die immer neuen westlichen Strafen reagieren, die nicht nur die EU, sondern oft auch die USA mit beschließen.

"Wir merken, dass gewisse Teilbereiche mit Herstellern, Lieferanten aus dem asiatischen Bereich besetzt werden, wo früher europäische und deutsche Unternehmen dort tätig waren. Wir haben es mit Schwierigkeiten in der Zollabwicklung zu tun, und vor allem mit dem preislichen Druck bei bestimmten Geschäften. Das sind die spürbarsten Merkmale, die wir dort erkennen."

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Die zuletzt verabschiedeten Sanktionen wegen der Vergiftung des Korruptionsaufklärers Alexej Nawalny trägt der ostdeutsche Geschäftsmann allerdings ausdrücklich mit.

"Diese Sanktionen, die finde ich eigentlich richtig. Die finde ich richtig, weil hier ganz einfach gegen ein Menschenrecht verstoßen wurde. Das ist meine ganz klare Meinung dazu."

Unsicherheit nach Krim-Sanktionen

Anders als bei den jetzigen Nawalny-Sanktionen, die die deutschen Firmen nicht berühren, waren die Auswirkungen durch die Krim-Sanktionen zum Teil schmerzhaft. Für Russland und Deutschland. Seit dem Jahr 2013, also der Vor-Sanktionszeit, ging der Russland-Handel in Sachsen um 70 Prozent zurück, fast um drei Viertel. Kein anderes Bundesland war und ist so gebeutelt wie Sachsen.

Beim Chemnitzer Maschinenbauer Niles-Simmons ist zwar kein einziger Arbeitsplatz verloren gegangen, doch die Belegschaft sei verunsichert gewesen und die Führung habe sich neu orientieren müssen, denn auch die Maschinenbauer stellten wie Bals in Brandenburg Produkte sowohl für zivile als auch militärische Nutzung her, was die Krim-Sanktionen untersagten, erinnert sich Klaus Kräher.

"Ich meine, es gibt eine ganz klare Aussage, die da heißt: Güter für militärische Zwecke dürfen in solche Länder grundsätzlich nicht geliefert werden. Dazu stehen wir auch. Das ist auch Teil unserer eigenen Compliance, die wir im Unternehmen haben. Und ob die Sanktion am Ende greift oder nicht greift, das ist immer die Frage, wem am Ende solche Sanktionen nützen."

Langjährige, kontinuierliche Handelbeziehungen

Viele Beschäftigte kennen die Partner auf der russischen Seite seit etlichen Jahren. Klaus Kräher aus Chemnitz schätzt diese Kontinuität.

"Früher, und das hat wenig mit Ostalgie zu tun, sondern es war einfach eine Tatsache, war Russland natürlich für uns Handelspartner Nummer eins. Von den circa 400 Maschinen, die im Jahr hier produziert wurden, gingen gut 90 Prozent nach Russland, in die frühere Sowjetunion. Heute sieht die Welt anders aus. Logischerweise. Wir sind heute mit circa 80 Prozent Exportanteil immer noch sehr im Auslandsgeschäft tätig. Russland liegt momentan auf Platz drei."

Die mit Russland kooperierenden Unternehmen in Sachsen haben eine lange Talfahrt hinter sich. Denn die Sanktionen, die an den Minsker Friedensprozess gekoppelt sind und auf die Besetzung der Krim beziehungsweise den Krieg in der Ostukraine reagierten, reglementieren Exporte stark. Was dem Ausbau der Infrastruktur auf der Krim dienen könnte, wird nicht genehmigt. Auch bestimmte Technologietransfers nicht, darunter solche, wie sie der Chemnitzer Maschinenbauer von der Niles-Simmons-Hegenscheidt-Gruppe plante. 

"Wir hatten ein Joint Venture, wie man salopp sagt, bereits in trockenen Tüchern. Und dieses wurde dann im Nachgang, nach Verhängung der Sanktionen gekündigt, sodass wir am Ende ja auf den Investitionskosten oder den Kosten, die wir bis dato hatten, sitzen geblieben sind. Das war eigentlich das einschneidendste Ereignis. Es ging darum, in Russland ein Unternehmen aufzubauen, ein Tochterunternehmen, was speziell für den russischen Markt Maschinen herstellt."

Niedriger Ölpreis mindert russische Kaufkraft

Der Deal platzte, rund 15 Millionen Euro waren in den Sand gesetzt. Doch nur die verhängten Sanktionen samt der Gegensanktionen für den Rückgang des Russlandgeschäfts verantwortlich zu machen, greife viel zu kurz, sagt Ricardo Giucci von Berlin-Economics, einer Wirtschaftsagentur, die die Bundes- und andere Regierungen berät.

"Es kamen die Sanktionen im Juli 2014. Und dann hat man beobachtet: Der Export nach Russland geht dramatisch zurück. Aber das Problem ist, dass der Ölpreis gleichzeitig stark gesunken ist. Wenn der Ölpreis hoch ist, dann geht es den Russen gut wirtschaftlich, dann haben sie Kaufkraft, dann können sie viel investieren und sie kaufen dann deutsche Güter, unter anderem. Wenn der Ölpreis niedrig ist, gibt es weniger Einkommen, weniger Devisen und der Import geht stark zurück."

Nach Auffassung des Analysten Giucci waren ein weiterer ausschlaggebender Faktor für den Einbruch im bilateralen Handel die Finanzsanktionen, die Russland hart, die EU aber kaum getroffen hätten.

"Bestimmte Finanzinstitutionen in Russland waren sanktioniert und die hatten Kredite im Westen aufgenommen, die man normalerweise Jahr für Jahr verlängert. Und auf einmal hieß es, das darf nicht verlängert werden. Und deswegen mussten diese Finanzinstitutionen in Russland ihre Schulden an den Westen zurückzahlen. Und auf einmal fehlten die Devisen praktisch. Dafür musste die Zentralbank sehr viele Reserven verkaufen, in den Markt bringen, weil: Zu der Zeit flossen die Devisen nur raus, und es kam nichts rein."

Investitionsprogramm der russischen Regierung

Seit zwei, drei Jahren geht es wieder bergauf. Die Chemnitzer erholen sich von den Exporteinbußen, machten inzwischen rund 20 Prozent ihrer Verluste wieder wett, auch dank eines Investitionsprogramms der russischen Regierung.

"Das sind Projekte für die Eisenbahnindustrie. Wir stellen also Maschinen her zur Fertigung beziehungsweise Bearbeitung von Eisenbahnradsätzen. Dort hat es ein Programm des russischen Staates gegeben. Seit 2017 ist das aufgesetzt, in dem viele neue Trassen gebaut wurden, und in dem Zusammenhang natürlich auch entsprechende Technik benötigt wird für die Züge, die darauf fahren."

Auch die Elektrostecker-Firma Bals aus Freiwalde hat eine neue Nische im Russland-Handel entdeckt: Sie baut Ladestationen für Elektro-Autos.

Zusätzlich zu den Sanktionen macht den Unternehmen, Ost wie West, die Corona-Pandemie zu schaffen. Nicht nur auf die Chemnitzer Maschinenbauer könnten weit größere Probleme zukommen.

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