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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 30.08.2014

RomanRobinsonade auf Hiddensee

Lutz Seiler: "Kruso"

Von Helmut Böttiger

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Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)
Mehrere Jahre schrieb der Bachmann-Preisträger Lutz Seiler an seinem ersten Roman. (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.

Der 1963 in Thüringen geborene Lutz Seiler ist mit seiner Lyrik bekannt geworden und gilt mittlerweile in dieser Gattung als einer der bedeutendsten zeitgenössischen Autoren. Langsam hat er sich an die Prosa herangearbeitet, mit Essays und Erzählungen. Der Roman "Kruso", an dem Lutz Seiler mehrere Jahre schrieb, stößt deshalb auf besondere Aufmerksamkeit: Gelingt diesem Lyriker auch ein 500-Seiten-Roman?

Die Sozialisation in der DDR ist für Seiler von Anfang an der Nährboden für seine literarischen Erkundungen gewesen. Sein Heimatdorf ist im Zuge des Uranabbaus geschleift worden, und das Phänomen der Radioaktivität nahm deshalb in seinen ersten Gedichten den Charakter einer vieldeutigen Metapher an. Davon ist auch in seinem ersten Roman noch etwas zu finden.

Schauplatz Hiddensee

In der Figur des Röntgenstrahlen-Forschers Rommstedt ist Robert Rompe zu erkennen, auf der Insel Hiddensee lebender Physiker und Stiefvater von Aljoscha Rompe, dem 2000 verstorbenen legendären Sänger der DDR-Punkband "Feeling B", der im Roman ebenfalls eine Rolle spielt. Die Insel Hiddensee war in der DDR ein geheimer Treffpunkt der Aussteiger, sie war wie das Ende der Welt, und sie ist der Schauplatz von Seilers Roman, den man auch zeitlich genau eingrenzen kann.

Er spielt in den letzten Monaten der DDR. Und doch ist es letztlich kein DDR-Roman. Die Insel Hiddensee und der konkrete geschichtliche Hintergrund bilden nur die Grundlage für eine sprachliche Exkursion ins Unbekannte, in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.

Die Hauptfigur Ed Bendler flieht aus seinem Studienort Halle an der Saale, wo er über Georg Trakl arbeitet, auf das exterritoriale Gelände der Insel Hiddensee. Dort jobbt er als Tellerwäscher in der Gaststätte Klausner - eines der begehrten Ziele für suspendierte oder freiwillig abbrechende Literaten und Geisteswissenschaftler, um als saisonale Arbeitskraft unterzukommen. In der Begegnung mit Kruso, dem heimlichen König der Insel und Kopf der Untergrundszene, der auf Hiddensee eine geheime Gegenrepublik im Kleinen aufzubauen versucht, erlebt Ed seinen eigenen Bildungsroman. Es ist in erster Linie eine Robinsonade.

Dichtes Netz lyrischer Verweise

Kruso ist russischer Herkunft und heißt eigentlich Alexander Krusowitsch, und er hat in seinen Vorstellungen von Freiheit etwas Charismatisches. Ed wird zu seinem "Freitag", wie die Schülerfigur in Daniel Defoes "Robinson"-Roman heißt. Das Motiv der Insel, das Motiv Robinson, das Motiv der Gaststätte "Klausner", die sich wie eine Arche Noah über dem Meer erhebt – es gibt in diesem Roman ein dichtes Netz von lyrischen Verweisen, die Seilers Beschäftigung mit Poesie auf neue Weise weiterführen. Und gleichzeitig knüpft Kruso auch an die existenziellen Erkundungen an, die mit der aufklärerischen Sinnsuche des 18. Jahrhunderts begannen und in der Romantik widersprüchliche und suggestive Formen annahmen.

Seiler fragt in seinem Roman nach den Möglichkeiten, individuelle Freiheit unter gesellschaftlichen Zwängen zu erproben, aber er ist vor allem auch ein literarisches Wagnis, das die politisch-realistischen in unerhörter Weise mit surrealen und grotesken Welten verbindet und dies zu einer ganz eigenen ästhetischen Einheit führt. Ein grandioses Buch, das weit mehr ist als bloß der Roman dieses Jahres.

Lutz Seiler: Kruso
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014
484 Seiten, 22,95 Euro

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"Man muss sich gut überlegen, ob man da hinfahren will" (Deutschlandradio Kultur, Kulturinterview, 02.07.2007)

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