Roman

Slapstick in der Suchtklinik

Blick in den "Krisenraum" einer Psychiatrie: Beim ernsten Thema Sucht übertreibt es Simon Borowiak ein wenig mit dem Humor. © dpa/picture alliance/Daniel Bockwoldt
Von Wolfgang Schneider · 04.06.2014
Cromwell ist abhängig von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln und landet in einem psychiatrischen Krankenhaus. Was hier passiert, versucht Simon Borowiak mit Comedy-Humor zu beschreiben – tatsächlich aber setzt er zu oft auf Albernheiten.
Drogen sind mal wieder Thema der Saison. Joachim Lottmann liefert den schrägen Diätbericht "Endlich Kokain", Peter Wawerzinek legt die "Schluckspecht"-Beichte ab, und Simon Borowiaks neuer Roman heißt schlicht und treffend "Sucht".
Da herrscht viel autobiographischer Leidensdruck. Schon in "Alk" (2006) hat Borowiak freimütig über seine Trink-, Entzugs- und Entgiftungserfahrungen geschrieben. Wie bei Wawerzinek ist Komik eine Strategie, mit dem Suchtkomplex umzugehen. Eine andere Komik allerdings: Während Wawerzinek auf Groteskes und skurrile Sprachspiele setzt, um die Verzweiflung ins Aberwitzige zu treiben, bemüht sich Borowiak um Satire und Comedy-Humor.
Ein kaputtes, aber gerade deshalb stabiles Trio steht im Mittelpunkt. Der verkrachte Akademiker Cromwell Jordan und Schlomo Krakowiak, trockener Alkoholiker und Aushilfsnachtportier, haben sich in der Psychiatrie kennengelernt. Der Dritte im Männerbund ist der blinde Mendelssohn. Cromwell ist stark abhängig von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln sowie den sieben "Hausärzten", die sie ihm verschreiben. Nach tagelanger Schlaflosigkeit liefern ihn die beiden Freunde auf der Entgiftungsstation eines psychiatrischen Krankenhauses ab. Er schlottert sich durch den Entzug, kämpft sich durch Depressionen und widrige Erinnerungsschübe, zeitweise kann er zwischen Realität und Halluzination nicht mehr unterscheiden. Um ihn herum: mehr oder weniger sympathische Loser, Trinker und Tablettensüchtige.
Verzweifelt unterhaltsamer und anrührender Roman
Cromwells Bettnachbar bekommt den Spitznamen XXL verpasst, ein widrig bulliger Typ, der allerdings unter der Fuchtel seiner Schwiegermutter steht und wegen Jägermeister-Missbrauchs eingeliefert wurde. Als unversehens seine Frau bei einem Fahrradunfall stirbt, wendet sich das Stimmungsbild: Dem Widerling schwappen allgemeines Wohlwollen und Anteilnahme entgegen.
Schlomo, Mendelssohn und Cromwell sind allerdings gerade dabei, eine Privatdetektei zu gründen und setzen sich, beauftragt von der Schwiegermutter, auf XXLs Spuren – und die führen zu einem verschachtelten Mordgeschehen. So fährt der Roman mehrspurig: Zur Suchtgeschichte kommt nicht nur die burleske Kriminalstory, sondern auch eine Liebesverwicklung. Denn wie ein rettender Engel taucht Cromwells Jugendliebe auf, die resolute Heike. Cromwell und Schlomo sind gleichermaßen von ihr betört, so dass nur die Alternative bleibt zwischen Doppelverrat oder Dreiecksgeschichte.
Borowiaks Suchtkrüppel sind Menschen, die sich in ihrer Haut, ihrem substanzenverseuchten Körper, ihrer entgleisten Existenz höchst unwohl fühlen. Bei fast jeder Berührung mit der Außenwelt geraten sie ins Trudeln: Achtung, Rückfall! Sucht ist ein ernstes Thema. Gerade deshalb übertreibt es Borowiak bisweilen mit den lustigen Fassaden, die nicht immer so lustig sind. Er steckt zu viele Albernheiten und matte Witze in seine Geschichte. Man hätte aus diesem verzweifelt unterhaltsamen, anrührenden und am Ende doch nicht ganz untröstlichen Roman einiges wegstreichen können, und es wäre ein Gewinn gewesen.

Simon Borowiak: Sucht
Knaus Verlag, München 2014
288 Seiten, 19,99 Euro