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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 05.04.2006

Rotlicht und Dunkelkammer

Vom Sterben der analogen Fotografie

Von Uwe Springfeld

Foto einer vergoldeten Luxus Leica mit Eidechsen-Belederung, Baujahr 1929 (AP)
Foto einer vergoldeten Luxus Leica mit Eidechsen-Belederung, Baujahr 1929 (AP)

Geht eine Tradition zu Ende? Innerhalb weniger Monate haben mehrere große Kameraproduzenten angekündigt, sich aus dem Geschäft mit klassischen Kameras zu verabschieden. Auch Filmhersteller und Labore orientieren sich neu. Das Feature macht sich auf die Suche danach, was bleiben wird von der klassischen Fotografie.

"Ah ja, da kommt es ja. Da ist es. Noch ein bisschen, ein bisschen - Wunderschön, das Foto. Wirklich schön, wie die Kontraste herauskommen. Selbstgemacht ist eben doch immer noch das Beste."

Geht eine Tradition zu Ende? Innerhalb weniger Monate haben mehrere große Kameraproduzenten angekündigt, sich aus dem Geschäft mit klassischen Kameras zu verabschieden. Auch Filmhersteller und Labore orientieren sich neu.

Prof. Klaus Dierßen (Universität Hildesheim): "Ein Foto zu machen bedeutet etwas Anderes – es wurde etwas anderes ausgewählt. Das Einfangen der Wirklichkeit, der Glaube an die Authentizität, die Echtheit, die Wahrhaftigkeit."

Der Traditionshersteller Konica Minolta will sich nach über hundert Jahren komplett aus der Kameraherstellung zurückziehen. Auch die Filmfertigung wird eingestellt.

Dierßen: "Verbunden mit dem Wunsch, der Realität habhaft zu werden, sie in den Griff zu bekommen, die große Welt im Taschenformat aufzunehmen, das Faszinosum der Welt einzufangen und gleichwohl die Angst auch vor ihr zu bannen."

Auch Nikon, einer der beiden Hauptlieferanten für den Profimarkt und bisher eher als konservative, um Kontinuität bemühte Firma bekannt, will bis auf eine einzige Kamera seine analoge Linie in Europa komplett einstampfen. Auch Vergrößerungsobjektive für Fotolabore sollen nicht mehr gefertigt werden.

Dierßen: "Und was dahintersteckt im Grunde, dass wir mit der Fotografie sehen wollen, um zu glauben. Beginnen aber sofort zu zweifeln."

Farbfilm-Erfinder Agfa stellte bereits seine Film- und Fotochemie-Produktion ein. Auch Kodak beendete hierzulande 2004 den Verkauf von Kameras mit Film.

Constanze Clauss (Pressesprecherin des Verbandes der Fotoindustrie): "Der Filmmarkt ist auf jeden Fall rückläufig – warten sie mal, ich guck mal, wie das zum Vorjahr war – raschelt das nicht schön? Sie sehen, wie viel Papier ich hierher geschleppt habe " (lachen)" Also der Rückgang in der Menge, vielleicht reden wir in Prozent – Also der Filmmarkt ist also von 2005 zu 2004 um 29 Prozent rückläufig gewesen."

Welche Fähigkeiten und welche Techniken gehen mit dieser Tradition zu Ende? Seit vor 25 Jahren die erste Kamera auf den Markt kam, die Bilder nicht mehr auf Film speicherte, sondern als elektronisches Signal auf einer zwei Zoll Diskette. Diese Box mit dem Äußeren einer Videokamera, deren Name sich aus dem "Magnetic Video"-Verfahren herleitet: Mavica. Und was wird bleiben von der klassischen Fotografie?

Eins. Sucher statt Display. Der fotografische Blick und die Wirklichkeit. In seiner 1995 posthum erschienenen Biografie "Gestohlene Blicke" schrieb der Fotograf Robert Doisneau:

"Als ich mich in das Abenteuer Photographie stürzte war sie noch hölzern. Inzwischen ist sie gewissermaßen elektronisch. Und ich stecke mit der gleichen Neugier wie am ersten Tag die Nase hinterm Vorhang hervor."

Dierßen: "Erst einmal muss man sich ganz deutlich klar machen, dass die digitale Fotografie, wie sie denn genannt wird, im Grunde genommen nur noch ein "Simulakom" der klassischen Fotografie ist. Das heißt: Das Bild der digitalen Fotografie wendet die Methode der klassischen Fotografie an."

Professor Klaus Dierßen, der an der Universität Hildesheim das Fachgebiet Fotografie leitet, trennt scharf zwischen den Prinzipien der digitalen und der klassischen Fotografie auf Film.

Dierßen: "Elektronisch generierte Bilder sind im Prinzip keine Fotografie. Es sind elektronisch bearbeitete Fotos. Es sind elektronisch bearbeitete Fotos. Es gibt von daher keine Fotografie nach der Fotografie."

Der Begriff Fotografie stammt seiner Wurzel nach aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich: Mit Licht eingeritzt. Als Fotografie bezeichnete man bis ins 20. Jahrhundert hinein all diejenigen Bilder, die allein durch Licht auf einer chemisch behandelten Oberfläche entstehen. Man kann also sagen, Fotografie ist geronnenes, fixiertes Licht der Vergangenheit.

Um 1850, als erste fotografische Abzüge auf Wachspapier gemacht wurden, schrieb der Schriftsteller Jules Champfleury:

"Wie groß wäre unser Entzücken, wenn wir den Fortschritt erleben könnten, welche die Daguerreotype in hundert Jahren gemacht haben wird, wenn es nicht mehr nur ein Stückchen Leben ist, das erfasst wird, sondern das gesamte Leben sich vor den staunenden Augen unserer Nachfahren abspulen würde. Das wäre dann dir größte Kunst."

Klaus Dierßen ist, was die Fotografie angeht, Pessimist. Nicht nur, dass seiner Meinung nach das digitale Bild ein Foto simuliert. Auch die digitale Kamera ahmt für ihn den Fotoapparat nach:

"Es ist so, dass der Film nicht mehr transportiert werden muss. Der Bilddsucher wird zum Display. Allein das hat ja gravierende Auswirkungen auf die Bildgestaltung. Das Display kann mit normalem Augenabstand betrachtet werden. Das Geräusch des Auslösers wird heute akustisch simuliert, weil es den ja heute gar nicht mehr gibt."

Wird es so kommen, dass das Original, die Fotografie, verschwindet und die digitale Simulation allein überlebt? Ein Blick in die Geschichte lehrt anderes. Die Fotografie Mitte des 19. Jahrhunderts machte kommerzielle Portraitmaler arbeitslos. Die Malerei jedoch überlebte und ließ sich sogar von der Fotografie beeinflussen. Stichwort: Fotorealismus, letztlich gemalte Fotos, wie sie Mitte der Siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Mode waren.

Doch mit welcher Garantie wiederholt sich die Geschichte. Was wird beispielsweise aus dem fotografischen Blick durch den Sucher? Das eine Auge zugekniffen und das andere ans Fensterchen gepresst, dass kein Licht, kein Bild von seitwärts eindringen, stören und den Augenblick zerstören kann. Oder bei solchen Kameras wie der Rolleiflex, in die man leicht vorgebeugt oben reinschaut?

Robert Doisneau: "Durch das Mattglas die Gestalten vorbeigehen zu sehen, machte mit Mut. Natürlich, alles ist relativ, denn mit der Nase am Sucherschacht konnte man eine ehrfürchtige Haltung einnehmen, fast eine Kniebeuge machen, was meiner Schüchternheit entgegenkam und das zerbrechliche Instrument schützte. Wir würden uns beide nach und nach aneinander gewöhnen und ein gutes Stück Wegs zurücklegen."

Der Begriff Sucher suggeriert einen neugierig forschenden Fotografen. Einen, der mit fotografischem Blick auf die Straße tritt und unvergänglichen Eindrücken nachspürt. Jemand wie der 1994 verstorbene Fotograf Robert Doisneau, dem in der Geburtsstadt der Fotografie, Paris, Situationen, Momente und Kompositionen des Alltags auffallen. Das Portrait eines Gastes im Bistro einer Pariser Vorstadt, der Banlieu. Die zu große Melone ist auf die Ohren gerutscht, der Unterkiefer vorgeschoben. Im Hintergrund jemand unscharf mit Schiebermütze, hält den Kopf abwägend schief.

Oder: Ein Paar sich im Schwung einer Umarmung vor dem Pariser Rathaus küssend. Oder: Bei regnerischem Wetter auf einem unendlich weiten, kopfsteingepflasterten Platz führt ein frisch gebackener Ehemann seine Frau im weißen Brautkleid auf ein düsteres Bistro und vielleicht noch düsterer Zukunft zu. Ein Wolkenriss zur rechten wirft einen Lichtstrahl zur Erde, dass dem Betrachter unwillkürlich alles Wissen über Himmel, Heilige und Märtyrer durch den Kopf schießt. – Drei von etwa 500.000 Bildern des Fotografen. Doisneaus Tochter, Francine Deroudille, weiß, warum ihr Vater begeistert fotografierte:

"Die Zeichnung ist so etwas wie eine innere Konstruktion. Das Geschenk der Photographie ist natürlich das Licht. Auf seinen ersten Fotos waren keine Leute, sondern nur Haufen von Pflastersteinen zu sehen, oder eine Wand voller Plakate. Er erzählte von seiner Freude, dabei zuzuschauen, wie das Licht auf den Oberflächen spielte."

Heute gibt es erste Digitalkameras ohne Sucher, nur mit Display. Der Begriff des Displays bedeutet laut Wörterbuch "Bildschirm", aber auch Ausstellung und Offenbarung. Doch was ist das für ein Fotograf, der sich die Kamera bei halber Armeslänge vor die Augen hält und die Umgebung scannt, sich das vorbeiziehende Bild auf dem kleinen Schirm anschaut und darauf hofft, die Welt möge sich ihm enthüllen, entschleiern, demaskieren, bloß- und offen legen, kurz: sich ihm offenbaren? Wo bleibt der fotografische Blick durch den Sucher? Das Wissen um Lichteinfall und Schein, um Komposition und Wirkung?

Ein Model präsentiert eine winzige Digitalkamera von Sony auf der CeBIT (AP)Ein Model präsentiert eine winzige Digitalkamera von Sony auf der CeBIT (AP)Man kann genau das Jahr nennen, in dem sich die Fotografie von ihrem Vorbild, der Malerei, löste und in ihren Werken einen eigenen fotografischen Blick demonstrierte. 1929. Mit dem schwarzen Freitag kündigte sich in New York eine Weltwirtschaftskrise an, in Stuttgart dokumentiert die Ausstellung des Werkbundes, "Film und Foto", eine neue fotografische Sichtweise. Fotos transparenter Glühlampen, und eine Luftaufnahme des Hafens von Marseille. Eine Gabel auf dem Tellerrand. Welchen Raum hat die Fotografie heute?

Francine Deroudille: "Ein Fotograf arbeitet am Motiv. Er arbeitete auf der Straße. Ich denke auch, die wesentliche Arbeit eines Fotografen ist die am Motiv. Er sah sich selbst eher auf der Straße als im Studio arbeiten. Die Straße war seine Welt; sein persönliches Universum. Auf der anderen Seite war er ein Handwerker. Deshalb war für ihn auch das Handwerk, die Arbeit in der Dunkelkammer wichtig."

In den rund 180 Jahren, die seit der ersten Aufnahme, ein Blick aus dem Fenster des Joseph Nicéphore Niepce, vergangen sind, haben Fotografen eine eigene Vorstellung entwickelt, was ein Foto leisten soll. Ihre eigene fotografische Ästhetik hat sich durchgesetzt. Als Maßstab gelten Bildausschnitt und Rolle des Lichtes. Die Ausdruckskraft der Bilder soll dabei durch eine distanzierte – soll man sagen: objektive? - Haltung zum Gegenstand entstehen.

Der Begriff des Objektivs erscheint erstmals Anfang des 18. Jahrhunderts als Parallelbildung des Begriffs Okular. Er beschreibt die dem zu betrachtenden Gegenstand zugewandte Linse oder Linsenkombination eines optischen Gerätes. Die Eigenschaft "objektiv" hingegen beschreibt ein sachliches, nicht von Gefühlen und Vorurteilen beeinträchtigtes Urteil, das jeder rational denkende Mensch gleichermaßen fällen würde. Eine Doppelbedeutung, die der Fotografie heute noch als Bürde anhängt, wenn man das Foto als getreues Abbild der Wirklichkeit betrachtet.

Dierßen: "Der klassischen Fotografie ist das Indexikalische zu eigen, es vermittelt eine Spur, einen Abdruck, eine Ablagerung des Wirklichen – eine Fotografie ist vergleichbar mit dem aus einem Schornstein aufsteigenden Rauch, den wir als Zeichen, als Indikator für ein Feuer im Kamin interpretieren."

Man meint, die Fotografie zeigt die Wirklichkeit. Deshalb sahen schon Philosophen wie René Descartes und James Locke im Prototypen des Fotoapparats, in der Camera Obscura, in der Lochkamera, die ideale Analogie menschlicher Wahrnehmung.

Das Licht der Welt fällt durch eine Linse, in Analogie das Auge, und projizierte im schwarzen Kasten des menschlichen Bewusstseins, der Camera Obscura, ein Bild auf den Schirm der Fotoplatte. Dieses Bild, so die Vorstellung, sollte von einem inneren Beobachter, dem Ich, so erkannt werden, wie die Wirklichkeit objektiv ist.

Man kann retuschieren. Heute: Jedermann per Bildbearbeitungsprogramm. Früher: Einzelne Spezialisten mit Schere und Pinsel. Doch nur beim Digitalen fragt man sich: Zeigt das Bild die Wahrheit? Analoge Fälschungen – Stalin allein, zu zweit und zu dritt auf Abzügen vom selben Negativ – nimmt man als Kuriosität.

Dorothea Lange: "Mein Ansatz beruht auf drei Erwägungen. Erstens: Hände weg. Was ich fotografiere, das belästige ich nicht, pfusche nicht hinein. Zweitens: Raumsinn. Was ich fotografiere, versuche ich stets als Teil einer Umgebung dazustellen, als etwas, das Wurzeln hat. Drittens: Zeitsinn. Bei allem, was ich fotografiere, versuche ich auch zu zeigen, dass es eine bestimmte Stellung in der Vergangenheit und Gegenwart hat."

Selbst bei solchen Grundsätzen begrenzt der Bildausschnitt die Objektivität. Der große, kopfsteingepflasterte Platz des Doisneau-Fotos, auf dem der Ehemann seine Frau im Brautkleid in eine ungewisse Zukunft führt, existiert nur im Bildausschnitt des Fotos. Diesen Platz hat es nie gegeben. In Wirklichkeit führte der Ehemann seine Tochter über eine schmale Straße. Auf dem Schnappschuss vom Paar, das sich auf seinem berühmtesten Bild vor dem Pariser Rathaus küssend umarmt, ist kein spontaner Moment festgehalten. Der Fotograf hatte zwei Schauspieler engagiert, die ihm die Szene spielten.

Francine Deroudille: "Ziel seiner Art, noch mehr zu inszenieren ist uns vergessen zu lassen, dass wir im Theater sind. Alle Effekte sollen unsichtbar sein. Er macht alles so unscheinbar wie möglich. Auf alle Fälle ist ein Foto subjektiv, auf alle Fälle ist es ein Ausschnitt, auf alle Fälle ist es eine Kameraeinstellung, auf alle Fälle ist es falsch."

In diesen kläglichen Tagen ist eine Industrie hervorgetreten, die nicht wenig dazu beitrug, die platte Dummheit in ihrem Glauben zu bestärken, dass die Kunst nichts anderes ist und sein kann, als die getreue Wiedergabe von Natur. Ein rächerischer Gott hat die Stimme dieser Menge erhört. Daguerre ward sein Messias. Charles Baudelaire 1859.

Bilder, die ein fotografischer Blick durch den Sucher gefunden und aufgenommen hat, halten nicht nur Augenblicke und Momente der Wirklichkeit fest. In der Auswahl der gesuchten und gefundenen Situationen gestalten sie die Wirklichkeit und machen sie transparent. Sie sind Ausdruck eines tiefen Gefühls und deshalb authentischer Ausdruck dessen, wie man im Leben und in der Welt steht.

Dierßen: "Bleiben wir bei Doisneau und seinem Kussbild – das ist eben hochartifizell komponiert. So dass ich nicht nur einen Augenblick daran haften bleibe, sondern etwas länger. Und es Anreiz ist, darüber nachzudenken. Und je länger ich das hinauszögern kann, desto besser ist das Bild."

Ist damit dank Display und CCD-Bildwandler Schluss? Ende und Aus mit der Fotografie? Wird der fotografische Blick durch Montagearbeiten am PC ersetzt? Muss man so pessimistisch sein wie Klaus Dierßen?

Dierßen: "Die digitale Fotografie versucht der klassischen Fotografie in ihren Ausdrucksformen, in ihrem Ausdrucksgehalt zu entsprechen, und sie versucht dem zu entsprechen, was die Fotografie darstellte. Es wird versucht, sie der klassischen Fotografie und ihrem Bildverständnisses im Sinne eines Weiter-so anzugleichen."

Oder wird es ein sowohl als auch geben in der Fotografie. Sowohl analog als auch digital. Film und Chip, wie einst Fotoplatte neben Palette und Pinsel der Portraitmaler existierte?

Der Unterschied zwischen digital und Analog - nur ein Gefühl?

Massimilian Màsala: "Für die Gebrauchsfotografie, da nehme ich digital. Weil es kostengünstiger ist, weil es sicherer ist, meiner Meinung nach, weil ich die Resultate sofort habe – und ich sie gleich bearbeiten kann."

Im Profibereich arbeiten Zeitungs-, Nachrichten-, Katalog- und Agenturfotografen inzwischen fast ausschließlich digital. Technisch gesehen stehen diese Aufnahmen hinter dem Kleinbild-Negativ nicht zurück. Für künstlerische Bilder greifen Fotografen wie der in Berlin lebende Massimiliano Màsala gern auf eine Kamera zurück, in die man noch einen Film einlegen muss. Nur ein Gefühl?

Massimilian Màsala: "Ich finde, mmmh – digital fotografieren ist kälter. Ich kann’s auch nicht erklären. Das ist ein – weiß ich nicht. Das ist einfach so. Das ist ein - Dieser, dieser Prozess ist einfach – anders.""

Geschichte und Augenblick. Die besonderen Momente des König Kunde.

Otto Steinert: ""Fotografie ist Bildschaffen mit technischen und gestalterischen Mitteln. Beide müssen mit Fleiß, absoluter Systematik und unter qualifizierter Anleitung in ausreichender Zeit erarbeitet werden. Bescheidenheit und Selbstkritik helfen weiter als die Überzeugung von der eigenen Begabung. Diese ist äußerst selten."

Dierßen: "Das macht eben dann den Unterschied, ob jemand bewusst fotografiert, oder ob er eben mal spontan aus einer Situation heraus eine Familienszene, eine Urlaubssituation fotografieren will, die reinen Erinnerungswert hat. Das Bildverständnis ist da ein anderes."

Das berühmteste Foto von Robert Doisneau. Der Kuss vor dem Rathaus in Paris. 1950 als Auftragsarbeit für die Illustrierte Life entstanden. Heute eine Ikone der Liebe schlechthin. Man erkennt sich im umarmenden Paar. Manchmal so stark, dass man, wie 1995 das Ehepaar Jean und Denise Lavergne, vor Gericht zieht, um das "Recht auf das eigene Bild" einzuklagen. Vergeblich. Das Foto wirkt, auch ohne dass man die Personen kennt.

Doch die technische Entwicklung hinter dem Foto bestimmt König Kunde. Durchsetzen werden sich Systeme, die auf Kameras für den privaten Schnappschuss aufbauen. Digital? Constanze Clauß, Pressesprecherin des Verbandes der Fotoindustrie, ist sich nicht sicher.

Clauss: "1981 wurde ein Prototyp vorgestellt – das war aber wie gesagt ne Digitalkamera, die Standbilder aufnehmen konnte, mit ner Auflösung von 590x470 Pixel. 1996 haben wir auch mit der Markterhebung angefangen und damals hatten wir 23 Digitalkameramodelle im Markt. Heute haben wir über 1000 Modelle im Markt."

Zahlen. 80 Prozent der Haushalte verfügen heute über eine Kamera, in die man einen Film einlegen muss. Schätzungsweise 40 Prozent nennen eine Digitalkamera ihr Eigen. Die genaue Zahl kennt niemand, weil man dazu die Fotoapparate in Handys, Pocket-PCs und elektronischen Notizbüchern, den PDAs, mitzählen müsste.

90 Prozent des gesamten Umsatzes auf dem deutschen Fotomarkt gehen aufs private Konto. 10 Prozent aufs Konto von Fotografen. Fotokunst entsteht jedoch jenseits technischer Schwierigkeiten mit Beleuchtung, Blende und Belichtungszeit. Private Fotos hingegen entstehen diesseits der Technik. Für Schnappschüsse muss der Apparat zwei grundlegende Kriterien erfüllen. Billig und einfach. Der Laie muss ihn sich leisten und beherrschen können.

Clauss: "Es geht nicht nur um das erschwingliche vom Preis her, sondern auch, dass man eine Kamera bedienen musste. Und dem entsprechend mussten sie ja auch erst mal funktionell gebaut werden. Das heißt, jeder, der heute auf den Auslöser drückt, ist ja nicht ein Fotograf, sondern er ist Knipser oder ambitionierter Hobbyfotograf - wichtig ist für ihn doch, dass er unbeschwert auf den Auslöser drücken kann und es kommt schon was gutes hinten raus."

Steven J. Sasson und der erste Prototyp einer digitalen Kamera aus dem Jahr 1975. (AP Archiv)Steven J. Sasson und der erste Prototyp einer digitalen Kamera aus dem Jahr 1975. (AP Archiv)Der Massenmarkt Fotografie entwickelt sich seit 1870. Kodak 1, Agfa Box, Agfa doof. Mitte der Siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts: Kodak Instamatic, Agfa Rapid. In den Achtzigern die letzten, großen Entwicklungen. Der Autofokus, der vorausberechnende Autofokus über drei verschiedene Sensoren und der Fähigkeit der Bewegungserkennung. 1996 dann ein ganz neues Filmformat. Das Advanced Photo System, kurz: APS. Panoramabilder. So lang und so schmal, wie ein Beitwandfilm auf den Campingfernseher gebracht.

Das Gute: Seit den Neunzigern stellen Kodierungen auf dem Filmstreifen die Kamera automatisch auf die Lichtempfindlichkeit des Films ein. Und aus dem Labor bekommt man die Abzüge mit Indexdruck zurück. Das einzelne Bild fünfzig mal billiger als aus dem privaten Fotoprinter.

Clauss: " Also Preisvergleiche. Also es äh – So ne Frage! – Fotografie wird nicht über den Preis definiert sondern es kommt auf das Erlebnis an, wenn ich das Bild zu Papier bringe. Das überwiegt doch vieles. Und ne Tafel Schokolade hat man ja auch schnell aufgegessen.""

In den Dunkelkammern ist vor langer Zeit das Rotlicht ausgegangen. Ein für alle mal vorbei der spannende Moment, in dem langsam Kontraste aus der weißen Oberfläche des Papiers aufstiegen und sich zu Flächen und Formen schlossen. Geschlossen das Refugium, in dem die Erinnerung an manchen, unwiederbringlichen Augenblick aus dem Bad gehoben wurde.

Francine Deroudille: ""Langezeit war die Dunkelkammer in unserem Badezimmer. Ich erinnere mich, als ich noch ein kleines Mädchen war, wie beeindruckt ich vom Geruch des Hyposulfid war, vom Ticken der Eieruhr – Das waren Augenblicke der Stille und der Spannung. Als ich Kind war, war genau das mein Eindruck der Arbeit von Erwachsenen. Die Dunkelkammer ist genau das. Aber die Dunkelkammer war auch ein Ort, wohin er sich ungern begleiten lies."

Doch unterm Rotlicht der Dunkelkammer konnte man nur schwarz-weiß Fotos abziehen. Heute stellt Kodak kein Schwarz-weiß Fotopapier mehr her und Illford, über Jahre fast ein Synonym für Fotopapier, stand gleichfalls vor dem Ende und wird jetzt von einer neuen Mannschaft über Wasser gehalten.

Francine Deroudille: "Manchmal hat man vergessen, dass er in der Dunkelkammer war. "(lachen)" Dann hörte man plötzlich ein lautes Schei... weil etwas nicht so klappte, wie er es wollte - Und dann sagte wir: Ah, er ist in der Dunkelkammer. "(lachen)" Die Dunkelkammer, das ist für mich: sehr lange Stille vor einem Gebrüll, das selten triumphierend war "(lachen).

In Großlabors haben Automaten die Arbeit übernommen. Vor Jahrzehnten: Zur Entwicklung von Farbfotos. Heute scannt man Negative ein, die Bilder werden ausgedruckt. Hält man einen Abzug bis zur Größe eines DinA 4 Blattes in der Hand, ist der Unterschied zwischen Fotografie auf Film und der Bildkonstruktion durch Halbleiterchips verschwunden. Die Gewöhnung an die analoge Fotografie schwindet auch.

Clauss: ""Der Verbraucher war’s gewohnt, seinen Film beim Fotohändler abzugeben und dann nach einer Stunde, einem Tag oder einer Woche seine Filmtüte mit den Bildern wieder abzuholen. Und voller Spannung hat er dann schon im Fotogeschäft schon die Tüte geöffnet, weil er sehen wollte, was ist auf dem Film drauf und wie sind die Bilder geworden."

Man nennt es Zukunftsszenario. Dahinter verbirgt sich eine konkrete Angst. Die Angst vor dem Verschwinden des Fotos.

Clauss: "Da ist bei einer Familie eingebrochen worden. Und die hatten alle Bilddaten auf ihrem Laptop gespeichert. Und dieser Laptop ist mit eben entwendet worden. Der Diebstahl oder der Einbruch war der Familie relativ egal. Weil den kann man verschmerzen. Das Schlimme für die Familie war, dass alle Bilder von ihren Kindern damit weg waren. Und sie haben einen großen Aufruf gestartet, dass sie ihren Laptop wiederbekommen. Da ging es ihnen nicht um den Preis vom Laptop, sondern um die Bilder von ihren Kindern."

Die Angst, dass die Bilder einer ganzen Generation verschwinden, ist unbegründet. Auch künftig werden Bilder auf Papier gebracht und in Alben aufbewahrt werden. Längst bieten findige Kleinstverleger per Internet das private Fotobuch an. Und der Absatz von Inkjet- und Thermosublimationspapieren für den Fotodrucker daheim steigt.

Clauss: "Also im Jahr 2005 wurden 5,25 Milliarden Bilder zu Papier gebracht. Und über den Fotodrucker sind 675.000 gelaufen."

Kurz: Sechs Milliarden Bilder werden in Deutschland mit herkömmlicher Fotoqualität produziert. Sechs Milliarden Abzüge jährlich bei sekündlich 500 Fotoversuchen. Nun kann man einen Taschenrechner hervorholen und nachrechnen. Wie viele der versuchten Fotografien werden tatsächlich zu Bildern? Jeder zweite. 250 Bilder pro Sekunde. Oder anders ausgedrückt: Täglich entsteht ein viereinhalb Kilometer hoher Turm bebilderten Fotopapiers in Deutschland. Der Fotomarkt boomt. Und der Abschied vom Film dauert lange.

Clauss: "Da hab ich doch was wunderschönes für sie vorbereitet "(lachen)" Pepppepp – wo haben wir’s denn? So. Also. So. So. Also. Die Firmen sind weiterhin bestrebt, auch dort weiterzuentwickeln, wir haben aber dort nicht mehr die Quantensprünge, wie wir sie in der Digitalfotografie haben."

Dierßen: "Die Fotografie ist erst einmal ein technisches Medium. Es ist ein Aufzeichnungsapparat. Wie man damit umgeht, das macht dann den Unterschied aus."

Heute starten erste Nischenmanufakturen die Filmproduktion. Fotoimpex beispielsweise lässt jetzt bei kleinen Herstellern in Kroatien, China, Russland oder Ungarn eigene Filme gießen. Kleinstmengen von rund 5000 Filmen aus einem Guss.

Dierßen: "Das Entscheidende ist die Frage nach der Art der Anwendung der Technik. Denn die entscheidet über Kunst oder Nichtkunst. Von Kunst kann ich eigentlich nur dann sprechen, wenn ich sozusagen das Medium überwinde. Wenn ich auch dem Medium aussteige. Es gibt den schönen Satz: Kunst beginnt da, wo die Faszination durch das Medium endet."

Auch größere Unternehmen fokussieren einen Geschäftszweig auf die Nische der analogen Fotografie. Der japanische Hersteller Olympus. Der Geschäftszweig der Filmkameras ist profitabel. Im vergangenen Geschäftsjahr hatte man sogar Marktanteile hinzugewinnen können.

Und nicht zuletzt: Auch der Kunde wehrt sich. In Frankreich sammelte der Fotograf Phillipe Bachelier Unterschriften für seine Petition für den erhalt des 220-Rollfilms. 20 Aufnahmen im sechs mal sechs Zentimeter-Format. Gleichzeitig schreiben die Unterzeichner, wie viele Filme sie ordern würden.

Dierßen: "Ich denke mal, dass es durchaus einen innovativen Umgang mit der Fotografie gibt. Das heißt, ich bin immer noch in der Lage, visuelle Bilder von unserer Welt zu schaffen, die uns beeindrucken, die unter die Haut gehen, die uns bewegen, die schön sind, die uns unbekannte Ecken zeigen, die uns Grausamkeiten vorführen – also diese Funktionen der Fotografie bleiben selbstverständlich erhalten und bestehen."

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