Vergnügungspark Plänterwald

Hotspot, Lost Space und nun Sanierungsgebiet

09:51 Minuten
Ein Karussell im Spreepark besteht aus Tassen als Gondeln und einer stilisierten Teekann im Zentrum, um die sich die Tassen drehen. Das Service ist in den Farben Gelb, Rot und Blau gehalten
Das Tassenkarussell im Spreepark. Bei vielen Teilnehmern einer Führung durch den verwilderten Vergnügungspark wecken die alten Attraktionen Erinnerungen. © Wolf-Sören Treusch
Von Wolf-Sören Treusch · 30.09.2022
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Zu DDR-Zeiten strömten die Menschen in den Berliner Kulturpark, nach dem Mauerfall ging es bergab, der Vergnügungspark machte dicht. Das Gelände wurde zum "Lost Place" mit überwucherten Karussells. 2025 nun soll er in neuem Glanz erstrahlen.
Claudia Beetz zeigt, was übrig geblieben ist vom alten Vergnügungspark und verbindet es mit einem Blick weit zurück. „Wer dann zu Spreeparkzeiten kleine Kinder dabeihatte, der musste erstmal den Schwenk nach rechts machen, zum Riesentassenkarussell, ich sehe Nicken.“ Das Fahrgeschäft mit den grellbunten Teetassen, neun an der Zahl, ist noch gut erhalten, aber längst nicht mehr funktionstüchtig.

Kindheitserinnerungen beim Wiedersehen

Bei Uta Spantig, eine der Besucherinnen, werden Kindheitserinnerungen wach. „Ich bin früher mit meinem Papa und meiner Mama hergefahren, in dem Riesenrad, weiß ich noch, meine Mutter herzkrank, und ich wollte da unbedingt rein", erinnert sie sich. "Habe ich Riesenrad gesagt? Achterbahn. Dann gab's dieses Komische mit dem Flugzeug, das immer hoch und runter ging – da hatte ich Angst, da musste mein Vater das anhalten lassen." Als ihre Zwillinge geboren waren, sei sie mit ihrem Mann dorthin. "Diese Teetassen, die sich in sich drehen." Von dem Karusell habe sie auch noch ein Foto.

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„Tatsächlich die Westernstadt. Das ist total doof, dass die weg ist, und das ist so meine größte Erinnerung." Da sei Winnetou gewesen. "Und Winnetou war mein riesengroßes Idol. Der Ost-Winnetou, natürlich, Gojko Mitic." Zudem habe sie das Ambiente genossen: "Softeis, Pommes, Grilletta, Ketwurst und so ... Was halt Kinder so glücklich macht.“

Menschenmassen im Kulturpark

1969 wurde der "VEB Kulturpark Berlin" eröffnet, wie der Vergnügungspark offiziell hieß. Anlässlich des zwanzigsten Geburtstages der DDR gab es nicht nur kulinarische Köstlichkeiten wie eben Ketwurst und Grilletta, den Hamburger aus dem Osten, sondern auch Fahrgeschäfte aus dem Westen.
Der "Kulti", wie er bei vielen hieß, war der einzige Vergnügungspark dieser Art in der DDR. Bis zu anderthalb Millionen Menschen im Jahr kamen hierher. Auch Jeanette, die als junge Frau viel Zeit auf dem Gelände im Plänterwald verbrachte. „Der Park war so rappelvoll im Osten, Wahnsinn. Die ganzen Armisten, wie wir immer gesagt haben, aus der gesamten DDR haben hierher einen Ausflug gemacht", erinnert sie sich. Ganze Horden seien dem S-Bahnhof Plänterwald entströmt und dann den Dammweg runter: "Dieser Weg war immer rappelvoll mit Menschen. Und jeden Sonnabend war hier Tanz. Das war ja so das einzige, was es hier gab, bei uns im Osten.“

Plänterwald nach der Wende

1991 übernahm ein Glücksritter aus dem Westen den Rummel. Mit ihm kamen neue Ideen und Fahrgeschäfte: Stuntshows, Mega-Looping, Wildwasserbahn. Die Besucherzahlen sanken dennoch rasant, 2001 musste der Park schließen. Insolvenz. Das Gelände lag brach und war dennoch angesagt, jetzt als "lost place" mitten in Berlin, als Location für Fotoshootings und Filmaufnahmen, auch ein "Tatort" wurde hier gedreht.
Christoph Schmidt steht vor dem Plan des neuen Spreepark im Plänterwald. Er hat kurze, graue Haare, trägt eine dunklen Anzug und ein weißes Hemd. Im Hintergrund hängt ein Geländeplan des Areals im Osten Berlins.
Christoph Schmidt, Geschäftsführer der Grün Berlin Gmbh, hat die Sanierungspläne 2020 vorgestellt. Die Einzelteile wurden gut sortiert gelagert. © picture alliance / dpa / Fabian Sommer
Seit 2014 gehört das Areal dem Land Berlin. Christoph Schmidt will die Vielschichtigkeit des geschichtsträchtigen Ortes erhalten und sie gleichzeitig für künftige Parkbesucherinnen und -besucher erlebbar machen. „Wir sagen also nicht: einmal Tabula rasa und Abriss, sondern wir gucken ganz genau, welche Kulisse für uns dienlich ist und welche man auch mit überschaubarem Aufwand – Wirtschaftlichkeit spielt natürlich auch eine Rolle – erhalten kann.“

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Schmidt ist Geschäftsführer von Grün Berlin, dem landeseigenen Unternehmen, das seit 2016 den Spreepark der Zukunft entwickelt, einen nachhaltigen Ort mit Natur, Kunst und Kultur. „Wir wollen kein Remmidemmi an dieser Stelle, das wäre absolut unverträglich", sagt er. Es gehe also nicht darum, möglichst viele Gäste hierhin zu transportieren: "Das Hauptziel ist, den Berlinerinnen und Berlinern und darüber hinaus natürlich den Gästen einen sehr besonderen Ort anzubieten. Und diejenigen, die sich sehr gern erinnern an die Fahrt mit dem Riesenrad, werden ein Riesenrad wiederfinden, nur etwas anders.“

Wahrzeichen Riesenrad

Das Riesenrad ist das Wahrzeichen des Spreeparks. Claudia Beetz und ihre Gruppe stehen vor einem gerade mal zwei Meter hohen Metallzaun. Dahinter liegen die Einzelteile des ursprünglich 40 Meter hohen Fahrgeschäfts. Links die bunten Gondeln, rechts die roten Stahlträger. 2021 wurde es abgebaut.
Im Vordergrund sind blattlose Laubbäume zu sehen, im Hintergrund das Riesenrad im Berliner Spreepark, das gerade abgebaut wird. Ein Teil des Rades fehlt bereits.
Rückbau des Riesenrads im Spreepark am 4. Februar 2021. © picture alliance / Geisler-Fotopress / Sebastian Gabsch
„Nun lockt so ein Riesenrad natürlich Leute an, als der Lost Place eben noch Lost Place war, das Riesenrad hier noch stand, da kam manch einer auf die Idee, man könnte ja mal gucken, wie weit es sich im Wind dreht.“ Dann erzählt die Gästeführerin von den vielen Abenteuerlustigen, die sich nachts auf das Gelände schlichen, in eine Gondel setzten und vom Wind ein wenig hinauftragen ließen.
Das war möglich, weil das Riesenrad, solange es stand, beweglich gelagert war, damit es nicht umfiel. Manches Mal mussten die Schwarzfahrer dann doch vom Wachschutz oder gar der Feuerwehr befreit werden.
Das Riesenrad war schon von weitem zu erkennen – und vor allem bis zu seinem Abbau im vergangenen Jahr nicht zu überhören.

Neues, altes Riesenrad im Plänterwald

Die alten Gondeln zu verwenden, hat der TÜV untersagt, es müssen neue her. Dann steht dem Wiederaufbau des Riesenrades nichts mehr im Weg. „Ja, es ist gut sortiert zusammengepackt und wartet auf den Abtransport in die jeweilige Firma, die es dann sanieren wird", sagt Christoph Schmidt. "Wir haben sehr intensive Gutachten durchgeführt, denn es war der Wunsch aller Beteiligter, dieses Riesenrad zu erhalten."
Das Ergebnis sei positiv gewesen: "Wir können es wiederaufbauen, die 90 Tonnen Stahl werden nicht einfach in den Schrott gefahren, sondern das Originalteil wird wieder aufgebaut, und insofern ist das Riesenrad weiterhin eine besondere Ikone für den Spreepark.“
Auf dem Gelände des Spreeparks ist eine Illustration aufgestellt im Querformat in einem Rahmen gespannt und aufgestellt. Im Hintergrund sind Bäume und Häuser auf dem Gelände zu sehen, bei einem Haus fehlen ganze Wände.
Eine Illustration auf dem Gelände zeigt, wie der Spreepark aussehen soll, wenn er wiedereröffnet wird.© Wolf-Sören Treusch
Ostern 2025 soll es soweit sein. Dann sollen die neuen Gondeln des Riesenrades in einer spektakulär diagonal abgehängten Tragkonstruktion direkt über einem neuen Wasserbecken schweben. Welches – positiver Nebeneffekt – als Reservoir für die Bewässerungssysteme des Spreeparks dienen und damit unter anderem die Artenvielfalt im Park schützen wird. Zum Beispiel Algen. „In diesem Fall hat die einen recht spektakulären Namen. Sie heißt nämlich 'Steifborstige Armleuchteralge', eine kleine Wasserpflanze, die hier gefunden worden ist", erklärt Parkführerin Claudia Beetz. "Die hat sich hier im Kanal von der kleinen Kanalfahrt niedergelassen und sie steht auf der Liste der bedrohten Arten.“
„Ich selbst habe sie nie gesehen, aber es soll sie geben", sagt Grün-Berlin-Geschäftsführer Schmidt. "Und neben dieser besonderen Algenart gibt es auch noch andere schützenswerte Tierarten, sodass wir sehr intensiv geprüft haben: welche Teilbereiche müssen wir dem Naturschutz vorbehalten? Da darf denn auch keiner rein", macht er klar. "Und es gibt andere Bereiche, die wir sehr wohl der Freizeitnutzung zuführen können, insofern gibt es hier einen ganz idealen Ausgleich.“

Besonderer Ort in sicherem Eigentum

In den vergangenen zwanzig Jahren hat die Natur ganze Arbeit geleistet. Die Schienen der ehemaligen Parkbahn sind im Dickicht der hohen Sträucher kaum zu erkennen. Das bunte Drachenmaul der Achterbahn lugt unter dichtem Grün hervor. Die Wildwasserbahn ist überwuchert von Buschwerk.
Genau das macht den Reiz des Spreeparks aus: das Verwunschene, fast Märchenhafte des Ortes. Diese Stimmung in die Zukunft zu transformieren, eine Symbiose aus Alt und Neu zu schaffen, ist der Auftrag der Grün Berlin GmbH.
Geschäftsführer Christoph Schmidt hat dafür 72 Millionen Euro zur Verfügung. „Für so einen besonderen Ort, der auch eine ganz besondere Alleinstellung für Berlin haben wird, wo doch gerade solche kulturell bespielten Orte, die allgemein öffentlich zugänglich sind, immer seltener und rarer werden, haben wir hier einen Ort, der auf Dauer wohlgemerkt, nicht nur für eine gewisse Zeit, abgesichert ist, und das ist doch etwas, was uns auch ein bisschen Geld kosten darf.“

Stadtnatur-, Kunst- und Kultur-Park

Bislang jedoch gehört noch viel Fantasie dazu, sich den künftigen, 23 Hektar großen Stadtnatur-, Kunst- und Kultur-Park vorzustellen.
Einige der stehengebliebenen Gebäude werden zu eigenständigen Kunst- und Veranstaltungsobjekten, etwa der Pavillon, in dem einstmals die Fahrt mit den Schwanenbooten startete. Ihn wird eine in Berlin lebende Künstlerin aus Venezuela neugestalten.

Was auch immer in den kommenden Jahren passiert: es geschieht endlich etwas im Spreepark. Nach zwei Jahrzehnten des Stillstands ist das ein Meilenstein.
Am Ende der Führung von Claudia Beetz bedanken sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. „Ich fand es klasse. Sehr kurzweilig und wirklich schön. Ein schöner Spaziergang durch meinen alten Spreepark“, sagt Jana. Und Uta Spantig blickt voraus: „Ich denke mal: das wird gut mit der Kunst und der Kultur. Also ich freue mich drauf.“
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