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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.10.2014

RomanKluges Spiel mit den Klischees des Western

Céline Minard: "Mit heiler Haut"

Von Edelgard Abenstein

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Prärie am South Bighorn Scenic Backway bei Waltman im US-amerikanischen Bundesstaat Wyoming. (picture alliance / dpa)
Unendlich weite Prärie am South Bighorn Scenic Backway bei Waltman im US-amerikanischen Bundesstaat Wyoming. (picture alliance / dpa)

In ihrem Roman "Mit heiler Haut" bürstet die französische Autorin Céline Minard den Gründungsmythos Amerikas kräftig gegen den Strich. Ihr Western kann auch diejenigen begeistern, die bisher einen großen Bogen um das Genre gemacht haben.

Die Weite der Prärie, dunkle Canyons, verwüstete Indianerdörfer, Cowboys, das Klappern von Pferdehufen, dazu ein Treck von Siedlern, die ihre Zukunft im Westen suchen - kein Zweifel, in Céline Minards "Mit heiler Haut" treffen wir auf eine Welt von vorgestern, wie wir sie vor allem aus dem Kino und einem inzwischen ziemlich aus der Mode gekommenen Genre kennen: dem amerikanischen Western. Und doch hat der Roman kein bisschen vom Schwarz-Weiß-Schema der John-Wayne-Filme. Davor bewahren ihn Ironie, die Kraft der Einfühlung und eine überaus sinnliche Erzählkunst.

Im Zentrum steht eine junge Indianerin. Als einzige überlebte sie ein Massaker, das ihre Familie, ihren gesamten Stamm ausgelöscht hat. Seither versteht sie sich auf den Gebrauch von Schusswaffen, sie zieht schneller als jeder ihrer Feinde. Und doch rettet sie einem weißen Arzt, der unwillentlich den Tod ihres Stammes mitverantwortet hat, das Leben, bevor sie einem Trupp von Abenteurern begegnet, die in Planwagen über die Steppe ziehen.

Darunter sind die Brüder Jeff und Brad, die ihr Glück irgendwo in einem herrenlosen Stück Land suchen: in "diesem wilden, rohen, unerbittlichen, von allen Fesseln befreiten Leben", vor dem sie sich zugleich fürchten. Denn sie haben "Angst, sich vor sich selbst in Ungeheuer zu verwandeln".

Sie begegnen dem Draufgänger Bird, der sein gestohlenes Pferd zurückholen will. Und dem arglosen Zab, der eben dieses Pferd bei einer Wette gewann. Dazwischen tummeln sich allerlei Pelztierjäger, Banditen, gute und böse Indianer, Spurenleser und Goldgräber auf der Durchreise.

Alte Rechnungen werden beglichen

Alle finden sich nach und nach in der Stadt ein, in deren Saloon Sally ein strenges Regiment führt, in der die Musikerin Arcadia den Cowboys mit dem Kontrabass einheizt und nach einer Lieferung nagelneuer Badewannen anscheinend zivilisiertere Umgangsformen einkehren. Alte Rechnungen werden beglichen, neue Berufe entstehen. Kopfgeldjäger, Ganoven, Diebe verwandeln sich in Sheriffs oder Milizionäre.Aus den Outlaws der Prärie, aus denjenigen also, die sich außerhalb des Gesetzes gestellt haben, werden Gesetzeshüter. Recht, Ordnung und Zivilisation entstehen nicht aus der Badekultur und entspringen nicht dem Geist der Humanität, sie werden aus dem Recht des Stärkeren geboren.

Die 1969 geborene, französische Autorin hat bisher acht Romane geschrieben. Darin hat sie alle möglichen Genres ausprobiert: den Krimi, die fiktive Biografie (über Rousseau) und den Fantasy-Roman (in dem sie eine japanische Schwertkämpferin à la Tarantinos "Kill Bill" ins Mittelalter versetzt). In ihrem ersten ins Deutsche übersetzten Roman spielt sie mit den Klischees des Western und bürstet den Gründungsmythos Amerikas kräftig gegen den Strich.

Neben knallig-comichaften Karikaturen gibt es komplexe Charakterporträts, witzige Dialoge und wunderbare Beschreibungen der Verlorenheit in den endlosen Weiten des "gelobten Landes". Minards Prärieszenen glühen im schönsten Cinemascope. Dann fängt sie Atmosphäre in knappen intensiven Sätzen ein, bilderreich und voller Poesie. Ein kluger, komisch-rasant erzählter Roman, selbst für diejenigen, die bisher einen großen Bogen um den Western gemacht haben.

Céline Minard: Mit heiler Haut
Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer
Matthes & Seitz Berlin Verlag, Berlin 2014,
302 Seiten, 22,90 Euro

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