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Tonart | Beitrag vom 08.07.2016

Russisch-Deutsche Musikakademie"Zusammen sind sie unschlagbar"

Von Ulrike Klobes

Der Intendant Waleri Gergijew dirigiert das Orchester des Mariinski-Theaters im russischen St. Petersburg. (picture alliance / dpa / RIA Novosti / Alexei Danichev)
Der Dirigent Valery Gergiev ist Intendant des Mariinski-Theater in St. Petersburg. (picture alliance / dpa / RIA Novosti / Alexei Danichev)

Kennenlernen und voneinander lernen: Zum zweiten Mal hat Dirigent Valery Gergiev für das Orchester seiner Russisch-Deutschen Musikakademie überdurchschnittlich talentierte Musiker aus beiden Ländern ausgewählt. Die Teilnehmer sind begeistert.

In T-Shirts, Jeans oder bunten Sommerkleidern sind die rund 120 Orchestermitglieder der Russisch-Deutschen Musikakademie an diesem Nachmittag zur Generalprobe in den Großen Saal des Konzerthauses gekommen. Konzentriert blicken sie in ihre Noten, manche tuscheln mit dem Pultnachbarn. Andere recken die Köpfe, um zu verstehen, was Valery Gergiev am Dirigentenpult im ruhigen und freundlichen Plauderton zu sagen hat - einmal auf Englisch für die deutschen Teilnehmer und einmal – für seine Landsleute – auf Russisch.

Und wenn keine Sprache mehr hilft, dann singt Gergiev seine Vorstellung eines möglichst langgezogenen Melodiebogens auch schon einmal vor:

"Dieses Orchester ist kein Studentenorchester, das Niveau der Musiker ist schon sehr hoch und sie haben ein breit gefächertes Repertoire aus verschiedenen Ländern und Jahrhunderten. Für mich sind das also keine Anfänger, wir treffen uns auf Augenhöhe und können uns so auch den anspruchsvollen Programmen widmen."

"Die deutsche Tradition ist älter"

Und so ist auch das Repertoire des Orchesters durch und durch russisch-deutsch geprägt: Ein zeitgenössisches Werk des russischen Komponisten Vladimir Tarnopolski, das dritte Klavierkonzert von Sergej Prokofjew und das "Heldenleben" von Richard Strauss stehen in diesem Jahr auf dem Spielplan.

"Die deutsche und die russische Musiktradition genießen auf der ganzen Welt ein sehr hohes Ansehen. Die deutsche Tradition ist älter, große Meister hat es ja auch schon vor Bach gegeben. Aber auch in der russischen Musik finden sich zahlreiche wichtige Entwicklungen. Zusammen sind sie auf dem Gebiet der Sinfonik einfach unschlagbar, aber auch bei den Solokonzerten, besonders bei den Klavier- und Violinkonzerten, denken Sie an Beethoven, Brahms, Schumann, Tschaikowski, Rachmaninoff oder Prokofjef, die beherrschen die Bühnen dieser Welt. Deswegen denke ich, ist es so wichtig, dass diese jungen russischen und deutschen Musiker ein paar Mal im Jahr zusammenkommen."

Zum zweiten Mal hat Valery Gergiev überdurchschnittlich talentierte Musiker aus beiden Ländern für das Orchester seiner Musikakademie ausgewählt. Die russischen Teilnehmer kommen aus dem Orchester des Mariinski-Theaters in Sankt Petersburg, das Gergiev seit 20 Jahren leitet. Die Deutschen studieren entweder noch, oder besuchen die Akademie eines deutschen Sinfonieorchesters, sind also kurz davor, ins Berufsleben einzusteigen.

"Man kann wahnsinnig viel lernen"

Damit der Austausch auch wirklich funktioniert, sitzen an jedem Pult je ein deutscher und ein russischer Musiker. Rimma Benyumova kommt zwar aus Sibirien, studiert aber seit drei Jahren Geige an der Berliner Musikhochschule "Hanns Eisler". Für sie ist dieser Austausch ein großer Gewinn:

"Wir kommunizieren mit den Leuten zusammen, wir haben diese Möglichkeit mit Kollegen vom Marinky-Theater mitzuspielen, das finde ich eine super Erfahrung, wirklich mit diesen professionellen Leuten zusammenzuspielen, die diese große unfassbare Erfahrung haben, also von Orchesterspiel und Opern und alles, das ist sehr interessant für mich als Geigerin, auch zu sprechen und Erfahrung austauschen, das finde ich toll."

Eine Woche lang hat das Orchester der Russisch-Deutschen Musikakademie mit Valery Gergiev in Sankt Petersburg sein Programm erarbeitet. Im Juni folgte das erste Konzert in Moskau, ein paar Wochen später das zweite in Berlin. Florian Schmidt Bartha, der in Rostock Cello studiert, ist von diesem Konzept begeistert.

"Man kann wahnsinnig viel lernen, die Kultur des Musikmachens ist einfach eine andere als hier. Es war superinteressant als wir drüben waren, das kann man sich gar nicht vorstellen, die sind so phantastisch ausgebildete Orchestermusiker, weil sie einfach so dermaßen viel Dienst spielen, dass die eine Gelassenheit haben und im Konzert einfach so viel können, das ist schon beeindruckend."

"Es ist unglaublich erfüllend"

"Diese paar Stunden in dem Konzert, das ist so unbeschreiblich, da passiert irgendwas im Moment und man kommt in so einen Flow rein, dass ein Haufen von 115 Musikern zu einem Klang mutieren, das ist wirklich unglaublich, also, es macht wahnsinnig Spaß und ist unglaublich erfüllend."

Für so ein Klangerlebnis fordert Gergiev seinem Orchester einiges ab: egal, ob in Sankt Petersburg, Moskau oder Berlin, der Probenplan ist dicht gedrängt, Zeit zum Sightseeing bleibt da kaum. Und trotzdem ist der Funke zwischen den deutschen und russischen Musikern längst übergesprungen, schließlich kommt man sich auch bei einem gemeinsamen Abendessen näher – mittlerweile ein obligatorischer Akt nach jedem Konzert.

Politische Themen, die beide Nationen betreffen, sagt Geigerin Rimma Benyumova, die versuche man an solchen Abenden allerdings auszusparen:

"Ich finde: Auf dem ersten Platz ist diese Freundschaft zwischen den Musikern und dieses Zusammenmusizieren, das finde ich das Wichtigste."

Mit Musik Grenzen überwinden

Gemeinsam etwas zu erreichen, sich auszutauschen, voneinander lernen und sich dabei näher kennenzulernen, mit Musik tatsächlich Grenzen zu überwinden – das ist das Hauptanliegen von Valery Gergiev, das er den Teilnehmern der russisch-deutschen Musikakademie mit auf den Weg geben möchte.

"Alle bedeutenden Musiker, die ich kenne, haben verstanden, dass der kulturelle Austausch und der Respekt vor der jeweils anderen Kultur sehr wichtig sind. Es gibt eine große und starke Einheit zwischen Musikern aus der ganzen Welt, für sie ist es einfach unvorstellbar, Grenzen zu schließen, Kollegen zu verdrängen und nur in ihrem eigenen Land zu bleiben. Das wäre ja auch schrecklich und furchtbar langweilig. Ich glaube, da können Politiker noch eine ganze Menge von uns lernen."

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