Rücktritt von Sebastian Kurz

    Was wir sehen, ist ein "sehr christliches Drama"

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    Bundeskanzler Sebastian Kurz nach seiner Rücktrittsrede.
    Der österreichische Bundeskanzler verlässt nach seiner Rücktrittsrede die Bühne. © dpa/picture alliance/ Georges Schneider/Xinhua
    Marlene Streeruwitz im Gespräch mit Eckhard Roelcke · 09.10.2021
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    Für Marlene Streeruwitz ist der Rücktritt von Österreichs Kanzler nicht nur ein Grund zum Jubeln. Sie glaubt, einem christlichen Drama beigewohnt zu haben, in der der Protagonist nur kurz die Bühne verlässt, um an seiner Auferstehung zu arbeiten.
    "Ich möchte daher, um die Pattsituation aufzulösen, Platz machen, um Chaos zu verhindern und Stabilität zu gewährleisten", sagte Sebastian Kurz am Samstag in seiner Rücktrittsrede. Diese wurde zur besten Sendezeit übertragen. Und weiter:
    "Ich habe das Regierungsteam der Volkspartei ersucht, die Arbeit unbedingt fortzusetzen. Und ich habe als Obmann der Volkspartei, wir sind die stimmenstärkste Partei, dem Bundespräsidenten Alexander Schallenberg als neuen Regierungschef vorgeschlagen."

    "Ein Singsang, der jede Bedeutung aus den Sätzen nimmt"

    Die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz hat sich, wie sie sagt, über seinen Rücktritt sehr gefreut. Sie erinnert die Art, wie der scheidende Bundeskanzler seine Gründe vorgetragen hat, an alte Zeiten:
    "Das ist wie Volksmission. Es gab ja früher im katholischen Österreich Volksmissionen. Da wurden Prediger ausgeschickt, um das Volk aufzurütteln und sozusagen auf Linie zu bringen. Und das ist genau diese Art von Sätzen, übrigens auch der Ton. Wenn Sie zuhören, dann gibt es keinen Punkt, sondern es wird immer schwebend geendet, also eigentlich, als wäre alles eine Frage. Das ist ein Singsang, der jede Bedeutung aus den Sätzen nimmt."

    Wie geht es nach dem Rücktritt von Sebastian Kurz weiter? Die Chefreporterin der Wiener Wochenzeitung "Falter", Nina Horaczek, rechnet nicht damit, dass die Koalition aus ÖVP und Grünen zerbricht. Weder habe die Bevölkerung ein Interesse an vorgezogenen Neuwahlen noch die Grünen: Denn die hätten in der gegenwärtigen Regierung noch zu wenig Erfolge vorzuweisen, sagt Horaczek. [AUDIO]

    Die Puppe Sebastian Kurz

    Das sei zudem eine Methode, die zur NS-Zeit im Theater angewandt worden sei. Wir erleben also, so Streeruwitz, "hohle Rederei", "Predigtdeutsch", "nur Füllung und Auftritt", "Theater in der schwierigsten Form" und letztlich "eine Inszenierung, die allen gerecht wird und völlig ohne jede Bedeutung ist".
    Schaut man sich dann auch noch die Gestik und Mimik von Sebastian Kurz während seiner Rede an, so sei darin "keine emotionale Beteiligung" zu erkennen. "Das mechanische Auf und Ab der Hände ist ja geradezu, als wäre es eine Puppe, die zu uns spricht. Das Gesicht ist völlig unverändert, er schaut auch nie auf zu irgendjemandem. Und das heißt: Diese mechanische Einrichtung 'Sebastian Kurz', der Machtinhaber, wird weiterarbeiten."

    Christliches Drama

    Im Hintergrund liefen bereits Machtkämpfe um den Fraktionsvorsitz der ÖVP im österreichischen Nationalrat, so Streeruwitz. "Das heißt: Es gibt überhaupt keine Einsicht in irgendetwas, sondern es geht darum, die Macht wieder in die Hand zu bekommen und diese Zeit zu überstehen, in der seine Integrität infrage steht."
    Letztlich habe er mit "kalten" Schachzügen ein "absolut klug inszeniertes" Theaterstück abgeliefert: "Damit ist das Misstrauensvotum im Parlament verhindert, die Person wird herausgenommen, und die Wiederauferstehung wird vorbereitet. Das Ganze ist ein sehr christliches Drama."
    (ckr)
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