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Studio 9 - Der Tag mit ... | Beitrag vom 10.01.2019

Rückkehr der Wölfe Symbol für Bedrohungsängste

Thomas Macho im Gespräch mit Anke Schaefer

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Ein Wolf schaut hinter Bäumen hervor. (picture alliance / Klaus-Dietmar Gabbert)
Viele Menschen fühlen sich von Wölfen bedroht und verunsichert (picture alliance / Klaus-Dietmar Gabbert)

Die Zahl der Wölfe in Deutschland steigt. Aber ihre Rückkehr erntet nicht überall Zustimmung. Viele Menschen empfinden die Wildtiere als Bedrohung. Der Kulturhistoriker Thomas Macho hat sich mit den mythologischen Wurzeln dieser Ängste beschäftigt.

Die Mehrheit der Deutschen schien sich zu freuen, als vor knapp 20 Jahren in der Lausitz das erste Wolfspaar wieder auftauchte. Doch seit die Wölfe den Dörfern näher kommen und Schafe, Kälber, Ziegen und manchmal auch Hunde reißen, scheint die Stimmung zu kippen. Vor allem in Sachsen wächst der Widerstand gegen die Ansiedlung der Wildtiere.

Thomas Macho (Kulturwissenschaftler und Philosoph). Hier: Am 10.03.2010 während eines Gespräches in der Redaktion Literaturen Berlin.  (imago/DRAMA-Berlin.de)Der Kulturwissenschaftler und Philosoph Thomas Macho. (imago/DRAMA-Berlin.de)

Die Geister- oder Werwölfe seien immer besonders in den sogenannten Rauhnächten gefürchtet worden, sagte der Kulturwissenschaftler Thomas Macho im Deutschlandfunk Kultur. Das seien die Nächte zwischen dem 25. Dezember und dem 6. Januar, die gerade erst hinter uns liegen.

"Insofern ist ein seltsamer historischer Zufall, dass in diesem Moment auch die Wolfsdebatte wieder an Signifikanz gewinnt." Macho hat gerade für die österreichische Zeitschrift "Die Furche" einen Essay verfasst, der sich mit den mythologischen Hintergründen der Wolf-Faszination beschäftigt.   

Die Zeit der Rauhnächte

"Die Rauhnächte sind so eine Zeit zwischen den Zeiten, über deren Ursprung man viel spekulieren kann", sagte Macho. Sie sei oft mit einer Umkehrung der Verhältnisse assoziiert worden, unter anderem auch mit einer Wiederkehr der Toten. Das habe dann auch immer wieder die Vorstellung von Geisterwölfen betroffen oder wilden Horden, die durch die Wälder zögen. Sie seien auch in Sagen und Legenden eingegangen.

Furchterregende Gesellen treiben in St. Englmar (Bayern) ihr Unwesen. Mit kunstvoll handgeschnitzten Masken und wilden Pelzgewändern ziehen in der Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig in vielen Gemeinden im Bayerischen Wald Hexen, Teufel und Dämonen lautstark durch die Straßen, um die bösen Geister zu vetreiben. (picture alliance / dpa / Armin Weigel)Rauhnacht im bayerischen St. Englmar (picture alliance / dpa / Armin Weigel)

Der Wolf sei ein Symbol für Verunsicherung, die Veränderung von Lebensumständen und Bedrohungsängste. Dazu passe, dass der Wolf immer dramatischer wahrgenommen werde umso seltener er gesehen werde. "Es gibt natürlich Leute, die besonders viel Wolfsangst haben, die nie in ihrem Leben einem Wolf begegnet sind." Dagegen hätten Schafhalter und andere Menschen, die mit Wölfen zu tun hätten, meist ein viel pragmatisches Verhältnis zu dem Tier. Mit Blick auf die Vielfalt von Tierbeständen sei es auch zu begrüßen, dass der Wolf sich wieder ansiedeln könne. "Es ist eher ein Glück als ein Schaden", sagte Macho.

Wolf und Faschismus

Dass gerade in Sachsen die Vorbehalte gegenüber Wölfen so stark  seien und das Tier sich nicht als Markenzeichen für das Bundesland durchgesetzt hat, findet Macho dagegen nicht unbedingt einen Nachteil. "Vielleicht ist es auch besser so", sagte der Kulturwissenschaftler. Schließlich sei der Wolf auch das Identifikationstier für kriegerische Männerbünde und allerlei Arten von Faschisten.

"Der Faschismus hat zu dem Wolf immer eine, wenn man so will, freundschaftliche Beziehung unterhalten", sagte Macho. Das spiegele sich in Zeichentrickfilmen, in denen der Wolf oft mit dem Nazi-Regime assoziiert worden sei.     

Thomas Macho ist Kulturhistoriker und leitet das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) in Wien. Zuvor war er Professor für Kulturgeschichte und Direktor des Instituts für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin sowie Direktor des Instituts für Kulturwissenschaft an der Bauhaus-Universität Weimar. Macho ist seit 2010 Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste. Er verfasste Bücher über zahlreiche Themen, u.a. "Vorbilder" (2011) und "Rituale" (2004).

Hören Sie hier die ganze Sendung: 
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