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Buchkritik | Beitrag vom 07.09.2018

Roma Agrawal: Die geheime Welt der BauwerkeSpannende Geschichten über die Kunst der Ingenieure

Von Anne Kohlick

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Buchcover "Die geheime Welt der Bauwerke" vonRoma Agrawal, im Hintergrund die Brooklyn Bridge vor der Skyline von Manhattan (Carl Hanser Verlag / Imago)
"Die geheime Welt der Bauwerke" von Roma Agrawal: Nach dem Lesen betrachtet man Gebäude mit mehr Respekt. (Carl Hanser Verlag / Imago)

Wolkenkratzer, Brücken oder Tunnel: Konstrukteure aufwendiger Bauwerke erhalten nicht genügend Aufmerksamkeit, fand Roma Agrawal. Mit ihrem spannenden Sachbuch "Die geheime Welt der Bauwerke" hat die britisch-indische Bauingenieurin das nun geändert.

Über die Häuser, in denen wir leben, die Brücken, über die wir fahren, denken wir selten nach. Doch dass sie Schwerkraft, Wind und Wasser trotzen, ist keine Selbstverständlichkeit - sondern die Leistung von Ingenieuren. Wie sie arbeiten, erklärt ein neues Sachbuch so spannend, dass es auch Technik-Muffel mitreißt.

Wann berichten Medien über Bauingenieure? Eigentlich nur, wenn etwas gehörig schiefgeht: Wenn sich in den Wänden frisch eingeweihter, teurer Bauprojekte Risse zeigen oder schlimmer, wenn wie kürzlich in Genua eine Brücke einstürzt, die dutzende Menschen in den Tod reißt.

Das ärgert die britisch-indische Bauingenieurin Roma Agrawal gewaltig. Denn sie weiß aus eigener Erfahrung: Dass ein Tunnel hält, durch den U-Bahnen fahren oder hunderte Meter hohe Wolkenkratzer voller Büros und Menschen sicher stehen, ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit von Ingenieuren. Nur leider erhalten sie selten die verdiente Aufmerksamkeit.

Ingenieurskunst anschaulich und spannend erklärt

Um das zu ändern, hat die 35-Jährige, die auch noch Physik studiert hat, ein extrem gutes Buch geschrieben, in dem sie nicht nur die Herausforderungen des Bauens für Laien anschaulich und spannend erklärt, sondern auch so humorvoll und leidenschaftlich über Säulen, Träger, Bögen, Beton und Stahl schreibt, das es sich ab Seite eins auf den Leser überträgt. Auch dann, wenn man ein echter Technik-Muffel ist – und das will was heißen.

Das Erfolgsrezept des von der englischsprachigen Presse bereits hochgelobten Buches besteht aus drei Zutaten: Erstens erläutert Roma Agrawal wissenschaftliche Prinzipien leicht verständlich anhand von Skizzen und kleinen Experimenten mit Alltagsgegenständen. Zweitens erzählt sie die Entstehungsgeschichten berühmter Bauwerke unter Berücksichtigung der technischen Herausforderungen der jeweiligen Zeit.

Und drittens spickt sie all das mit persönlichen Anekdoten, die einem die Autorin schnell sehr sympathisch machen. So erfährt man etwa, dass die Oxford-Absolventin gerne Betonwände streichelt und trotz Höhenangst Spezialistin für Wolkenkratzer geworden ist.

Eine Reise um die Welt und durch die Jahrhunderte

Ihr Buch ist darüber hinaus eine Reise um die Welt und durch die Jahrhunderte – vom Aquädukt von Ninive, das schon im 7. Jahrhundert vor Christus Wasser über ein 27 Meter breites Tal hinweg in die Hauptstadt des assyrischen Reiches leitete, über die im 19. Jahrhundert errichtete Brooklyn Bridge in New York, damals die längste Hängebrücke der Welt, bis zum 828 Meter hohen Burj Khalifa in Dubai, das seit seiner Fertigstellung 2010 höchste Gebäude der Welt.

Roma Agrawal gliedert ihr Buch nicht chronologisch, sondern nach Baumaterialien und Elementen, die auf Gebäude wirken: Erde, Wasser, Feuer, Ton, Metall und Stein widmet sie zum Beispiel eigene Kapitel. Sie verrät das Rezept antiker Baumeister für den perfekten Ziegelstein (außer Lehm kam auch Saft von drei Obstsorten dazu) und erklärt, warum man besser mit Stahl statt mit Eisen baut (weil Eisen zu weich ist, um große Lasten zu tragen).

Nach der Lektüre dieses Buches ist man deshalb nicht nur um viel Faktenwissen reicher - man betrachtet auch die Bauwerke, die einen umgeben anders als zuvor: voller Respekt. Und der gilt auch Roma Agrawal. Was für ein Buch!

Roma Agrawal: Die geheime Welt der Bauwerke
Aus dem Englischen übersetzt von Ursula Held
Carl Hanser Verlag, München 2018
352 Seiten, 24 Euro

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