Montag, 06.07.2020
 

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 10.12.2019

Rotterdam, Mechelen, KalkuttaDie starke Zukunftsrolle der Städte

Von Kerstin Schweighöfer, Antje Stiebitz und Alexander Göbel

Beitrag hören Podcast abonnieren
Sicht auf moderne Architektur und Baukräne in Rotterdam, vom Nieuwe Maas Fluss aus. (picture alliance / image broker / Michael Zegers)
Die niederländische Hafenstadt Rotterdam gilt mit ihren rund 600.000 Einwohnern aus zig Nationen als Zukunftsstadt. (picture alliance / image broker / Michael Zegers)

Sind Städte nicht die eigentlichen Orte der Zukunft und der Demokratie – statt Nationen oder Staatenbündnisse? Finden sie nicht eher Lösungen auf Fragen zur Migration, Sicherheit, Klima und Bildung? Drei Beispiele versuchen, eine Antwort zu geben.

Wenn wir uns die großen politischen Konflikte in der Welt heute angucken – Syrien, NATO, Welthandel, Flüchtlinge, Klimawandel, um nur einige zu nennen –, müssen wir zu dem Schluss kommen, dass eine Lösung dieser Konflikte nicht bei Nationen oder Staatenbündnissen liegt. Denn die beiden ringen in langatmigen Diskussionsprozessen um Lösungen, verzetteln sich oft und kommen nur langsam voran.

Städte dagegen müssen ziemlich schnell Entscheidungen fällen. Sie sind motivierter, globale Probleme zu lösen, weil sie schneller deren Opfer werden können. Zum Beispiel beim Klimawandel – 80 Prozent der CO2-Emissionen kommen aus den Städten – oder bei Flüchtlingen – 90 Prozent der Städte liegen am Wasser: Meer, See oder Fluss, und sind so besser erreichbar. Deshalb müssen sie effektiver und zukunftsorientierter sein als nationale Politik. Und so liegt es nahe zu vermuten, dass Städte heutzutage die eigentlichen Orte der Zukunft und der Demokratie sind.

Städte: Stärkere Solidarität untereinander

Schauen wir kurz auf die Fakten: Weltweit leben bald 80 Prozent der Bevölkerung in Ballungsgebieten, schreibt die Fachzeitschrift "Internationale Politik". Metropolregionen können bereits heute politisch und wirtschaftlich mit einer Vielzahl von Nationalstaaten konkurrieren. So verfügt die Stadt New York mit mehr als 80 Milliarden Dollar über ein jährliches Budget, das über dem von 160 Ländern liegt.

Schauen wir kurz auf die Weltlage: In den USA haben sich die Bürgermeister der großen Städte gegen Trumps Klimapolitik und für neue CO2-Ziele entschieden. Auch bei anderen Themen entscheiden sie anders als ihre nationalen Regierungen – in Polen sind sie ein Bollwerk gegen die rechtspopulistische PiS. In der Türkei eines gegen Erdogans nationalistische Ausgrenzungspolitik. Dazu kommen Bürgermeister aus dem Irak, aus Spanien, Griechenland, Chile, Indien, Brasilien und, und, und. Ihre Solidarität gilt anderen Städten und nicht ihren nationalen Regierungen. Ist also die Zukunft der Demokratie lokal und urban?

Beispiel 1: Rotterdam und ihr muslimischer Bürgermeister

Vor zehn Jahren ist der gebürtige Marokkaner Ahmed Aboutaleb Bürgermeister von Rotterdam geworden – einer niederländischen Stadt, in der fast die Hälfte der 600.000 Einwohner Ausländer sind – und die bis dahin als eine Hochburg der Rechten galt. Damals war das eine Sensation! Und alle möglichen Gruppierungen haben ihre ganz eigenen Vorstellungen auf ihn projiziert: Für die einen war er der lebende Beweis, dass ein Migrant in den Niederlanden Karriere machen kann.

Bürgermeister Ahmed Aboutaleb vor Rotterdamer Hauptbahnhof. (picture alliance / ANP / Bas Czerwinski)Bereits seit zehn Jahren im Amt und er will weitermachen, Ahmed Aboutaleb Bürgermeister von Rotterdam. (picture alliance / ANP / Bas Czerwinski)
Für die zweiten war er ein Überläufer und Verräter. Und für die dritten der falsche Mann an der Spitze. Wer hatte Recht? Und was hat er nun tatsächlich gemacht? Vor allem aber: Ist ein Bürgermeister wie Ahmed Aboutaleb tatsächlich anders gefordert als ein Bundeskanzler, um zu regieren?

Beispiel 2: Mechelen als Vorbild für Integration

Sind es nur große Städte, Metropolen, die Probleme selbst anpacken und passgenaue Lösungen finden können?! Weil sie durch ihre Größe und Vernetzung eine andere – ernst zu nehmende – Macht darstellen?!! Mechelen ist eine kleine, belgische Stadt: knapp 90.000 Einwohner, aber 138 Nationen. Deren Bürgermeister Bart Somers wurde 2017 zum "besten Bürgermeister der Welt" gewählt.

Stadtansicht von Mechelen mit der untergehenden Sonne am Horizont. (picture alliance / Sergi Reboredo)Mit dem Bürgermeister kam der Aufschwung. Mechelen gilt mittlerweile als sicherste und sauberste Stadt Belgiens. (picture alliance / Sergi Reboredo)
Dabei galt die flämische Kommune vorher als schmutzigste und kriminellste Stadt von ganz Belgien – als Hochburg von Armut, Verbrechen und Extremismus. Nirgendwo war das Vertrauen in die Stadtväter so gering – und der Stolz auf die eigene Stadt so klein. Häuser und Straßenzüge waren verfallen, jeder dritte Laden stand leer. 2001 wurde Bart Somers Bürgermeister. Und heute gilt Mechelen als sicherste und sauberste Stadt Belgiens.

Beispiel 3: Kalkutta – eine Weltstadt, durch Migranten geprägt

Städte sind aber auch ganz eigene, in sich abgeschlossene Einheiten, die ein ganz anderes Pflaster sind als Länder und Nationen. Sie sind oft entstanden durch Migrantenströme, wurden und werden durch Zugezogene geprägt und geformt – und haben dadurch eine ganz eigene Vorstellung von Souveränität entwickelt. Was das genau heißt, wird am Beispiel von Kalkutta deutlich.

Badende am Ufer des Hugli Flusses, mit dem Blick auf die moderne Stahlkonstruktion der Howrah Brücke. (picture alliance / Bildagentur online)Die Howrah Brücke am Hugli Fluss. Sie verbindet die Millionenstadt Kalkutta mit der Stadt Howrah. (picture alliance / Bildagentur online)
Sie zieht seit über 200 Jahren Migranten an, deren Wurzeln in China, Bangladesch und in anderen Bundesstaaten Indiens liegen – immerhin ist es ein Land, das fast zehnmal so groß ist wie Deutschland. Meist sind es Hunger und Armut, die die Migranten nach Kalkutta gebracht haben – aber auch politische Verfolgung. Sie alle zusammen machen die indische 14-Millionen-Einwohner-Metropole zu dem, was sie ist.

Bürgermeister – Die neuen Glokalisten?!

Es gibt viele weltweite Netzwerke von Bürgermeistern, die gemeinsam die wichtigsten Probleme unserer Zeit angehen wollen.

Ein Bündnis ist "Fearless Cities", wo sich Bürgermeister und Bürgermeisterinnen aus Spanien, Griechenland, Chile, Indien, Brasilien und den USA zusammengetan haben. Ihr Ziel: ein globales Netzwerk der Solidarität und der Hoffnung angesichts von Hass, Mauern und Grenzen aufzubauen!

Ein weiteres Bündnis ist das "Global Convent of Mayors for Climate & Energy", der größte und wohl wichtigste Zusammenschluss von Städten. Mehr als 650 Städte sind Teil des Konvents, die fast eine halbe Milliarde Menschen repräsentieren. Ihr Ziel: Pläne für Energie- und Klimaschutz.

Und dann ist da noch die Initiative der Rockefeller-Stiftung "100 Resilient Cities", in der Städte finanzielle Unterstützung und Beratung bekommen können, um ihre Städte widerstandsfähiger machen zu können: gegen Schocks (Erdbeben, Überschwemmungen, Feuer) und Stress (Lärm, Verkehr, Hitze).

Es gibt also noch Hoffnung – und vielleicht liegt sie tatsächlich in den Städten.

Mehr zum Thema

Saskia Sassen über eine nachhaltige Zukunft - Kleine Städte sind die Lösung
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 17.09.2019)

Tourismussteuerung - Städte reagieren auf Besucheransturm
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 12.07.2019)

Migration und Vielfalt - Verteidigt die Freiheit der Städte!
(Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, 02.04.2019)

Weltzeit

Geflüchtete in TunesienDie Toten von Zarzis
Ein kleines Grab mit Blume und Teddy auf dem "Friedhof des Unbekannten" (Florian Guckelsberger)

Die Abschottungspolitik der EU und der Krieg in Libyen führen dazu, dass immer mehr Menschen versuchen, über Tunesien nach Europa zu gelangen. Auch dies ein gefährlicher Weg. Die Fischer von Zarzis sind jetzt auch Totengräber für die Ertrunkenen.Mehr

Fischerei in NeuseelandTödliche Haken bedrohen Albatrosse
Unterwasseraufnahme eines Albatros, der an einem Haken hängt. (Imago / UIG / Graham Robertson)

Neuseeland ist das Paradies für Albatrosse. Hier leben hunderttausende Brutpaare. Doch sie sind bedroht. Und während die Delfine ab Oktober geschützt werden, kommt den Albatrossen niemand zur Hilfe. Ihr Feind sind die Fischer und ihre Köderhaken.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur