Fußball in Ruanda

Friedensstifter und neue FC Bayern-Talentschmiede

Kinder spielen in Ruanda Fußball auf der Straße.
Fußball sorgt in Ruanda für einen Moment des Miteinanders und hilft bei der Versöhnung nach dem Genozid. © imago stock&people / imago stock&people
Von Tom Mustroph · 03.03.2024
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Fußball kann Frieden stiften. Das zeigt ein Jugend-Projekt in Ruanda, das zur Versöhnung nach dem Genozid beitrug und immer mehr Jugendlich erreicht. Und auch im Profi-Bereich sorgt der Fußball in Ruanda für Momente des Miteinanders.
Am Anfang steht das Aufräumen. Ein riesiger Berg abgeschnittener Bambusstäbe muss weggeräumt werden. Am Vortag hatten Bauern die Bambusreste auf der Rasenfläche der Gemeinde Sechoir im Nordwesten Ruandas abgeladen. Die ist aber auch das Spielfeld der Fußballakademie Rwanda Youth Clubs for Peace. Und diese möchte gern ein Freundschaftsspiel gegen eine Fußballschule aus der Nachbarschaft austragen. Also wird der Platz von Spielern wie Trainern vom Bambusberg befreit.
Was dann folgt, ist mehr als nur ein Fußballspiel. Ladislas Nkundabanyanga hat den Rwanda Youth Club for Peace vor mehr als zwei Jahrzehnten ins Leben gerufen, um Kinder zum gemeinsamen Spielen, zu einem Miteinander und Verständnis zu bringen. Selbst dann, wenn ihre Eltern oder Großeltern beim Genozid 1994 auf der jeweils anderen Seite standen, die einen die Angehörigen der anderen getötet haben.

"Ich war damals Lehrer für Englisch und Sport. Wir wollten den Leuten um uns herum zeigen, was wir als Lehrer anderen beibringen können, wie wir unsere Kinder so erziehen und stärken können, dass sie Friedensbringer in ihrer Gemeinschaft sind, Genozid-Ideologie vermeiden und für Einheit und Versöhnung eintreten."

Am Anfang standen Besuche der Genozidgedenkstätten und Gespräche darüber auf dem Programm. Immer mehr entdeckte Ladislas aber den Fußball als Gemeinschaft stiftende Kraft. Er ist selbst Fußballer. Gleich nach dem Genozid organisierte er Freundschaftsspiele zwischen der damals siegreichen und bis heute herrschenden Guerilla-Armee und der verängstigten Zivilbevölkerung.

„Damals gegen die Armee zu spielen war ein Mittel, den Leuten, die noch im Kongo als Flüchtlinge steckten, zu zeigen: Hier in Ruanda herrscht Frieden. Wenn wir als Zivilisten gegen die Armee antreten, ist das ein Symbol für Frieden.“

Berliner Ohde Stiftung unterstützt Projekte

Noch heute engagiert sich Ladislas für die Wiedereingliederung von Flüchtlingen aus dem Kongo. Seine Projekte mit Schulen erreichen mehr als 12.000 Kinder in der gesamten Region. Die Arbeit wird auch von der Berliner Ohde Stiftung unterstützt. Die von der Neuköllner Marzipan-Manufaktur Ohde finanzierte Stiftung entwickelte zunächst Jugendprojekte im eigenen Kiez, wurde zunehmend aber auch international tätig.

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Das Credo von Ladislas Nkundabanyanga in Ruanda: „Wenn Leute Fußball spielen und ihnen Menschen zuschauen, die große Konflikte in ihren Familien haben, die aber dasselbe Team unterstützen, dann werden sie bei einem Tor ihres Team alles Trennende vergessen. Sie springen auf und umarmen sich gegenseitig. Das verbindet.“

Ultras prügeln nicht, sie tanzen

Dieses Moment des Miteinanders kann man sogar beim Profifußball in Ruanda entdecken, dieses Mal auf Seiten der Ultras. Sie pfeifen nicht, wie in Europa üblich, die Spieler der gegnerischen Mannschaft aus, verabreden sich auch nicht zu Prügelorgien. Nein, sie tanzen, trommeln und musizieren, sodass man sich wie bei einem Fest fühlt.
Auf dem Foto sieht man eine Gruppe gut gelaunter ruandischer Fans, die auf der Tribüne stehen und mit Instrumenten wie Tröten und Trommeln die Fußballer anfeuern.
Die Ultras beim Profifußball in Ruanda machen die Spiele zu einem Fest. © Tom Mustroph
Die Vereine heißen unter anderem Police und APR FC. APR ist die Abkürzung der einstigen Guerilla-Armee, die 1994 den Genozid beendete. Selbst gebastelte Uniformteile und Waffen gehören zur Ausstattung dieser Fan-Performances. Insgesamt 16 Teams gehören zur ersten Liga, auch Teams mit weniger martialischen Namen wie etwa der Traditionsverein Rayon Sports spielen mit.

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Ruandas Ligabetrieb hat allerdings das klassische Bayern München-Problem. Der führende Verein, der von der Armee, gewinnt fast immer, ist Serienmeister. Und er holt sich die talentiertesten Spieler, setzt sie dort aber oft auf die Bank. Zum Ärger des Nationaltrainers, eines deutschen Fußballglobetrotters übrigens, der schon in Nepal und Mosambik, Malaysia und Jemen gearbeitet hat.

Sieg gegen Südafrika ebnet Weg für Reformen

Mit dem Rückenwind eines 2:0 Erfolgs gegen Südafrika, dem Dritten des jüngsten Africa Cups, kann Torsten Spittler immerhin ein paar Reformen einleiten, um seine Trainingsinhalte besser umzusetzen.

„Es schaut so aus, dass hier jetzt die nächsten ein oder zwei Wochen ein Projekt startet, das ich hier vorgestellt habe, ein Konzept, wonach ich einmal oder zweimal im Monat mit den Nationalspielern ein Training machen kann, sodass da die eine Auffrischung passiert und ich nicht wieder bei Null anfange, wenn ich komme.“

Vielleicht wird es in Zukunft sogar noch viel besser. Denn der FC Bayern München hat im letzten Jahr eine Fußballakademie aufgemacht, um zunächst einmal auf Grassroots-Level Kinder und Jugendfußball-Strukturen aufzubauen. Ziel des ruandischen Verbandes ist es dann, eine schlagkräftige U17-Nationalmannschaft zu entwickeln für die Afrikameisterschaften 2027 und die anschließende U17-WM.

Bayernakademie in Ruanda auf Talentsuche

Bernhard Hirmer, Trainer in der Bayernakademie, ist begeistert von seinen Schützlingen: „Das sind Straßenfußballer. Die haben eine Spielfreude, einen Spielwitz. Es ist unglaublich. Das ist leider das, was in Europa in den letzten Jahren ein bisschen unterdrückt wurde durch sehr viel Taktik in der Jugendarbeit. Die Aufgabe ist jetzt, diesen Spielwitz ein bisschen zu reduzieren und ein wenig Taktik reinzubringen.“
Die Akademie ist der schöne Teil der umstrittenen Visit Rwanda-Kampagne der Münchner. Der Topklub aus Deutschland lässt sich von Ruanda mit mindestens fünf Millionen Euro pro Jahr als sogenannter Platin-Partner sponsern. Der Deal verschafft dem Land weltweite Sichtbarkeit. Wegen grassierender Menschenrechtsverletzungen, unter anderem Tötungen von Oppositionellen selbst im Ausland, wird diese Partnerschaft von Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch scharf kritisiert.
Beim Training der Bayern Akademie in Kigali ist von diesen Verwerfungen aber nichts zu spüren. Man sieht Kinder, die gern Fußball spielen, wie auf dem Dorfplatz des Rwanda Youth Club for Peace. Nur ist der Platz hier gepflegter, der Trainer erfahrener. Und es öffnet sich auch der Weg nach Europa.
Eines der Talente der Bayernakademie in Ruanda ist schon für ein dreimonatiges Training nach München eingeladen worden. Durch seine Auslandserfahrungen wird der junge Mann vielleicht nicht nur den Fußball, sondern auch die gesellschaftlichen Verhältnisse zu Hause mit anderen Augen betrachten.