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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.08.2014

RomanKunst und Freiheit

Meg Wolitzer: "Die Interessanten"

Von Ursula März

Der Erdschatten und der Gürtel der Venus über San Francisco (Inaglory)
"Die Interessanten" - ein Ideenroman über das Wesen der Kunst vor dem Panorama der USA. (Inaglory)

Der Roman "Die Interessanten" wurde in den USA von Publikum und Presse gefeiert, jetzt ist er auch auf Deutsch erschienen. Die Autorin Meg Wolitzer bietet mit einer scharfen Analyse des Zeitgeists des späten 20. Jahrhundert eine packende Lektüre.

Ein kleines Utopia im revolutionären Geist der 70er-Jahre stellt das Sommercamp "spirit in the wood" dar, in dem sich Jugendliche aus Massachusetts und New York einmal im Jahr begegnen, um für ein paar Sommerwochen gemeinsam zu leben. Sie musizieren und diskutieren, sie töpfern, malen, tanzen und spielen Theater. Denn Talent, Begabung und Kreativität sind die großen Ideale, denen "spirit in the wood" huldigt. Es sind Ideale, die im scharfen Gegensatz zum ökonomisierten Leistungs- und Konkurrenzdenken zu stehen scheinen. Dass dies nicht unbedingt so sein muss, dass Kreativität vielmehr ein symbolisches Kapital darstellt, auf dem Macht und Hierarchie beruhen, dies beschreibt die 1959 geborene amerikanische Erfolgsautorin Meg Wolitzer in ihrem neuen, nun ins Deutsche übersetzten Roman "Die Interessanten".

So nennen sich sechs junge Leute, die im Jahr 1974 in "spirit in the wood" zusammen kommen und sich als Clique verbünden. In einem großen epischen Bogen erzählt der Roman nun die Lebensfährten und sehr unterschiedlichen Lebenswege der Cliquenmitglieder von der Pubertät bis ins Alter, das heißt, bis in die unmittelbare Gegenwart. Von Beginn an gibt es Risse in der utopischen Kleingesellschaft. Jules Jacobson, die Hauptfigur der Romangeschichte, fühlt sich durch ihre kleinbürgerlich-provinzielle Herkunft dem Geschwisterpaar Ash und Goodman unterlegen. Denn diese beiden entstammen dem liberalen New Yorker Bildungsbürgertum mit Vermögen, legerem Lebensstil und kulturellem Avantgardeanspruch.

Eine scharfe Analyse des Zeitgeists

Sie sind das geheime Machtzentrum der Clique, dem sich die anderen unterwerfen. Als Goodman in den Verdacht gerät, ein Mädchen vergewaltigt zu haben, stellen sich die Freunde hinter ihn. Um sich einem Gerichtsverfahren zu entziehen, taucht Goodman unter, flieht nach Europa und lebt über Jahrzehnte in Island, von seinen Eltern, der Schwester Ash und von Jules gedeckt. Jonah, ein weiteres Cliquenmitglied und Sohn einer berühmten Folksängerin, erlebt die düstere Seite des Kreativitätskults am stärksten. Als zwölfjähriger wird er von einem Bekannten der Mutter unter Drogen gesetzt, um im Halluzinationsrausch spleenige Songtexte von sich geben, die der Bekannte für sich vermarktet.

Nur einer aus der Clique, Ethan Figman, ein unattraktiver, aber tatsächlich hochbegabter Junge, macht eine große Künstlerkarriere. Er erfindet eine Zeichentrickserie, die über Jahre hin im Fernsehen läuft. Jules Jacobson ist seine geheime Liebe. Aber sie verschmäht ihn in Jugendtagen. Ethan heiratet stattdessen Ash und führt mit ihr jenes interessante, kulturell abwechslungsreiche Luxusleben, das Jules geradezu krankhaftem Neid nährt. Ihr Traum vom Dasein als Schauspielerin erfüllt sich nicht. Sie wird Psychotherapeutin.

"Die Interessanten" bietet mit meisterhaften psychologischen Einzelporträts, mit einer scharfen Analyse des Zeitgeists des späten 20. Jahrhundert eine packende Lektüre. Ein Zeitroman, der an Jonathan Franzen erinnert. Anders als Franzen ordnet Meg Wolitzer indes die verworrenen Fäden ihrer Geschichte zu einem allzu harmonischen und überschaubaren Ende.

Meg Wolitzer: "Die Interessanten"
Aus dem Englischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
DuMont Buchverlag, Köln 2014
608 Seiten, 22,90 Euro

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