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Buchkritik | Beitrag vom 23.08.2021

Rüdiger Safranski: „Einzeln sein“Lob der Vereinzelung

Von Jens Balzer

Statue von Henry David Thoreau vor der nachgebauten Hütte und Bäumen (IMAGO / Klaus Martin Höfer)
Moderner Pionier der Einsamkeit: Henry David Thoreau. (IMAGO / Klaus Martin Höfer)

Das neue Buch von Rüdiger Safranski verfolgt in gewohnt brillanter Weise die Spuren des modernen Individualismus – bis zurück in die Renaissance. In "Einzeln sein" vernachlässigt der Schriftsteller und Philosoph aber leider die Gegenwart.

Viele Menschen haben Angst vor der Einsamkeit, gerade in diesen pandemischen Zeiten. Andere suchen nach ihr. Denn sie glauben, dass man nur in der Vereinzelung zu einer wahrhaften Erkenntnis der Welt gelangen kann und zu einem wahrhaften Verhältnis zu sich selbst und zu den anderen Menschen – weil man nur dann souverän denken und existieren kann, wenn man sich frei macht von dem, was die Gesellschaft einem vorgibt an Meinungen, an Ideologien und an Deutungen der Welt.

In der Geistesgeschichte finden sich viele Philosophen und Denker, die das Lob der Vereinzelung singen. Aber sitzen diese nicht andererseits einer Illusion auf? Ist man nicht auch in der Abkehr von der Gesellschaft immer noch von dieser durchdrungen?

Mit solchen Fragen beschäftigt sich Rüdiger Safranski in seinem neuen Buch. "Einzeln sein" ist "eine philosophische Herausforderung": So formuliert er es im Titel und Untertitel. In 16 kurzen, leicht lesbaren Kapiteln erzählt er eine kurze Geschichte des philosophischen Vereinzelungswillens von der Renaissance bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts.

Geburt des modernen Individualismus

In der italienischen Renaissance erkennt Safranski die Urszene des modernen Individualismus, in der Kunst ebenso wie in den politischen Traktaten von Machiavelli. Bei Martin Luther sieht er, wie die Beziehung des einzelnen Menschen zu Gott – jenseits aller kirchlichen Riten – zum Kern des theologischen Bekenntnisses wird.

Der frühe Aufklärungsdenker Montaigne empfiehlt in seinem Essay "Über die Einsamkeit" die Abkehr von der Menge und die Vereinzelung auf das eigene Selbst: Denn nur so könne man zu jener Vernunft finden, die im "Herdentrieb" der Menschen verloren geht.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)

Henry David Thoreau zieht sich in eine Holzhütte am Walden-See in Massachusetts zurück, um sich in der Einsamkeit aller zivilisatorischen Prägungen zu entledigen.

Und in der Existenzphilosophie des 20. Jahrhunderts suchen Karl Jaspers, Martin Heidegger und später Jean-Paul Sartre nach den Möglichkeiten wahrhaftigen – oder wie es bei Heidegger heißt "eigentlichen" – Daseins im anbrechenden Zeitalter der Massen.

Leichthändige Verbindung von Leben und Werk

Safranskis Durchgang durch die Geistesgeschichte der Vereinzelung ist kurzweilig und klug komponiert. Er inszeniert sie als begriffliche Evolution, ohne die – eben – einzelnen Denker und wenigen Denkerinnen (Ricarda Huch und Hannah Arendt) einem strengen Fortschrittskonzept unterzuordnen.

Das Buchcover "Einzeln sein" von Rüdiger Safranski vor einem grafischen Hintergrund (Deutschlandradio / Hanser Verlag)Kurzweilig und klug komponiert: Rüdiger Safranskis Durchgang durch die Geistesgeschichte der Vereinzelung (Deutschlandradio / Hanser Verlag)

Seine Stärke als Autor lag schon immer darin, die Betrachtung philosophischer Werke mit den Biografien ihrer Verfasser zu verknüpfen. So auch hier: Wie er in seinen Skizzen zur Renaissance, zum Humanismus und zur Aufklärung die gedanklichen Entwürfe aus dem jeweiligen gesellschaftlichen Wandel erklärt und aus der besonderen Position der Autoren innerhalb dieses Wandels – das ist nicht immer unbedingt originell, aber stets einleuchtend und leichthändig verfasst.

Glänzend, wie er die philosophische Bedeutung des frühen Heidegger würdigt – und zugleich erklärt, warum sich dessen Faszination für den Nationalsozialismus bruchlos aus der Feier der "Eigentlichkeit" in "Sein und Zeit" ergibt.

Und was ist mit der Aktualität?

Freilich beschäftigt sich Safranski – wie in seinem gesamten bisherigen Werk – ausschließlich mit Büchern, die mindestens 70 Jahre alt sind. So endet sein philosophiehistorischer Durchgang mit dem "Waldgang" Ernst Jüngers von 1951.

Es fehlt etwa das eminente Spätwerk Michel Foucaults, in dem es ja um nichts anderes geht als um die "Sorge um sich" und eine "Ästhetik der Existenz". Kein Wort auch darüber, dass die Erfahrung des Einzelnseins in einer als fremd und feindlich empfundenen Gesellschaft von zentraler Bedeutung für viele Denkerinnen und Denker des Postkolonialismus und Feminismus ist.

Man lese etwa "Schwarze Haut, weiße Masken" von Frantz Fanon oder "The Dialectic of Sex" von Shulamith Firestone: Letzteres geradezu ein Paradefall der existenzphilosophischen Begründung des Feminismus. Für die aktuellen Debatten der Identitätspolitik, die sich daraus ergeben, sind die von Safranski aufgerissenen Probleme von größter Bedeutung.

Darum ist es schade, dass er keine Brücke in die Gegenwart schlägt, sein Buch wäre dann konsequenter und relevanter. Andererseits verströmt sein musealisierender Ansatz auch eine gewisse Behaglichkeit, von der man sich gerne umfangen lässt.

Rüdiger Safranski: "Einzeln sein. Eine philosophische Herausforderung"
Carl Hanser Verlag, München 2021
288 Seiten, 26 Euro

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