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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.08.2015

Romantiker William Wordsworth Biografie in Versen

Von Katharina Döbler

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Der englische Romantiker William Wordsworth (1770 - 1850). Mit Samuel Taylor Coleridge begründete er das Romantische Zeitalter in der Englischen Literatur; hier auf einem Porträt von Carruthers (imago/United Archives International)
(imago/United Archives International)

William Wordsworth gilt als Begründer der Romantik in der Englischen Literatur. Sein autobiografisches Langgedicht ist ein Schlüsselwerk seiner Zeit - und liegt erstmalig vollständig auf Deutsch vor. Es zeigt, dass romantische Naturbetrachtung zugleich Selbstbetrachtung ist.

Es gibt nicht viele Autobiografien, die in Blankversen geschrieben sind. Und die noch dazu als Langgedicht den Rang eines Meisterwerks zuerkannt bekamen.

Der englische Romantiker William Wordsworth (1770 bis 1850) arbeitete über viele Jahre an dieser Selbstbetrachtung. Er begleitete und beobachtete sich über die Jahre selbst in seiner Entwicklung als denkender, fühlender Mensch, als Dichter und Zeitgenosse. Gerichtet war das umfangreiche Werk in 13 Kapiteln an den Dichterfreund Samuel Taylor Coleridge: Die beiden waren viele Jahre ein unzertrennliches Zweigespann, wanderten tage- und wochenlang durch den Lake District, wo sie auch lebten, und entwickelten dabei das englische Konzept der Romantik gewissermaßen im Gehen.

Geplant war das "Prelude" als Einleitung zu einem großen poetischen Text über die Zurückgezogenheit, "The Recluse", der das Hauptwerk des Dichters hätte werden sollen, aber nie vollendet wurde. Auch an dem Präludium hat der Dichter nach Beendigung der ersten Version von 1805 immer wieder gefeilt, hat Teile abgemildert oder gestrichen, Akzente verschoben und des Versmaß geglättet.

Übersetzung stützt sich auf älteste Fassung

Allerdings nicht immer mit einem erfreulichen Ergebnis, wie der Herausgeber und Übersetzer des vorliegenden Bandes, Wolfgang Schlüter, findet. So hat er sich auf die älteste Fassung gestützt, die damit zum ersten Mal vollständig auf Deutsch vorliegt. So dass nun ein Schlüsselwerk seiner Zeit fast neu zu entdecken ist: Die romantische Naturbetrachtung, die stets zugleich Selbstbetrachtung ist; der stürmische Idealismus mit seiner großen Sympathie für die Französische Revolution; die empfindsame Erschließung der Imagination; und die Skepsis gegenüber der aufkommenden Industrialisierung, die schon damals als Entfremdung wahrgenommen wird.

Schlüters Übersetzung, eher genau als musikalisch, behält die Länge des Originals bei, was bei Übertragungen aus dem Englischen mit seiner Mehrdeutigkeit einzelner Worte in das behäbigere und eindeutiger zuschreibende Deutsch stets ein großes Problem darstellt. Schlüter hat es mit Anstand, teilweise auch mit Eleganz gemeistert. Dennoch: Man bekommt – wie bei den Shakespeare-Übertragungen – immer wieder Lust auf das Original. Deshalb bitte die nächste Coleridge-Ausgabe zweisprachig!

William Wordsworth: Gedicht, noch ohne Titel, für S. T. Coleridge. Prelude 1805
Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Wolfgang Schlüter
Matthes & Seitz, Berlin 2015
378 Seiten, 39,90 Euro

Mehr zum Thema:

In Deutschland ein noch zu entdeckender Dichter
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 29.02.2012)

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