Vladimir Jurowski: ukrainische neben russischer Musik

Ein Konzert mit Friedensbotschaft

Der Dirigent Vladimir Jurowski steht mit offenen Haaren und kraftvoller Geste vor seinem Orchester.
Die Nationalhymne der Ukraine eröffnete Vladimir Jurowskis "Pro-Frieden-Positionierung" im Konzert. © Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / Peter Meisel
Moderation: Cornelia de Reese · 27.02.2022
Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin stellt Musik von Mychajlo Werbyzkyj vor, der die ukrainische Nationalhymne komponierte. Auch im Programm: Werke von Rubinstein und Tschaikowsky und eine Uraufführung, die aus politischen Gründen seit 2007 liegen blieb.
Aus aktuellem Anlass hat das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin sein Konzertprogramm geändert.
Anstelle des Slawischen Marsches von Peter Tschaikowsky erklingen die ukrainische Nationalhymne auf eine Melodie von Mychajlo Werbyzkyj sowie seine Sinfonische Ouvertüre Nr. 1.

Dirigent Vladimir Jurowski erklärt sich in unserer Sendung Tonart zu seiner Veränderung des Konzertprogrammes:
Vladimir Jurowski gibt gebeugt seinen Musikern mit dem Dirigierstab ein Zeichen für den Einsatz.
Vladimir Jurowski eröffnet das Konzert mit der Nationalhymne der Ukraine.© Peter Meisel
"Man muss sich positionieren"
08:16 Minuten

Werbyzkyj komponierte darüberhinaus Chormusik auf geistliche und weltliche Texte, Werke für die Theaterbühne, Operetten und Varietés sowie eine große Zahl von Instrumentalmusik, darunter jene zehn Sinfonischen Ouvertüren, von denen die erste im Konzert erklingt.

Musik hat vereinende Wirkung

Jurowski sah sich den Vorwürfen russischer Medien ausgesetzt, er würde Tschaikowsky aus dem Programm drängen. Das stimme nicht, so der Dirigent, denn das große Werk des Abends, Tschaikowskys 5. Sinfonie, stehe nach wie vor auf dem Programm.
Die Musik des russischen Komponisten bleibe nach wie vor wichtiges Repertoire des Orchesters, gespielt von Musikerinnen und Musikern aus über 20 Nationen, die im Orchester vereint seien, darunter aus Russland und der Ukraine.

Späte Uraufführung mit heikler Botschaft

Mstislav Rostropovich kam persönlich mit einem Kompositionsauftrag auf Dmitri Smirnow zu. Smirnow, der nach England emigriert war, kam der Bitte nach und schuf ein kurzes Werk, das verschiedene russische Nationalhymnen bösartig kommentiert. Zum Schluss des Werkes zitiert Smirnow den berühmten Hummelflug.
Alban Gerhardt sitzt vertieft ins Cellospiel vor Musikern des Rundfunk-Sinfonierorchesters Berlin.
Alban Gerhardt spielt immer auswenig, nur so könne er die Aussage in der Musik richtig begreifen und ans Publikum weitergeben© Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / Peter Meisel
Darin sah er sich wohl selbst: die Hummel, die einfach die Landesgrenzen überfliegen und mit dem Stachel die Bewohner mit kleinen, bösen Stichen plagen konnte. Doch die Hymnen werden in dem Werk immer lauter und agressiver, sodass der Cellist schließlich aufgibt und sogar das Podium verlässt.
Inzwischen ist die Bearbeitung der russischen Hymne eine Straftat, die eine Inhaftierung nach sich ziehen kann. Rostropovich hatte das Werk nicht zur Uraufführung gebracht, nicht nur, weil er schwer krank wurde, sondern weil er sich an das System wieder im hohen Alter angenährt hatte. Nun folgt die Uraufführung an einem denkwürdigen Zeitpunkt.

Virtuose Romantik für das Cello

Der Berliner Cellist Alban Gerhardt, der zur Zeit in Madrid lebt, ist bekannt dafür, dass er gern vergessenes Repertoire ausgräbt. Das sei für ihn eine großartige Abwechslung, diese Werke kennen zu lernen und zu spielen, bevor er dann wieder zum bekannten und beliebten Cello-Repertoire zurückkehre, so Gerhardt.
Das zweite Cellokonzert von Anton Rubinstein, der auch Lehrer von Tschaikowsky war, ist voller melodischer Einfälle und technischer Kniffe. Der Finalsatz des Konzertes beruht ausgerechnet auf einem ukrainischen Volkslied.
Weitere Informationen erhalten Sie im Programmheft.

Aufzeichnung vom 26. Februar 2022 im Konzerthaus Berlin

Mychajlo Werbyzkyj (1815-1870)
Nationalhymne der Ukraine

Sinfonische Ouvertüre Nr. 1 D-Dur für Orchester

Dmitri Smirnow
„Concerto piccolo“ für Violoncello und Orchester („History of Russia in 4 anthems“) op. 127 (Uraufführung)

Anton Rubinstein
Konzert für Violoncello und Orchester Nr. 2 d-Moll op. 96

Peter Tschaikowsky
Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64

Alban Gerhardt, Violoncello
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Leitung: Vladimir Jurowski

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