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Vollbild | Beitrag vom 18.04.2015

Rosa von Praunheim"Er hatte immer Angst vor seiner Mutter"

Der Regisseur Rosa von Praunheim im Gespräch mit Susanne Burg

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Rosa von Praunheim im Studio (Deutschlandradio Kultur / Stefan Ruwoldt)
Rosa von Praunheim im Studio von Deutschlandfunk Kultur (Deutschlandradio Kultur / Stefan Ruwoldt)

"Härte", der neue Film von Regisseur Rosa von Praunheim, erzählt die Geschichte des ehemaligen Zuhälters und Kampfsportlers Andreas Marquardt. Am Anfang dieser Geschichte steht der jahrelange Missbrauch von Andreas durch seine Mutter.

Andreas Marquardt: Ich habe sehr vielen Menschen wehgetan. Aber ich kann's nicht mehr gut machen. Verflucht noch mal. Ich kann's nicht mehr gutmachen. Ich war ein eiskalter Typ. Ich war ein Block. Mir war alles scheißegal.

Susanne Burg: Das sagt Andreas Marquardt in einem sehr eindrücklichen Film, der am Donnerstag in die Kinos kommt, "Härte" heißt er und erzählt die Geschichte des Berliners Andreas Marquardt. Der war Karateweltmeister, hat viele Jahre als Zuhälter gearbeitet, galt als besonders brutal und rücksichtslos und saß auch acht Jahre in Haft. Verknüpft damit ist auch die Geschichte des Kindes Andreas, das vom Vater brutal misshandelt und von der Mutter sexuell missbraucht wurde. Im Film sind diese Szenen inszeniert. Katy Karrenbauer spielt die Mutter:

"Hier am Po müssen wir ganz besonders trocken machen, zwischen den Beinen. Den kleinen Mann hier, den hast du nicht nur zum Pipi machen. Das Schwänzli und das Säckli, das hast du, weil du ein richtiger Mann bist. Den kannst du anfassen und ein bisschen dran kneten, und dann wird der ganz groß. Soll ich dir mal zeigen, wie das funktioniert? Na komm."

Burg: Ein Ausschnitt aus dem Film "Härte". Heute arbeitet Andreas Marquardt als Karatelehrer und engagiert sich für soziale Projekte mit Kindern. Im Studio begrüße ich ganz herzlich den Regisseur des Filmes, Rosa von Praunheim. Freut mich, dass Sie gekommen sind. Guten Tag.

Rosa von Praunheim: Ja, hallo!

Burg: Rosa von Praunheim, diese Szene mit der Mutter, die wir eben gehört haben, hat mich wirklich arg durchgeschüttelt, weil sie diese Macht und Manipulation der Mutter so nachfühlbar werden lässt aus der Sicht des Kindes. Sie haben nun schon häufig die fertige Fassung gesehen. Wie ergeht es Ihnen? Was an der Geschichte von Andreas Marquardt ergreift Sie?

von Praunheim: Na ja, also natürlich sein ganzes Leben, er ist ja eine extreme Persönlichkeit, einmal auch durch die unheimliche Disziplin mit dem Sport, dass er so viel erreicht hat, und dann die Brutalität als Zuhälter. Die Missbrauchsgeschichte hat sein ganzes Leben beeinflusst. Ich meine, er hat ... Bis heute kann er mit seinen Eltern nicht Frieden schließen, weil er die dafür verantwortlich macht, was aus ihm geworden ist. Und der Missbrauch durch die Mutter ist ja etwas, was man nicht so kennt und was man eigentlich Müttern auch nicht zutraut. Aber es gibt doch eine ganze Reihe von Müttern, die das tun, und da ist die Dunkelziffer doch recht hoch.

Burg: Diese Strukturen, die übernimmt er dann ja auch später und führt sie fort in seinen Beziehungen zu Frauen und auch in seinem Job als Zuhälter. Er demütigt die Frauen, macht sie abhängig und gefügig. Hanno Koffler spielt diesen Andreas Marquardt. Wie direkt wollten Sie einen Zusammenhang zwischen dem eigenen erlittenen Missbrauch von Andreas Marquardt herstellen und der Gewalt, die er anderen angetan hat? Und wie groß war die Herausforderung, dabei nicht zu vereinfachen oder ihn zu entschuldigen?

von Praunheim: Ja, ich meine, das ist immer eine Gefahr. Es gibt natürlich auch viele Zuhälter, die nicht von der Mutter missbraucht wurden oder die nicht diese schreckliche Kindheit hatten oder so. In diesem Fall ist seine Einstellung zu Frauen natürlich sehr geprägt. Am Anfang hat ihm das ja gefallen, die Zärtlichkeit oder auch die sexuellen Geschichten, aber dann kam immer mehr Ekel dazu und dann vor allen Dingen als Teenager, als er die erste Freundin hatte oder die ersten Freundinnen, hat die Mutter sie alle weggebissen und hat die dann abgefangen und gesagt, also der hat jeden Tag eine andere und so. Aber er konnte sich gegen die Mutter ein Leben lang nicht wehren. Er hatte immer Angst.

Burg: Das Drehbuch hat auch Andreas Marquardts Psychotherapeut mit entwickelt zusammen mit dem Drehbuchautor Nico Woche, und diese Sätze sind teilweise, finde ich, wie Waffen, die da einschlagen, Sätze der Mutter zum Missbrauch wie "Sei froh, dass ich dir das zeige, sonst wirst du so ein Stümper wie dein Vater." Ich frage mich: Wie haben Sie aus dieser ganzen Missbrauchsgeschichte diese Sätze herausdestilliert?

von Praunheim: Ja, das ist eben hauptsächlich der Drehbuchautor Nico Woche, ich meine, denn das ist ja immer ... Ein ganzes Leben oder ein ganzes Buch ist ja sehr viel, und da was rauszufiltern und das gerade für einen Film so prägnant zu machen, das ist eine große Kunst. Da bin ich ihm sehr dankbar. Und das hat es dann auch leichter gemacht im Film, um das umzusetzen. Ich meine, wir haben ja sehr konzentriert im Studio gearbeitet, die ganzen Rückblicke, die Innenszenen haben wir im Studio mit Rückprojektionen in schwarz-weiß gedreht, also die Requisiten und die Schauspieler waren vor den Leinwänden, und das war eine sehr, sehr intensive Arbeit. Also gerade Hanno Koffler und Luise Heyer, die die in jung spielen, sind genial.

Burg: Sie mischen ja diese Interviewszenen mit den inszenierten Szenen. Andreas Marquardt erzählt ja durchaus auch viel aus der Vergangenheit. Wie haben Sie entschieden, wann Sie ihn zu Wort kommen lassen und wann Sie Szenen nachspielen lassen?

von Praunheim: Na, das ist eine Sache des Schnitts. Also ich habe schon im Vorhinein dokumentarisch gearbeitet mit dem Andreas Marquardt und seiner Freundin Marion, die er ja mit 17 auf den Strich geschickt hat und die die einzige Frau ist, die immer noch bei ihm geblieben ist, auch über die ganze Knastzeit hinweg. Da konnte ich natürlich viel dokumentarisch erst mal arbeiten, und dann hinterher konnte ich dann auswählen, was ist wichtig, dass man so eine dokumentarische Rahmenhandlung hat, um dann überzugehen in die Spielszenen.

Burg: Weil Sie Marion Erdmann erwähnen: Die leben ja immer noch zusammen, haben viele Jahre jetzt schon gemeinsam verbracht, und es ist eine unglaubliche Geschichte ja auch der Demütigung von Marion Erdmann – und gleichzeitig wird auch klar: Sie liebt ihn. Hat Sie das überrascht?

von Praunheim: Natürlich hat mich das überrascht, mich überrascht das bei jedem, der sich einer Diktatur unterwirft, der sich manipulieren lässt, der sich unterwirft. Aber wir wissen ja, also gerade die Deutschen wissen, wie schnell das geht, wenn Diktatoren da an der Macht sind, wie schnell man jemandem zujubelt und vertraut und denkt, das ist der Gott. So hatte Marion das auch bei Andi gedacht, als sie ihn mit 17 kennenlernte: Das ist der Mann meines Lebens, den und niemand anders will ich und ich tue alles für ihn. Dieses Alles-für-jemanden-Tun und nicht zu hinterfragen, selbst, wenn sie geschlagen wurde, zu sagen, na ja, das muss irgendwo seinen Grund haben, das lässt sich leicht übertragen auf andere Diktaturen.

Burg: Andreas Marquardt erzählt selbst ja auch unglaubliche Dinge, zum Beispiel, dass er in Haft eine Therapie regelrecht erzwingen musste, man wollte sie ihm nicht zugestehen. Man glaubt ihm alles sofort, wenn er es erzählt, und dennoch: Haben Sie Dinge auch nachrecherchiert oder seiner Erzählung völlig vertraut?

von Praunheim: Der Therapeut, der Psychologe Jürgen Lemke, der mit ihm zusammen im Knast dieses Buch geschrieben hat und der ihn eigentlich bis heute auch psychologisch betreut und auch inzwischen ein Freund geworden ist, der ist natürlich sehr vertrauenswürdig, und den konnte ich natürlich vieles fragen, was vielleicht noch nicht so klar war. Und das hat sehr geholfen.

Burg: Sie erzählen ja die Geschichte auch einer Läuterung. Heute arbeitet Andreas Marquardt mit Kindern und Jugendlichen. In einer Szene zeigen Sie, wie er eben mit den Kindern und Jugendlichen arbeitet, wie er beim Karate zuschlägt, und ich finde, er hat dann so was ganz, ganz Brutales im Gesicht. Natürlich ist das alles im Rahmen des Sports, aber aus Ihrer Sicht: Wie erfolgreich ist diese Geschichte der Läuterung?

von Praunheim: Nun, im Film sehen wir hauptsächlich, wie er mit Erwachsenen Karate macht, und das ist nun mal ein sehr, sehr harter Sport. Ich meine, da schlägt der mit Bambusstangen auf die Beine oder auf die Arme. Das ist natürlich nicht bei den Kindern so. Ich meine, mit den Kindern ist er sehr, sehr verständig und sehr liebevoll, und gleichzeitig verlangt er Disziplin, und das ist erstaunlich, wie diese Neuköllner Kids ihm total gehorchen. Also der hat einfach so eine natürliche Autorität, der kommt rein und die stellen sich da auf, und selbst die Dreijährigen – das ist wunderbar. Und die Eltern finden das natürlich toll, weil die da, anders vielleicht als zu Hause, wirklich Disziplin lernen und das auch sehr gern machen. Die kommen gerne zu ihm. Die erkennen ihn wirklich an und er kann ... Für ihn ist es ja auch wichtig, dass die Kinder da eine Waffe haben und sagen, also ich mache nicht alles mit, was mir irgendwelche Erwachsenen sagen, sondern ich lerne, mich auch zu wehren und zu sagen, nein, das will ich nicht oder so. Das ist genau die Message, die er hat, weil er als Kind sich eben nicht wehren konnte.

Burg: Ich finde, "Härte" ist ein unglaublich einfühlsames Porträt geworden, wie auch Ihre letzten Filme sehr einfühlsam waren. Bei Rosa von Praunheim denken ja viele Menschen zuerst an experimentell-schrille Filme, provokante Filme. Egal, was die denken: Hat sich denn Ihre Einstellung gegenüber dem Filmemachen im Laufe Ihrer ja sehr langen Karriere auch geändert?

von Praunheim: Na, das ist eigentlich, "Härte", der erste Film, der mit konventionellen Schauspielern ein seriöses Drama inszeniert. Also das habe ich in dem Sinne noch nie gemacht. Ich habe sehr viel immer mit Ironie und Distanz und mit sehr viel Humor gearbeitet und Schauspieler waren per se nicht so interessant für mich, sondern eher ihre Fantasien und ihre Persönlichkeit. Aber hier steht das Handwerk sehr stark im Vordergrund, also wie Hanno Koffler sich in die Rolle von Andreas Marquardt reindenkt oder -handelt, er hat ja bei ihm auch Karatetraining gemacht, und das ist großartig, was er da leistet, das hat mir einen unheimlichen Respekt vor der Schauspielkunst gegeben, was Schauspieler eben leisten können, und nicht diese Routine, einfach da irgendwie mal aufzutreten und seine Sätze runterzusagen, wie das wirklich bei vielen Krimis oder so, die es ja fast nur noch im Fernsehen gibt, gemacht wird. Also da habe ich eine große Hochachtung. Auch Luise Heyer – das Zusammenspiel zwischen den beiden, das ist ... Ich habe da einfach immer nur gestaunt. Und sicher ist das auch ein Weg, den ich weiter gehen möchte.

Burg: ... sagt Rosa von Praunheim. Sein neuer Film "Härte" kommt am Donnerstag in die Kinos und Rosa von Praunheim und Andreas Marquardt gehen auch auf Kinotour. Die Termine finden Sie unter www.missingfilms.de. Und das Buch von Andreas Marquardt und Jürgen Lemke ist im Ullstein Verlag erschienen und Ihnen, Rosa von Praunheim, herzlichen Dank für Ihren Besuch im Studio!

von Praunheim: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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