Die Rückkehr der Ehre

Zwischen Gotteslob und Menschenwürde

51:52 Minuten
In einer Kirche in Pakistan beten Gläubige im Weihnachtsgottestdienst.
Mit Gebeten ehren die Gläubigen Gott. Hier: in einer Kirche in Pakistan. © imago images / Pacific Press Agency / Rana Sajid Hussain
Von Kirsten Dietrich · 26.12.2021
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Die Ehre ist zurück. Dabei galt sie lange als gestrig oder gefährlich. Heute nennen Jugendliche einander "Ehrenmann", Ehrenamtliche glänzen durch Engagement, Gläubige ehren ihren Gott. Comeback eines alten Konzepts oder nur ein neues Modewort?
Gloria in Excelsis Deo, Ehre sei Gott in der Höhe, als Teil der christlichen Weihnachtsgeschichte, ist das auch an diesem Weihnachtsfest wieder in vielen Kirchen gesungen worden. Aber was bedeutet es eigentlich, Gott Ehre zu erweisen? Ist das die gleiche Ehre, die im deutschen Hip-Hop gefeiert wird, die im Nationalsozialismus den Terror adeln sollte und die bei der öffentlichen Erregung über sogenannte Ehrenmorde oft den gesamten Islam unter Verdacht stellt?

Fragen der Zugehörigkeit und Gemeinschaft

In den Alltag und in unseren Sprachgebrauch ist die Ehre zurückgekehrt. „Ehrenmann“ war 2018 Jugendwort des Jahres, in der Computerspiel-Community – und nicht nur dort – ist es häufig zu hören. Dabei schien die Ehre vormodern und gestrig, aus einer Zeit von Rittern und Duellen.
Gläubige Menschen tun vieles zur Ehre Gottes, und die Ehre regelt auch zwischenmenschliche Beziehungen. Sie erzählt von Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Sie gibt Menschen einen Ort. Sie hat religiöse Kraft.
Wie sie Gott heute am besten ehren, darüber sind sich Gläubige oft nicht einig. Aber Ehrenamt als zivilgesellschaftliches Engagement hilft auch Anhängern verschiedener Religionen, sich einen Platz in der Gesellschaft zu schaffen. Was meint Ehre heute also?
Das Feature versammelt dazu zahlreiche Stimmen, die jeweils ihr eigenes Licht auf die Sache werfen. Sechs von ihnen kommen hier zu Wort.

Ehre im Rap: Die Welt in schwarz-weiß

"Als ich mit Rapmusik angefangen habe, spielte dieses Ehrenthema noch gar keine Rolle", erzählt der jüdische Rapper Ben Salomo. Heute sei das anders. "Rap bietet ein immenses Potenzial von Selbstermächtigung und Empowerment." Dabei seien die Wertvorstellungen, die Rap transportiere, keineswegs nur attraktiv für Jugendliche, die das Gefühl hätten, am Rand der Gesellschaft zu stehen. Auch auf Kinder aus wohlhabenden Verhältnissen könne die raue Welt, die dort zur Sprache komme, faszinierend wirken und "nachahmungswürdiger als das geordnete Leben der eigenen Eltern".
Ben Salomo trägt ein graues T-Shirt zum schwarzen Sakko und schaut nachdenklich in die Ferne.
In seiner Jugend sei er mal kleinkriminell gewesen, erzählt Ben Salomo: "Als die Polizei zu uns nach Hause kam, verlor ich ein großes Stück Ehre in den Augen meiner Großeltern."© picture alliance / Frank May

Dieses Konzept Ehre – wenn es eine Sache ganz direkt vermittelt, würde ich sagen, ist es Struktur. Schwarz-Weiß: Das eine ist "ehrenvoll", das andere ist "ehrenlos". Viele finden das sehr attraktiv, die Welt geordnet zu sehen und dementsprechend vielleicht auch sich selber besser zu verorten oder andere einordnen zu können.

Ben Salomo, Rapper

"Wenn wir ein bis anderthalb Jahrhunderte zurückgehen, haben wir den Ehrbegriff in Deutschland sehr oft gehört", sagt die Germanistin Feride Funda Gençaslan: "Ehrenduelle, Ehrenmänner, Ehrenwort – hören wir heute nicht mehr, aber da war das kulturell und historisch ein sehr weit verbreitetes Wort und eine Tugend."

Sufismus: Ehre als Geschenk Gottes

Als Literaturwissenschaftlerin hat Gençaslan sich ausgiebig mit den literarischen Spiegelungen der von Ehre erfüllten und umgetriebenen Deutschen befasst. Als Muslimin und Mitglied eines Sufi-Ordens hat sie ihre eigene Sicht auf den Begriff Ehre, der ihr persönlich viel bedeutet. Der Sufismus betont die mystische Seite des Glaubens, jede und jeder Einzelne versenkt sich tief ins Ich, um dort nach der Verbindung zu Gott zu suchen.
Feride Funda Gençaslan trägt ein dunkles Oberteil und ein cremefarbenes Kopftuch mit weißen Blumenornamenten und einem schwarzen Stirnband, im Hintergrund: ein Treppenhaus mit weißen Säulen und schwarzen Geländern.
Ehrvorstellungen ändern sich, sagt Feride Funda Gençaslan. Dass im Islam die Ehre der Frau so betont werde, sei eher eine neue Entwicklung: wohl als Abwehrreaktion von Traditionalisten gegen liberale Lebensweisen.© privat

Ehre ist etwas, was der Mensch anstreben soll, aber letztendlich wird es einem in unserer Tradition von Gott gegeben. Die Propheten, die Heiligen, das sind Menschen, denen die Ehre von ihrem Schöpfer gegeben wurde, sodass sie – stellvertretend für ihren Schöpfer – den Menschen den Weg zu Gott für ein ehrenvolles Leben, für ein gottgeleitetes, gerechtes Leben gezeigt haben. Auch wenn wir selbst nicht zu der Gruppe gehören, können wir uns zu ihnen gesellen und mit ihnen dann Platz haben auf den Ehrenplätzen.

Feride Funda Gençaslan, Germanistin und Mitglied eines Sufi-Ordens

Ehre weist Menschen einen Platz zu – ganz real, aber auch im Verhältnis zu Gott. Vielleicht lässt sich deshalb mehr über die Kraft der Ehre verstehen, wenn man sie von den Rändern her angeht: von da, wo Menschen aus der ehrenwerten Gesellschaft herauszufallen drohen.

Ehrenamt: Grundbedürfnisse anderer sichern

„Dass obdachlose Menschen von der Gesellschaft aus Ehre erfahren, ist sehr gering“, sagt Anna-Sofie Gerth. Sie arbeitet in der Citystation, einer Einrichtung der Berliner Stadtmission, die Hilfe für Obdachlose bietet. Das Kümmern um die eigene Ehre muss man sich leisten können, an einem Ort wie diesem wird das schnell klar. „Es geht bei unserer Arbeit erst einmal darum, Grundbedürfnisse zu sichern", sagt Gerth: "dass Menschen Nahrung haben, dass ihnen warm ist, dass sie ein Mindestmaß an Hygiene wahrnehmen können". Einen Großteil der Arbeit in der Citystation leisten Ehrenamtliche: Sie kochen, spülen und sind nachts als Ansprechpartner der Notübernachtung vor Ort.
Anna-Sofie Gerth, mit kurzen, gescheitelten dunklen Haaren, Brille, im grauen Pullover, steht hinter einem Tresen, vor ihr eine Reihe auf den Kopf gestellter Wassergläser, jeweils mit Besteck auf einer Serviette, hinter ihr eine silbern glänzende große Kaffeemaschine.
Anna-Sofie Gerth an ihrem Arbeitsplatz in der Citystation. Neben ihren Aufgaben hier hat auch sie noch ein Ehrenamt: als Notfallseelsorgerin.© Deutschlandradio / Kirsten Dietrich

„Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch ein Ehrenamt haben sollte, weil jeder Mensch mit Gaben ausgestattet ist, und ich es schade fände, wenn wir unsere Gaben nur für unseren Beruf einsetzen.“

Anna-Sofie Gerth, Obdachlosenhilfe der Berliner Stadtmission

Auch wenn andere Sprachen wie Latein oder Englisch unterscheiden zwischen gloria, dem Ruhm vor allem Gottes, und honor, der zu bewahrenden Ehre der Menschen – das eine hat mit dem anderen viel zu tun. Die Ehre ist Scharnier zwischen göttlicher Sphäre und menschlicher.
Auf welche Weise Menschen ihrem Gott am besten Ehre erweisen, darüber gehen die Vorstellungen selbst innerhalb der christlichen Konfessionen auseinander. In weiten Teilen der Kirche war die Ehre Gottes über Jahrhunderte golden, prächtig und mächtig. Nur in der Passionszeit fiel das Gotteslob in katholischen und protestantischen Kirchen leiser aus – besonders am Karfreitag, wenn der Tod Jesu am Kreuz im Mittelpunkt steht.

Der fehlerhafte Mensch ehrt seinen Schöpfer

Ganz anders machen das die orthodoxen Ostkirchen: Das Kreuz wird zu Grabe getragen, begleitet von dem Engelhymnus "Ehre sei Gott in der Höhe". Man sei es Gott schuldig, ihm die Ehre zu erweisen, erklärt Amill Gorgis, Subdiakon der Syrisch-Orthodoxen Gemeinde in Berlin. "Wir sagen: Egal, was du Gutes getan hast, musst du immer sagen, du bist ein schwacher Knecht, ein fehlerhafter sündiger Mensch." Dieses Menschenbild drücke aber nicht nieder und mache auch das eigene Handeln nicht überflüssig, betont Gorgis.
Amill Gorgis, mit grauem Haar und Brille, im dunklen Pullover, steht in seinem Arbeitszimmer und zeigt alte syrische Illustrationen von christlichen Szenen, auf denen Engel und Menschen mit Heiligenschein zu sehen sind.
Die Hymnen spielen eine wichtige Rolle im Gottesdienst der orthodoxen Kirchen. Amill Gorgis hat viele von ihnen aus dem Aramäischen übersetzt.© Deutschlandradio / Kirsten Dietrich

Er, der mich geschaffen hat, dem verdanke ich all die Gaben, die ich besitze. Und wenn man in diesem Bewusstsein lebt, dann hat man die Verpflichtung oder auch das Verlangen, das jemandem zurückzugeben.

Amill Gorgis, syrisch-orthodoxe Gemeinde Berlin

Ehre ist ein Beziehungsgeschehen. Das gilt auch im Glauben. Natürlich gibt es ein Machtgefälle in dieser Mensch-Gott-Beziehung. Im Gebet kann das sinnfällig zum Ausdruck kommen, auch in den religiösen Praktiken von Muslimen. "Die Niederwerfung, das Gebet im Stehen und Sitzen ist tatsächlich etwas, wo man äußerlich auch sehen kann: Hier wird dem Schöpfer Ehrerbietung gebracht", sagt Ender Çetin, islamischer Theologe und Imam.

Menschenwürde im Grundgesetz und im Koran

Demut ist die angemessene Haltung des gläubigen Menschen, darin stimmen viele Christen und Muslime überein. Doch sie wird nicht als Sklaverei verstanden: Innerhalb des von Gott gesetzten Rahmens kann und soll jede und jeder Einzelne handeln. Zentral für Çetin ist dabei ein Vers aus Sure 17 im Koran.
Der islamische Theologe Ender Çetin spricht auf einem Podium.
Ender Çetin würde das islamische Ehrverständnis gern mit dem Würdebegriff Europas verbinden. "Es wäre mir wichtig, dass wir da eine Synthese schaffen", sagt der Theologe und Imam.© imago / epd / Christian Ditsch

In einem Koranvers heißt es: "Und wir statteten die Kinder Adams mit Ehre aus." Oder man kann auch sagen: "mit Würde aus". Aus diesem Vers könnte man den ersten Artikel im Grundgesetz ableiten: "Die Würde des Menschen ist unantastbar" könnte man mit dem Koranvers total gut vereinbaren, denn jeder Mensch hat die Würde oder die Ehre von Gott geschenkt bekommen.

Ender Çetin, islamischer Theologe und Imam

Ehre betrifft das Verhältnis des Menschen zu Gott und die Beziehungen der Menschen untereinander. Ehre, Respekt, Anstand, Würde – um die verwandten Begriffe auch zu nennen –, das regelt mein Verhältnis zu denen, die mir nahstehen, aber vor allem zu denen, die ich nicht kenne.
„Wo man das Wort Ehre benutzt, kann man oft auch Würde einsetzen", sagt die Juristin Maïmouna Obot vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Baden-Württemberg. "Und wenn man sagt 'Die Würde des Menschen ist unantastbar', dann muss ihre Verletzung eben auch strafrechtlich verfolgbar sein.“

Nicht "Ehrenmord", sondern Femizid

Das Grundgesetz nimmt die Ehre ernst, das ist ein großer Schutz für die einzelne Person. Und doch bleiben damit auch Ehrenvorstellungen als Motive plausibel, wo nichts durch eine gekränkte Ehre entschuldbar sein sollte. Das zeigt sich sehr deutlich an der Rede von sogenannten "Ehrenmorden". Sie werden fast automatisch mit dem Islam verknüpft. Über diese Brücke werden Muslime dann zu "Anderen" gemacht, die archaischen Ehrvorstellungen anhängen und nicht in der Moderne angekommen seien. Pauschalisierung pur. Maïmouna Obot hält den Begriff "Ehrenmord" noch aus einem weiteren Grund für hochproblematisch.
Maïmouna Obot, in einem langen Kleid mit rot-blau-grün-gelbem Wellenmuster, sitzt, den rechten Arm aufgestützt, an einem sonnigen Tag im Freien vor einer Steintreppe und schaut freundlich in die Kamera.
Der Streit um verletzte Ehre habe sich halbwegs zivilisiert, sagt die Juristin Maïmouna Obot. In Deutschland fordere niemand mehr zum Duell, aber viele Ehrenhändel landen vor Gericht.© Nikolai Gemmecke

Das Problem, wenn ich die Extrakategorie "Ehrenmord" aufmache, ist, dass ich die Sichtweise der Täter bei der Verurteilung auch mit einfließen lasse. Die Täter sagen: Es ist nicht wirklich ein Mord, sondern ich habe jemanden um der Ehre der Familie oder des Clan willen getötet. – Jemand wurde ermordet aufgrund seines Geschlechts, dafür ist "Femizid" das richtige Wort.

Maïmouna Obot, Juristin

Warum also ist die Ehre wieder so gegenwärtig, auch da, wo man die Inhalte dieses Konzepts kaum noch formulieren kann? Vielleicht steht dahinter eine Sehnsucht. Gemeinschaften, die von starken Ehrenregeln getragen sind, versprechen einen Ort für jede und jeden. Denn Ehre muss man sich nicht verdienen, man hat sie.
Ob das eine Verheißung ist? Das hängt wahrscheinlich davon ab, wie einschneidend die Folgen sind, wenn man gegen die Regeln verstößt und die Ehre verliert oder die der anderen verletzt.

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