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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 13.10.2014

RumänienDie Rückkehr der Tiere

In Osteuropa werden Wisente ausgewildert

Von Brigitte Kramer

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Wisent mit Nachwuchs (picture alliance / dpa  / Wisent-Welt-Wittgenstein)
Wisent mit Nachwuchs (picture alliance / dpa / Wisent-Welt-Wittgenstein)

Tierschutz oder Tourismus? Im Frühjahr ist im rumänischen Tarcu-Gebirge eine Herde Wisente ausgewildert worden. Die Bewohner der umliegenden Dörfer freut es: Sie hoffen, dass mit den Tieren auch die Touristen kommen.

"Ich stehe hier im Tarcu Gebirge. Mein Blick schweift über eine wunderbare Landschaft. Ich sehe schöne, für Wisente nicht zu steile Berge. Sie sind eher hügelig, mit weichen Hängen. Und ich blicke über ein sehr schönes Mosaik aus offenen Grasflächen mit Kräutern, vielen Büschen und sehr vielen Baumarten, besonders Laubbäumen. Ich blicke auf den idealen Lebensraum für Wisente."

So beschreibt Joep van de Vlassaker, niederländischer Wildtierexperte, das rumänische Tarcu Gebirge. Fünf Tage lang haben er und sein Team, in zwei großen, roten Trucks 17 europäische Wisente quer durch Europa gefahren.

Die wuchtigen Wisente sind mit dem amerikanischen Bisons verwandt. Die Tiere stammen aus Zoos und Zuchtstationen in Schweden, Deutschland, Belgien, Italien und aus einem rumänischen Wildpark. Nun leben sie in Freiheit, hier, im Südwesten Rumäniens, in einer der letzten Urlandschaften Europas.

Wisente sollen Naturtouristen anlocken

Das Dorf Armenis hat die Zimbri, so heißen Wisente auf rumänisch, aufgenommen. 60.000 Hektar stehen ihnen dort zur Verfügung. In zehn Jahren sollen hunderte von ihnen durch die Berge ziehen und Naturtouristen aus aller Welt anziehen. Ob der Plan aufgeht, das hängt vor allem von den Einheimischen selbst ab.

Drei Ranger fahren derzeit täglich das Eingewöhnungsgehege ab, füttern etwas Kraftfutter zu. Sie werden die Tiere auch später in der Freiheit immer wieder suchen. Versorgt werden die Wisente dann aber nicht mehr. 25 Familien haben sich zu einem Unterstützerverein für Wisente zusammengeschlossen. Sie richten Bed&Breakfast-Pensionen ein, produzieren Marmelade, Speck und Käse, malen und schnitzen Wisente-Souvenirs. Am Ortseingang wartet das neue Informationszentrum auf Besuch,  zwei Jeeps stehen für Wisent-Safaris bereit.

"Überlebenswille, Widerstandskraft -  das symbolisieren Wisente für uns. Schließlich waren die Tiere in Europa so gut wie ausgestorben. Anfangs waren die Menschen überrascht von der Idee, hier wieder Wisente anzusiedeln, die Art ist in der Gegend vor rund 250 Jahren verschwunden. Heute sehen wir die Tiere als Chance, das Dorf und die Region bekannt zu machen. Sie sind zum Zeichen geworden für unsere Stärke und unseren Stolz. Wir wollen das erste Wisente-Dorf Rumäniens werden."

Bürgermeister Petru Vela, gelernter Tierarzthelfer, war begeistert, als er vor fast zwei Jahren von der Möglichkeit hörte, Wisente auswildern zu lassen. Die Hoffnungen, die auf den Tieren liegen, sind groß. Denn das Dorf  hat viele Probleme: Armut, Abwanderung. Arbeitslosigkeit.

Malerische alte Kulturlandschaft

Armenis liegt in einer der letzten Urlandschaften Europas, in einem Natura 2000-Schutzgebiet. Es ist umgeben von vier Nationalparks, die sich über waldige, hügelige Berglandschaft erstrecken. Die Berge sind dicht bedeckt von alten Buchen, Eichen und Kiefern.

An den Hängen rund ums Dorf dehnen sich Wiesen. Hier und dort stehen kleinere Bäume und Büsche, oft in wildem Durcheinander. Unaufgeräumt wirkt das Land, sich selbst überlassen. In der Ferne, am Waldrand, rauscht ein Fluss. Fuß- und Karrenwege führen vom Dorf hinauf zu allein stehenden Häusern und Höfen. Ihre roten Schindeldächer zieren die saftig grüne Landschaft.

Aus diesem natürlichen Reichtum wollen die Einwohner nun Mehrwert schöpfen. Die Wisente sind der Anfang. Sie sollen die alte Kulturlandschaft pflegen, Naturtouristen locken und damit den Einheimischen Arbeit geben. Außerdem sollen sie dazu beitragen, den Charakter der Landschaft  zu schützen.

Denn das Tarcu Gebirge ist von Abholzung bedroht: Rumänien ist ein wichtiger Holzexporteur. Kleine rumänische Holzbauern und große Unternehmer aus dem europäischen Ausland betreiben hier Sägewerke. Greenpeace Rumänien hat mittels Satellitenbildern der vergangenen Jahre gezeigt, wie schnell Rumäniens Wälder schrumpfen, pro Jahr um rund 28.000 Hektar. Auch in den Nationalparks und anderen Schutzgebieten werden Bäume gefällt. Selbst Mitteleuropas letzte Urwälder, hier in den Karpaten, sind bedroht, oft von illegalem Holzeinschlag. Und: Investoren haben Pläne für den Bau von Skistationen und Wasserkraftwerken vorgelegt.

Rückeroberung von Europas Feldern und Weiden

Frans Schepers, Vorsitzender von der Umweltstiftung Rewilding Europe,  hat eine Vision. Er will in Europa bis Ende des Jahrzehnts eine Million Hektar nicht mehr bewirtschaftete Felder und Weiden der Natur überlassen. Deren Rückeroberung läuft schon, im Grenzland zwischen Spanien und Portugal, im Velebit-Gebirge in Kroatien, im Donaudelta, in den Ostkarpaten und im Apennin bei Rom. Demnächst sollen auch in den bulgarischen Rhodopen, im Stettiner Haff an der deutsch-polnischen Grenze und in Nordschweden Naturlandschaften wieder entstehen.

"Wir wollen Europas Vielfalt vorstellen, die Hochalpen, die Flussdeltas und Gebirgsketten, oder mediterranes, eichenbestandenes Weideland.Wir zeigen verschiedene Höhen, Lebensräume und Landschaften."

Gerade mal 400 Häuser hat das Dorf Armenis. Es liegt in der historischen Grenzregion Banat, die sich über Serbien, Ungarn und Rumänien erstreckt.

Pferde ziehen Karren über teils unasphaltierte Straßen, Wäsche hängt über Streuobstwiesen an der Leine, Heumännchen zeigen, dass die Wiesen hier noch mit der Hand gemäht werden. Morgens singen die Vögel, abends quaken die Frösche, Insekten brummen den ganzen Tag. Oben auf den Bergwiesen wachsen Erdbeeren, Edelweiß und Enzian, zwischen Süßgras, Glockenblumen und Nelkenwurz. Alles duftet und blüht. Und irgendwo hinter den Buchen, Eichen und Bergkiefern, zwischen Vogelbeeren und Alpenwacholder, da leben Füchse, Wölfe, Luchse, Bären – und nun auch wieder Wisente.

Am Abend des Tages, an dem die Tiere ankamen, stieg im Dorf eine Wisente Party, mit Bier, Schnaps und Volkstanz. Die Menschen feierten die Rückkehr des Königs des Waldes. So wurde der Europäische Wisent früher genannt.

Die Hoffnungsträger werden bewundert

Die kleine Herde steht in einem Mischwald nahe beim Dorf, zunächst in einem großen Freilaufgehege, in dessen Nähe ein Fluss plätschert. Bevor die Wisente in Freiheit über die sanften Gipfel der Südkarpaten ziehen, werden die Tiere bewundert, von Einheimischen und Naturfreunden aus dem ganzen Land. Ein paar hundert Neugierige sind gekommen, um die Hoffnungsträger kennen zu lernen.

"In meiner Kindheit, zur Zeit der Unruhen von 1989, war Natur für uns mit den Dörfern der Großeltern verbunden. Wir wuchsen ja in Wohnblocks ohne Gärten auf. Die Fahrten zu den Großeltern aufs Land habe ich als sehr, sehr schön in Erinnerung. Und ich erinnere mich auch, dass meine Eltern immer vom Zimbru, vom Wisent sprachen, als etwas Vergangenem. Und dann, nach dem Fall des Kommunismus', kehrten die ersten Wisente zurück, zuerst in Reservate. Und jetzt kommen Leute und befreien sie aus ihren Gehegen, sie lassen die Wisente frei, in die Wildnis! Das ist wirklich sehr interessant."

Das sagt die 40-jährige Laura Istrate. Sie lebt in Brasov und ist 350 Kilometer weit gefahren, um Rumäniens erste, frei lebende Wisente zu sehen. Eduard Terschak, Urenkel deutscher Einwanderer, hat die Tiere vor der Haustür. Der Künstler und Musiker lebt in Armenis.

"Hier in die Region die Leute sind gut, ist ein free land, ist ein gutes Land, weil haben alles was wir wollen, gute Land für Essen, gute Land für Tiere, alle Leute sind toll, ist ein kleines Dorf, ist ein bisschen schwer das Leben mit die Geld hier in Romania, so war es immer. Wenn diese Zimbri, Wisente kommen hier, ist viel besser."

Rumäniens Wirtschaft entwickelt sich nur langsam. Korruption, Niedriglöhne und Abwanderung sind große Probleme. Viele Rumänen leben von dem, was ihre Verwandten aus dem Ausland schicken.

Erbe der Donaumonarchie

Den Menschen im Banat geht es im Vergleich zu anderen Regionen noch gut. Fast alle halten ein paar Kühe und Schweine, essen selbstangebautes Obst und Gemüse. Und sie gelten als zuverlässig. Internationale Zulieferbetriebe für die Autoindustrie, darunter viele deutsche, lassen im Banat produzieren. Bei den Handelsbeziehungen hilft es, dass viele Bewohner der Region Deutsch sprechen – ein Erbe der Donaumonarchie, zu der das Gebiet im Südwesten Rumäniens im 19. Jahrhundert gehörte. Bis heute lebt hier die deutschstämmige Minderheit der Donauschwaben.

Auch Alexandra Irimia ist aus der 130 Kilometer entfernten Hauptstadt des Banat Timishoara gekommen, um in Armenis die Wisente-Herde kennen zu lernen. Auch aus beruflichem Interesse, denn sie arbeitet als Reiseleiterin.

"Die meisten Ausländer und Rumänen besuchen normalerweise Transsylvanien, klar, alle kennen Dracula. Sie vergessen dabei die anderen Gegenden des Landes, das Banat zum Beispiel. Es gibt viel unberührte Natur hier. Viele Flüsse, isolierte Dörfer ohne Strom, oben in den Bergen. Wir arbeiten hier vor allem mit den Themen Artenvielfalt und kulturelle Vielfalt. Hier gibt es viele alte Dörfer, tschechische, slowakische, serbische, ungarische, deutsche und Roma-Dörfer. Mehr als 29 ethnische Minderheiten und 17 unterschiedliche Glaubensgemeinschaften gibt es im Banat. Sie alle leben hier seit mehr als 300 Jahren friedlich zusammen."

Die größte Glaubensgemeinschaft bilden die orthodoxen Christen, auch in Armenis. Pfarrer Matei-Christian Vulpes ist an das Gehege am Fluss gekommen, um die Wisente zu segnen. Im dunkelblauen Talar und mit Silberfaden besticktem Brokatband um den Hals, steht der recht junge Mann da. 

Noch sind die Tiere nicht zu sehen. Sie verstecken sich hinter den Bäumen. In seinen vor dem Bauch verschränkten Händen hält der Priester ein dickes Liturgie-Buch. Hinter ihm stehen ein paar Männer in dunklen, abgetragenen Anoraks, auch sie mit verschränkten Armen. Es sind die Sänger. Daneben steht ein hagerer, alter Mann. Er hält einen Weihwasserkessel und einen Wedel aus gebundenen Weiden in Händen. Da endlich zeigen sich ein paar Wisente auf dem matschigen, abgesperrten Weg zwischen Zuschauerbereich und Wildgehege.

"Diese Gemeinde ist etwas Besonderes. Sie ist von Gott gesegnet. Die Menschen hier schützen die Natur, sie respektieren das, was Gott ihnen gegeben hat. Armut ist hier kein großes Problem, die Menschen haben, was sie zum Leben brauchen, auch unter dem Kommunismus mussten sie hier keine Not leiden. Heute leiden sie eher unter einer Wertekrise, wie überall. Deshalb bin ich glücklich darüber, dass Armenis ausgesucht wurde, um die Wisente auszuwildern. Die Tiere können uns einen Aufschwung bringen. Deshalb bin ich gekommen, um sie zu segnen. Ich mache das dieses Jahr schon zum dritten Mal, zweimal habe ich eine Schafherde gesegnet, und nun eben eine Wisentherde. Warum nicht?"

Mit dem Segen des Pfarrers gehören die Wildtiere nun zur Gemeinde. Das hat nicht nur spirituellen und symbolischen Wert. Die Dorfgemeinschaft ist nun für die Wisente verantwortlich. Sie muss die Tiere nun selbst versorgen und schützen, vor Wilderern, die in den Bergen auch Jagd auf andere Tiere machen, vor lauten Motorradtouristen oder anderen Störenfrieden. Aber nach 250 Jahren leben in den Südkarpaten wieder wilde Wisente, sagt Frans Schepers von der Umweltstiftung Rewilding Europe:

"Wir können etwas bewegen. Es wird viel geredet, aber was wir wirklich brauchen in Europa, sind konkrete Beispiele, Realitäten vor Ort. Es ist wichtig, dass die Menschen Ergebnisse sehen und spüren, dass sie davon profitieren. In Armenis beginnt gerade etwas Neues. Das fühlen die Menschen. Sie sind voller Hoffnung. Ich habe schon sehr oft Tiere frei gelassen, an den verschiedensten Orten der Welt. Es ist  immer ein phantastisches Gefühl, sie wieder in die Wildnis zu entlassen."

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