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Thema / Archiv | Beitrag vom 25.02.2011

Rückwendung "zum Völkisch-Nationalen"

Esther Kinsky über Kultur-Konflikte in Ungarn

Esther Kinsky im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Ungarische Flagge: Wohin steuert das Land an der Donau? (Stock.XCHNG)
Ungarische Flagge: Wohin steuert das Land an der Donau? (Stock.XCHNG)

Ungarns konservative Regierung hat dem linksliberalen Kulturbetrieb den Kampf angesagt und besetzt zentrale Posten mit den eigenen Leuten. Die Autorin Esther Kinsky fühlt sich dadurch an totalitäre Methoden erinnert.

Liane von Billerbeck: Wenn man hört, wie die rechtskonservative Regierung Ungarns mit Zweidrittelmehrheit im Parlament gegen ihre kulturelle Elite vorgeht, dann müssten sich all jene Künstler und Intellektuellen eigentlich fast schämen, wenn sie nicht ausgetauscht, beschuldigt, beschimpft werden. Was in Ungarn derzeit abläuft, das ist eigentlich unfassbar, denn es passiert mitten in Europa, in dem Land, das derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat. Bevor wir darüber mit der Übersetzerin und Autorin Esther Kinsky sprechen,fasst Stephan Ozsváth die Ereignisse zusammen.

Bei uns zu Gast ist die Autorin und literarische Übersetzerin Esther Kinsky. Sie ist in Deutschland in der Nähe von Bonn geboren und aufgewachsen, übersetzt russische, polnische und englischsprachige Literatur und hat selbst zwei Romane geschrieben, "Banatsko" und "Sommerfrische", die bei Matthes & Seitz erschienen sind.

Außerdem gibt es von ihr Kurzprosa und Lyrik. Vier Jahre, bis 2004, hat sie in Ungarn gelebt, seit 2008 pendelt sie zwischen Ungarn und Berlin. Frau Kinsky, wenn man hört, wie die Regierung Orbán da durchregiert, fürchten Sie sich nicht, mit uns über deren Kampagnen gegen Kulturschaffende zu sprechen?

Esther Kinsky: Na ja, was ich so in den letzten Wochen, Tagen von Freunden gehört habe, da läuft es mir schon ein bisschen kalt den Rücken runter, aber ich persönlich würde mich nicht fürchten, weil ich natürlich sehr privat in Ungarn lebe, ich bin eigentlich nicht verbandelt mit irgendwelchen Institutionen. Aber was da vor sich geht, ist schon sehr beängstigend.

von Billerbeck: Beschreiben Sie uns doch mal die Stimmung, die Ihre Freunde Ihnen schildern?

Kinsky: Also ich glaube, dass Beängstigendste ist diese Stimmung von einer vollkommenen Verunsicherung. Natürlich kann man rechnen bei so einer extrem eingestellten Regierung mit Feindseligkeiten, aber dass beispielsweise Veranstaltungen im akademischen Bereich – da will ich mal mit anfangen… Es geht jetzt insbesondere um Veranstaltungen im Zusammenhang von ethnischen Minderheiten, Roma und so weiter, Migration. Diese zentraleuropäische Universität in Budapest ist ein ziemliches Zentrum für diese Forschung – da werden Konferenzen, Vorträge richtiggehend bespitzelt, die sind öffentlich, aber hinterher werden dann vollkommen entstellende Wiedergaben dieser Veranstaltungen, der Äußerungen einzelner Akademiker gegeben. Diese Akademiker werden dann angefeindet, bekommen Drohbriefe aufgrund dieser entstellenden Wiedergaben.

Das sind Methoden, die man vorher eigentlich nicht gekannt hat, außer vielleicht in totalitären Zeiten nach 1956, und darauf beziehen sich auch sehr viele Leute in ihrer Beschreibung der Stimmung im Moment. Es werden natürlich auch alle Posten neu besetzt mit Regierungstreuen, da wo irgendetwas im Rahmen des Vertretbaren neu zu besetzen ist, also entweder, dass Verträge auslaufen oder dass Leute, wie es beispielsweise ja jetzt versucht worden ist mit diesen drei Philosophen, dass man versucht, ihnen irgendwie am Zeug zu flicken, dass Leute auf Grundlage von solchen konstruierten, manipulierten Fällen entfernt werden aus ihren Posten und ersetzt werden mit regierungstreuen, Orbán-treuen Akademikern oder Leitern von kulturellen Institutionen.

von Billerbeck: Sie haben eben gesagt, viele Ihrer Freunde erinnert das an totalitäre Regime. Viktor Orbán, der ungarische Ministerpräsident, der hat ja auch immer davon gesprochen, er fordere ein völkisches Bewusstsein. Als deutscher Demokrat muss man da eigentlich aufschreien, das klingt sehr nach Nationalsozialismus.

Kinsky: Ja, das klingt auch danach. Ich meine, diese Terminologie ist natürlich belastet und ist fürchterlich, zumal ja Ungarn auch seine faschistische Vergangenheit hat. Und darum geht es vielleicht im Wesentlichen, um eine Rückwendung von einer europäisch orientierten Einstellung zum Völkisch-Nationalen. Das ist ja die Argumentationslinie dieser Regierung, die sagen wir mal auf der Oberfläche noch eine gewisse Demokratie wahren lässt, aber es geht ja ganz klar um die Werte. Die Kürzungen in der Kultur, in den Kulturorganisationen werden begründet damit, dass man Geld – wie dieser Kulturminister sagt – den Kleinen zuwenden will. Damit meint er in erster Linie Ungarn außerhalb Ungarns, also die ungarischen Minderheiten in Rumänien, Slowakei und so weiter, was natürlich in Verbindung steht mit den Doppelpass-Möglichkeiten, die jetzt eingerichtet worden sind, wirklich so eine Verstärkung der ungarischen Kultur außerhalb Ungarns befördern soll.

von Billerbeck: Und eine Wiederbelebung der Träume von einem Großungarn?

Kinsky: Ja, ja, absolut, absolut! Ich meine, es gab einen Fall, in der deutschen Presse hab ich ihn gar nicht wahrgenommen, aber in der englischen Presse sehr wohl. Offensichtlich ist es Sitte für die Länder, die die EU-Präsidentschaft haben, der EU-Kommission so ein symbolisches Geschenk zu machen, was für das Land steht. Und Orbán hat einen Wandteppich geschenkt, der verschiedene Errungenschaften der ungarischen Kultur aufführt und bedeutende Persönlichkeiten, unter anderem Belá Bartók, aber im Mittelpunkt dieses Wandteppichs steht eine Landkarte von Großungarn. Und das hat natürlich zu sehr viel Empörung geführt international, und er reagiert dann, sagt, was die Leute denn wollten, es ginge hier schließlich um die Vergangenheit Ungarns seit 1867, zumindest als ein Staatsgebilde mit einer eigenen Regierung. Und diese Art der Argumentation ist es auch, diese Vorbereitung verharmlosender Argumente, die einem sehr große Angst macht.

von Billerbeck: Nun, wenn man sich Ungarn jetzt anguckt, dann hat man einen sehr zwiespältigen Eindruck. Einerseits hat Ungarn die Ratspräsidentschaft der Europäischen Union inne, und andererseits scheint die Regierung Orbán unglaublich auf die ungarische Provinzialität zu setzen. Wie passt das zusammen?

Kinsky: Ja, was heißt Provinzialität? Ich glaube, es ist …

von Billerbeck: Dass man beispielsweise nicht die Kultureinrichtungen in Budapest stärkt, sondern die in den Provinzen, und da eben sagt, da wäre das typische Ungarn.

Kinsky: Ja, natürlich, weil die Kultureinrichtungen in Budapest natürlich eher links gerichtet sind. Das sind die Stellen, die besetzt waren mit Leuten, die einer anderen politischen Ideologie, sagen wir mal, verpflichtet sind. Budapest war zumindest in der Zeit, in der ich dort war, auch eine intellektuell unglaublich rege Stadt, mit sehr interessanten Theaterproduktionen und so, aber dem Ganzen wird natürlich irgendwie jetzt auch der Boden entzogen.

Ich glaube nur nicht, dass man diese alte Stadt-Land-Trennung so aufrechterhalten kann. Es geht nicht nur darum. Es geht wirklich darum, offen und europäisch oder völkisch einwärts gewandt. Und da ist die Provinz natürlich ein besseres Feld, zumal in der Provinz auch die Verlierer viel größer sind, die Verluste und die Verlierer viel mehr. In der Hauptstadt haben viele Leute auch gewonnen, weil sie natürlich regierungsnäher einfach, räumlich regierungsnäher waren. Die Provinz, die ich ja viel besser kenne als Budapest, also wo ich lebe, ist der äußerste südöstliche Winkel, ist wirklich unglaublich verstoßen, vernachlässigt, ungeliebt. Es gehört dazu natürlich diese etablierte ungarische Aversion gegen diese flache Gegend, diese Tiefebene. Also was zählt, ist Transdanubien, also der westliche Teil, der westlich der Donau liegt, und dann wieder Transsilvanien. Das sind, sagen wir mal so die kulturellen Pfeiler, auf die sich Intellektuelle berufen.

Aber das ist das alte Lied in Ungarn: Man hörte vor sieben, sechs, fünf Jahren hätten viele Leute oder fast alle Leute auf dem Land auch noch gesagt, sie sich den Sozialismus zurück gewünscht, aber genau die sind es, die jetzt ja auch pro Fidesz sind eigentlich. Und das ist ja auch die erfolgreiche Schiene von Orbán, dass er einerseits wieder Verstaatlichung einbringt und so weiter, diese Möglichkeit der Rückkehr zu einer Sicherung der Existenzen vorgaukelt und damit …

von Billerbeck: Quasi die Modernisierungsverlierer wieder reinholt.

Kinsky: Ja, wieder reinholt, genau. Und ich meine, es ist wirklich sehr, sehr vieles sehr schlimm gelaufen in Ungarn seit dem Eintritt in die EU. Die ländlichen Gegenden sind einfach so ausgebeutet worden dann von multinationalen Landwirtschaftsfirmen beispielsweise – die Arbeitslosigkeit ist ja unvorstellbar, ich meine, die ist 70 Prozent. Und die mangelnde Versorgung ist auch unter hiesigen Bedingungen einfach kaum vorstellbar. Und das eben mitten in der EU.

von Billerbeck: Esther Kinsky war das, die Autorin und Übersetzerin über den Kampf, den die rechtsnationalistische ungarische Regierung gegen ihre eigene, gegen die ungarische Kultur ausficht, und die Gründe dafür. Danke Ihnen!

Kinsky: Danke schön!

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