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Fazit / Archiv | Beitrag vom 23.12.2019

Rückblick auf das Kunstjahr 2019Im Spannungsfeld von Kunst und Politik

Elke Buhr und Carsten Probst im Gespräch mit Vladimir Balzer

Aussenminister Heiko Maas auf der Biennale Venedig 2019 zum deutschen Kunst-Beitrag von Franciska Zolyom als Kuratorin und Natascha Sueder Happelmann als Kuenstlerin im deutschen Pavillon. Der Kopf der Künstlerin ist von einem Stein aus Pappmaché umhüllt. (imago images)
"Wie spricht man mit einem Stein?": Das Konzept der Künstlerin Natascha Sueder Happelmann (r.) bei der Biennale Venedig ließ Außenminister Heiko Maas (l.) ratlos erscheinen. (imago images)

Das Spiel mit Identitäten fällt in diesem Jahr besonders auf. Der deutsche Pavillon in Venedig hatte ein besonders Konzept, um zu verhindern, dass Bilder als Repräsentanten für eine bestimmte Weltauffassung in den Dienst genommen wurden.

Jahrzehntelang wurde die schwarze Künstlerin Senga Nengudi vom offiziellen Kunstbetrieb ignoriert. Doch nun wurde sie wiederentdeckt. Deswegen ist für Elke Buhr, Chefredakteurin der Kunstzeitschrift "Monopol", die Retrospektive von Nengudi in der Galerie im Lehnbachhaus ihre Lieblingsausstellung 2019 gewesen.

Nengudi arbeite besonders performativ: "Schon in den 60er- und 70er-Jahren mit Strumpfhosen, das Material, das für sie Körperlichkeit symbolisierte, womit auch Performances gemacht wurden, bei denen sie Tanz und Skulptur verbindet."

Höhepunkt Biennale Venedig

Für Kunstkritiker Carsten Probst war in diesem Jahr die Amsterdamer Ausstellung des mexikanische Künstler Carlos Amorales besonders bemerkenswert: eine Verbindung aus ästhetischem und politischem Moment. Der Künstler habe mit seinem Wechsel nach Europa auch einen Identitätswechsel vollzogen.

"In Mexiko war er Morales, in Europa Amorales. Er macht eine sehr raumgreifende Art von Kunst mit sehr sinnigem Charakter, die aber gleichzeitig das Publikum einbindet. Mit ganz einfachen Mitteln provoziert Morales sein Publikum dazu, an seiner Kunst mitzuwirken und damit selber Aussagen zu formulieren."

Im Spiel mit Identitäten sei der deutsche Pavillon auf der Biennale Venedig ein Höhepunkt des Kunstjahres gewesen. Die für die Bespielung verantwortliche Künstlerin Natascha Sadr Haghighian alias Natascha Süder Happelmann versteckte sich hinter einer Steinmaske aus Pappmaché.

"Weil es ihr darum ging, dass sie nicht in diese Identität gepresst werden will, dass sie als Migrantin eine Aussage als Künstlerin des deutschen Pavillons macht", erklärt Buhr. "Das war auch einer der Momente des Kunstjahres 2019, wo sie mit diesem doch ziemlich absurden Pappmaché-Stein um den Kopf dastand. Und Heiko Maas, der Außenminister, stand neben ihr, und die beiden konnten so erkennbar nichts miteinander anfangen. Er wusste nicht, wie er mit diesem Stein umgehen sollte; letztlich auch nicht, wie mit ihrer inhaltlichen Kritik an der Asylpolitik der europäischen Union. Das war einer der wenigen Momente, wo man das Gefühl hatte, Kunst ist auf Repräsentation angelegt, sie wird dazu benutzt und sie wehrt sich gleichzeitig dagegen."

Auf die Politisierung der Kunst aufmerksam machen

Es sei aber auch darum gegangen zu zeigen, wie der politische Diskurs in der Kunst ausgetragen werde, sagt Probst, der Sadr Haghighian nochmals nach der Biennale getroffen hat. Er sieht ihre Steinmaskenaktion weniger als Versteckspiel, sondern es sei ihr darum gegangen, "Aufmerksamkeitsökonomien" offen zu legen, die in der Kunstdebatte zunehmend eine Rolle spielten.

Eine Politisierung der Kunst sei auch bei der Aktion des Zentrums für politische Schönheit gegeben. Das Künstlerkollektiv hatte angeblich Asche von NS-Opfern in einer Säule nahe dem Reichstag aufgestellt.

Die Botschaft der umstrittenen Aktion war, die CDU solle nicht mit AfD zusammenarbeiten. Hier hätten die Künstler vorher mit den Betroffenen, beispielsweise der Jüdischen Gemeinde, sprechen sollen, findet Buhr.

Ganz wichtig sei die Frage der Repräsentation: "Wer darf wann, was sagen. In diesem Fall haben die sich vergriffen. Man kann nicht paternalistisch sagen 'Wir tun jetzt was für die' - ohne dabei deren Regeln und Bedürfnisse und Gefühle zu beachten. Diese Aktion ging nach hinten los."

Die Kunstfreiheit hat sich nicht verändert

Die Uneindeutigkeit der Kunst werde untergraben durch die heftigen politisierenden Debatten, findet Buhr. Dies könne allerdings der Kunst selbst nichts anhaben: "Die Kunst ist, wie sie ist. Jeder ist dazu aufgerufen, in all ihrer Vielfalt zu differenzieren und sie zu rezipieren." Sie könne keine Tendenz erkennen, dass Kunstfreiheit eingeschränkt werde oder weniger differenziert sei.

"Wenn jemand im Museum Ludwig neben einem Bild von Sinti und Roma - was manche Leute vielleicht als rassistisch empfinden - ein entsprechendes Bild hängt, dann ist damit noch kein Zensur ausgeübt."

Kunst bildet nicht die Realität ab

Diese Überhitzheit und Überempfindlichkeit ergebe sich eigentlich aus einer Debatte der Differenzierung, sagt Probst: "Es wird differenziert und plötzlich melden alle Ansprüche an, ihre Meinung absolut und möglichst auf der breitesten Front zu verteidigen. Nicht nur Künstler, sondern alle, die sich von Bildwerken aller Art gemeint fühlen könnten." Über diesen Mechanismus der Repräsentation seien wir eigentlich hinaus.

"Wir könne nicht sagen 'Kunst bildet die Realität ab' – oder wie sie ist. Wir wissen ja gar nicht genau, wie die Realität ist. Unser Zugang dazu wird durch die Debatten immer vielfältiger. Viele verschiedene Leute haben viele verschiedene Ansichten." Darum erstaunt Probst, wie "Kunst" und Bilder als Repräsentanten für eine bestimmte Weltauffassung in Dienst genommen würden, als sei das in irgendeiner Weise abgleichbar.

Kunstbetrieb immer noch männlich dominiert

Dass der Kunstmarkt und -betrieb immer noch Männer dominiert seien, sehe man daran, dass ein Bild von Jeff Koons eben immer noch sechsmal teurer verkauft werde, als das von der einflussreichsten Frau, so Buhr. Doch die Frauen bestünden darauf, stärker repräsentiert zu werden. Hier sei die Biennale Venedig ein echter Fortschritt gewesen. Dort hätten die Hauptausstellung eine 50 zu 50 Quote zwischen Künstlerinnen und Künstlern gehabt.

In der Kunst befinde man sich zunehmend im postkritischen Zeitalter, wo Künstler immer weniger ästhetisch auffielen, sondern durch ihr Engagement in Debatten zur Migration oder zum Klimaschutz, so Probst. Dazu gehöre, dass sich die Künstler in ihrem Leben und ihrer Art zu Arbeiten umstellten: "Diese Tendenz wird uns weiter beschäftigen, weil diese Themen immer wichtiger werden."

Auch Buhr sieht eine Veränderung bei den Künstlern und erkennt einen Aktivismus in der Kunst. So verweigerten sich Künstler beispielsweise, Geld von Waffenunternehmen zu nehmen: "Das ist neu, dass sowas funktioniert hat." Neu sei auch Kunst, die sich mit Künstlicher Intelligenz und Virtueller Realität auseinandersetzt. Inhaltlich gebe es stilistisch wieder ein großes Interesse an surrealer Malerei und an besonders fantasievollen Werken: "Das Irrationale kommt irgendwie wieder."

(mle)

  

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