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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 03.07.2010

"Ruhe!!! Was tun gegen den Lärm?"

Gäste: Sieglinde Geisel, Journalistin und Autorin; Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp, Professorin für Psychoakustik und Lärmwirkungen an der TU Berlin

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Neuerdings plagt auch die Vuvuzela viele Menschen. (AP)
Neuerdings plagt auch die Vuvuzela viele Menschen. (AP)

Ob Auto- oder Flugzeuglärm, die musikalische Dauerberieselung in Einkaufszentren, der Klingel-Terror von Handys oder aktuell das Tröten der Vuvuzelas - die Lärmquellen in unserer Umgebung nehmen zu. 15 Millionen Deutsche fühlen sich stark durch Lärm belästigt.

Krach nervt jedoch nicht nur, er gefährdet auch die Gesundheit - vom Gehörschaden bis zu einem erhöhten Herzinfarktrisiko. Gleichzeitig sehnen sich viele von uns nach Stille - nur, wenn sie eintritt, wird sie allzu schnell als quälend empfunden.

Diese Ambivalenz beschreibt die Kulturjournalistin Sieglinde Geisel in ihrem neuesten Buch "Nur im Weltraum ist es wirklich still. Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille" (Verlag Galiani Berlin). Eine unterhaltsame, informative und an Überraschungen reiche Kulturgeschichte unseres Umgangs mit dem Lärm: Seneca, Proust und Kafka klagten in ihren Schriften über Lärm, bei Kant landete ein zu lauter Hahn des Nachbarn im Suppentopf. Solange es Klagen gibt, wehren sich aber auch andere Zeitgenossen gegen die Krachmacher: Theodor Lessing gründete 1908 den ersten Anti-Lärm-Verein, die Vereinszeitschrift hieß: "Der Anti-Rüpel", einer der Anstecker trug die Aufschrift "Ruhe ist vornehm".

Lärm, so Sieglinde Geisel, sei höchst subjektiv: Des einen Musik sei des anderen Lärm oder wie es Kurt Tucholsky ausdrückte: "Der eigene Hund macht keinen Lärm – er bellt nur."

Sieglinde Geisel: "Wenn man uns fragt, sind wir alle gegen den Lärm. Dass unsere Lust am Lärm tabuisiert ist, hat Gründe, denn die Lust des einen ist die Hölle der anderen. Wir sehnen uns nach Stille! Doch die Stille ist nicht weniger ambivalent als der Lärm. Dass wir sie nicht aushalten, merken wir erst, wenn sich diese Sehnsucht erfüllt. Verstummen die Geräusche von außen, nehmen wir den Lärm wahr, der in unserm Inneren tobt."

Zum Ertragen von Lärm zitiert die Autorin gern einen Satz des Komponisten John Cage: "Wenn ein Lärm Sie stört, hören Sie ihm zu."

Zuhören gehört auch zu den wichtigsten Tätigkeiten von Brigitte Schulte-Fortkamp. Die Professorin für Psychoakustik von der Technischen Universität Berlin erforscht die Wahrnehmung und Wirkung von Lärm und wie man ihn verändern und mit ihm leben kann. Eine laute Straße – so die Psychologin – nerve einfach nur. Das ebenso laute Rauschen des Wasserfalls störe dagegen viel weniger. Es sei positiv besetzt, mit Assoziationen wie Natur, Freiheit, Frische. Diese Erkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie nutzt sie in ihren "Soundscape"-Projekten, um störende Geräusche mit angenehmeren zu überdecken, zum Beispiel in der Stadtplanung:

"Man versucht zu maskieren mit anderen Geräuschen oder Klängen, um ein störendes Geräusch etwas in den Hintergrund zu schieben. Man macht einen akustischen Paravent, um in eine Klangwelt zu kommen, die zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen passt."

Eines ihrer Vorzeige-Projekte ist die Neugestaltung des Nauener Platzes im Berliner Bezirk Wedding. "Ein wahnsinnig lauter Platz, den man maskieren konnte, teilweise mit kleinen Lärmschutzwänden. Auf der anderen Seite haben wir Soundinseln entwickelt. Die Geräusche, die auf diesen Soundinseln abgespielt werden, sind ausgewählt worden von den Menschen, die dort wohnen."

Statt der den Schall reflektierenden glatten Betonflächen gibt es jetzt mehr Grün, Klanginseln und so genannte "Ohrenbänke", aus denen ein der beruhigende Klang von Kiesstrand erschallt und so den Verkehrslärm überdeckt.

Die Psychoakustikerin beschäftigt sich aber auch mit dem Sounddesign von Geräten oder Fahrzeugen. Jeder technische Gegenstand, der uns umgibt, hat einen gestalteten Klang – ob der röhrende Porsche oder der "männlich" klingende Rasierer.
Als Vizepräsidentin der Acoustical Society of America, der weltweit größten Gesellschaft für Akustik, stellt sie sich auch Zukunftsfragen: Wie soll unsere akustische Umgebung aussehen? In Zeiten der nahezu lautlosen Elektromobile könnten unsere Städte ganz anders klingen – dies sei eine große Chance. In Städten wie Seoul sei dies schon eindrucksvoll zu hören.

"Ruhe! Was tun gegen den Lärm?"
Darüber diskutiert Gisela Steinhauer heute von 9.05 Uhr bis 11 Uhr mit Sieglinde Geisel und Prof. Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800 - 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet:
Über Sieglinde Geisel
Über Prof. Dr. Brigitte Schulte-Fortkamp

Literaturhinweis:
Sieglinde Geisel: "Nur im Weltall ist es wirklich still.
Vom Lärm und der Sehnsucht nach Stille."
Verlag Galiani Berlin, 167 Seiten, 16,95 Euro.

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