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Tonart | Beitrag vom 05.02.2021

Russischer Musikjournalist über ProtesteRegimekritische Songs haben Hochkonjunktur

Artemy Troitsky im Gespräch mit Vivian Perkovic

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Demonstration am 31. Januar in Moskau gegen die Verhaftung von Alexei Nawalny. (Imago/ITAR-TASS/Valery Sharifulin)
Demonstration am 31. Januar in Moskau gegen die Verhaftung von Alexei Nawalny. (Imago/ITAR-TASS/Valery Sharifulin)

Viele Bands begleiten in Russland mit ihren Songs den politischen Protest. Die Regierung tue derzeit alles, um kritische Musiker mundtot zu machen, sagt der Musikjournalist Artemy Troitsky. Bei der jungen Generation habe Putin damit komplett verspielt.

Vivian Perkovic: Artemy Troitsky, wie fühlt es sich an, mit dem derzeit berühmtesten russischen Oppositionellen, Alexei Nawalny, auf einer Schwarzen Liste zu stehen?

Artemy Troitsky: Das ist eine große Ehre, mit meinen 65 Jahren! Ich bin da in bester Gesellschaft mit vielen mutigen jungen Leuten. Das ist wirklich schmeichelhaft.

Vivian Perkovic: Wir sprechen mit Ihnen, weil Sie die russische Untergrund-Musikszene jahrzehntelang begleitet haben. Haben die derzeitigen Proteste so etwas wie einen Sound, einen Soundtrack?

Artemy Troitsky: Russland hat da eine lange Geschichte, und es gibt viele historische Protestsongs. Wenn Sie heute auf eine Demonstration gehen, sei es in Moskau, oder in Minsk, in Belarus, oder in St. Petersburg – es läuft immer Musik, die Menschen singen die berühmten alten Protestsongs. Der berühmteste Protestsong überhaupt heißt, auf Englisch übersetzt, "Changes", geschrieben von Wiktor Zoi von der Band Kino. Der stammt aus dem Jahr 1986, aus der Zeit von Perestrojka und Glasnost.
Der Refrain geht "Wir wollen Veränderungen". Über Jahrzehnte gab es keine großen Veränderungen in Russland. Die Agenda des Protests ist dieselbe. Ich habe bislang noch keine Lieder gehört, die Nawalny direkt thematisieren, ansonsten geht es um immer dasselbe: Wir wollen Freiheit, wir hassen die bescheuerten, korrupten Leute, die an der Macht sind. Wir wünschen uns ein ehrliches Land, wir wollen keine Zensur mehr, und so weiter, es geht immer noch um die grundlegenden Menschenrechte. In Russland kann man von so etwas nur träumen.

Hat auch das Regime seine Lieder?

Vivian Perkovic: Sie haben jetzt gerade beschrieben, dass die Regimegegner die alten Lieder singen. Welche Musik haben denn diejenigen, die auf der Seite des Regimes stehen?

Artemy Troitsky: Sie erinnern sich bestimmt, wie es damals in der DDR war. Auch in Russland gibt es die Popstars, die komplett auf der Seite von Putin und der Regierung stehen. Oleg Gasmanow, Nikolaj Baskov, Filipp Kirkorow – im Radio und im Fernsehen sind sie dauerpräsent, obwohl sie gar nicht sonderlich beliebt sind. Aber sie haben eben die Regierung hinter sich, werden finanziell unterstützt, aber vor allem haben sie unbegrenztes Airplay bei den staatlichen Sendeanstalten.

Es gibt allerdings eine Sache, in der sich hier die Gegenwart ganz von der Sowjetzeit unterscheidet: Es gibt keine Lieder, die Putin und seine Politik explizit besingen und loben. In den 1960ern bis in die 1980er-Jahre gab es jede Menge Propagandasongs, in denen Lenin besungen wurde, die Kommunistische Partei, der Große Vaterländische Krieg, und wie mächtig und friedlich wir sind.

Heute gibt es keine solche Playlist. Es gab ein paar Versuche: Vor 25 Jahren gab es ein Lied "Ich wünsche mir einen Jungen wie Putin", von einer Girlband gesungen. Das ist komplett gefloppt, man hat sich darüber nur lustig gemacht. Genau wie später ein paar Versuche, patriotische Songs zu etablieren. Die Propagandaabteilung hat offensichtlich diese Versuche aufgegeben, es gibt kein Repertoire an Propagandaliedgut. Aber es gibt einige Künstler, die jederzeit bereitstehen, der Diktatur zu dienen.

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Vivian Perkovic: Obwohl man ja sagen muss, dass ja gerade die Propaganda im Kreml ziemlich effektiv gearbeitet hat. Es gab da einen Berater, Wladislaw Sorkow, der es eben geschafft hat, in den vergangenen Jahren gerade junge Russinnen und Russen zu begeistern. Der mit so einer Bewegung, mit den Nashy, mit den "Unseren", Camps organisiert hat und damit mindestens den Anschein von Pluralismus geschaffen hat. Der wurde gekündigt letztes Jahr. Hat Putin jetzt die jungen Leute in Russland verloren?

Artemy Troitsky: Ja, die junge Generation ist für Putin verloren, das wird gerade sehr offensichtlich. In den letzten 20 Jahren wurden die jungen Leute allerdings auch immer unpolitischer. Statt für Politik interessieren sie sich für Geld, Bier und Sex. Aber im Moment scheint sich das zu ändern, und zwar ziemlich schnell. Das zeigt sich auch in den Songs, die gerade geschrieben werden. Auch wenn auf den Demos die alten Lieder gesungen werden: Es gibt eine sehr interessante politische Rapszene in Russland. Nur sind das Stücke, die sich schlecht auf Demonstrationen singen lassen. Aber gehen Sie mal ins Internet, schauen Sie auf Youtube und Soundcloud – Sie finden jede Menge politische Songs. Das politische Songwriting explodiert geradezu im heutigen Russland.

"Die Älteren wissen gar nicht, wer Pussy Riot ist"

Vivian Perkovic: Das ist interessant, in Deutschland sprechen wir, wenn es um regimekritische Musik aus Russland geht, vor allem von Pussy Riot. Sind die denn so populär in Russland, wie es uns hier in Deutschland erscheint?

Artemy Troitsky: Pussy Riot sind bei der jungen russischen Generation auch sehr populär, die Älteren dagegen wissen gar nicht, wer das ist. Sie sind allerdings keine Rockband im eigentlichen Sinne. Sie spielen keine Konzerte, veröffentlichen keine Alben. In den zehn oder elf Jahren, die es sie gibt, haben Pussy Riot vielleicht sieben Songs veröffentlicht. Viel bekannter sind sie als politische Aktivistinnen, als Feministinnen und LGBT-Aktivistinnen. Und sie haben eine sehr laute Stimme, aber eben vor allem als Konzeptkünstlerinnen.

Der russische Musikkritiker Artemy Troitsky bei einer Kundgebung in Moskau, August 2019. (picture alliance / TASS / Mikhail Tereshchenk)Der Musikjournalist Artemy Troitsky während einer regierungskritischen Kundgebungen im August 2019 in Moskau. (picture alliance / TASS / Mikhail Tereshchenk)
Vivian Perkovic: Jetzt haben Pussy Riot viele Konflikte mit dem Regime erlebt, sie sind verhaftet worden, drangsaliert worden. Wie geht es überhaupt kritischen russischen Bands? Da kann man die Band Pornofilmy erwähnen, die immer wieder Absagen von Veranstaltern erfährt, wenn sie auf Tour ist. Was auch daran liegt, dass die Veranstalter von der Regierung unter Druck gesetzt werden. Was für eine Taktik der Unterdrückung fährt denn die Regierung, womit werden Musikerinnen und Musiker konfrontiert in Russland?

Artemy Troitsky: Die Situation hier ändert sich, und zwar ziemlich schnell: Von schlecht zu noch schlechter. Bis vor zwei oder drei Jahren gab es noch genügend Orte, an denen Underground- und Protestbands auftreten konnten. Natürlich standen sie beim Fernsehen und im Radio auf dem Index. Bands wie Pornofilmy oder Noize MC finden dort nicht statt. Aber sie konnten problemlos in kleinen Klubs spielen und ihre Musik und Videos im Internet hochladen. Das hat sich geändert, die Livemusikszene steht stark unter Druck.

Es gab Skandale um Bands wie Pornofilmy, IC3PEAK, oder Rapper wie Husky oder Face und andere, die nicht mehr auftreten durften. Wenn die Pandemie vorbei ist, wird sich zeigen, was von der Livemusikszene in Russland noch übrig ist. Und ich fürchte, der Druck auf Plattformen wie YouTube, aber auch auf die Klubs, wird noch steigen. Außerdem emigrieren viele Musiker*innen und Bands, darunter einige große Namen, sie gehen in die USA, nach Berlin, nach Prag, weil es immer schwieriger wird, im Russland unter Putin nicht zensiert zu werden.

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