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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.02.2014

RomanLebenswege

Anne Landsman: "Wellenschläge"

Von Carsten Hueck

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Im Krankenhaus hält eine Krankenschwester in der einen Hand eine Spritze, die andere Hand ist an einem Tropf. (picture alliance / dpa / Foto: Sami Belloumi)
Die Erzählerin im Roman weiß, dass ihr Vater sterben wird. (picture alliance / dpa / Foto: Sami Belloumi)

Das Buch "Wellenschläge" ist der zweite Roman der südafrikanischen Autorin Anne Landsman. Es ist ein Hymnus auf das Leben und die Natur, den ewigen Kreislauf von Geburt und Sterben.

"The rowing lesson" heißt im Original der zweite Roman der aus Südafrika stammenden, in New York lebenden Autorin Anne Landsman. Unter dem Titel "Wellenschläge" liegt er nun auch auf Deutsch vor. Er gleicht einer Ruderpartie, die an den markanten Stationen eines Menschenlebens vorüberführt. Das stetige Eintauchen in den Fluss der Erinnerung ist dabei das strukturierende Element des Erzählens.

Die Erzählerin Betsy ist in Südafrika als Tochter eines Arztes geboren. Sie lebt inzwischen als Künstlerin in den USA, malt ausgestorbene Tiere und ist fasziniert vom Quastenflosser, einem Millionen Jahre alten Fisch, der 1938 vor der Küste ihrer Heimat entdeckt wurde. Im selben Jahr machte ihr Vater Harold als Jugendlicher bei einem Bootsausflug eine einprägsame erotische Erfahrung.

Mit deren Schilderung beginnt der Roman. Noch ist unklar, wer das von der Erzählerin angesprochene "Du" und auch wer die Erzählerin selbst ist. Doch bald wird klar: Betsy ist schwanger aus New York nach Kapstadt gekommen, wo ihr Vater im Krankenhaus liegt. Nach einem Armbruch und erfolgter Operation ist er ins Koma gefallen, Komplikationen haben sich eingestellt, Urämie, Organversagen, er wird sterben. Vergehendes und beginnendes Leben begegnen sich hier, gleiten, ohne sich zu berühren, aneinander vorüber.

Begegnung am Krankenbett

Am Krankenbett, zwischen angespannten Gesprächen mit ihrer Mutter und dem ebenfalls eingetroffenen Bruder, zwischen Arztvisiten und Diskussionen, ob sich das Leben ihres Vater vielleicht noch verlängern ließe, taucht Betsy in dessen Vergangenheit ein. Sie rekonstruiert seine Erinnerungen, zitiert Phrasen auf Afrikaans oder Hebräisch, spricht zu ihm wie zu einem Embryo, erzählt in der Zweiten Person, wechselt wieder in die Erste. Streckenweise irritiert das, deutlich wird aber ihre enge Verbindung zum Vater, die zu seinen Lebzeiten nie hätte formuliert werden können.

Als Sohn eingewanderter Juden aus Litauen, von schwächlicher Konstitution, hatte er Medizin studiert. Weder Bure, noch Engländer oder Schwarzer, führte er ein Leben als Südafrikaner, aber auch als Einzelgänger zwischen allen gesellschaftlichen Gruppen. Er heiratete eine jüdische Kommilitonin, bekam zwei Kinder und baute sich an einem kleinen Krankenhaus eine Existenz als Landarzt auf. Er war widersprüchlich und jähzornig, liebte die Weine Südafrikas, die Frauen und das Wasser – Leitmotive, die im Fluss der Erzählung immer wieder auftauchen, kraftvoll und poetisch von seiner Tochter ausgeschmückt. Seine Patienten nannten ihn "Dr. God". Er kam auch nachts bei Unwetter zu ihnen, flickte, reparierte, heilte alles, was möglich war, schwor auf die Erzeugnisse der Pharmazie und war doch einer, der den Menschen im Patienten erkannte.

Die Erzählerin erschafft retrospektiv das lebendige Porträt eines in seinem Umfeld bedeutsamen, aber in seiner Zeit letztlich einsamen Menschen. "Wellenschläge" ist Abrechnung und Elegie, humorvoll und unsentimental – und auch ein Hymnus auf das Leben und die Natur, den ewigen Kreislauf von Kommen und Gehen.

Anne Landsman: Wellenschläge
Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow
Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2014
264 Seiten, 19,95 Euro
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