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Fazit | Beitrag vom 14.09.2018

Rodung des Hambacher ForstesBäume als Mahnmale

Martin Claßen im Gespräch mit Vladimir Balzer

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Serie "Die Todgeweihten – Bäume aus dem Hambacher Forst". Gezeigt wird eine Auswahl von ca. 50 Schwarz-Weiß-Photographien (Martin Claßen)
Ausschnitt aus einem Bild der Serie "Die Todgeweihten - Hambacher Forst 2018" (Martin Claßen)

Der Kampf um die letzten Reste des Hambacher Forstes gilt als Symbol des Widerstands gegen die Umweltzerstörung durch die Kohleindustrie. Doch weite Teile sind schon gerodet worden. Der Fotograf Martin Claßen hat im Januar an der Abbruchkante Bäume porträtiert.

Er sei vor knapp zwei Wochen das letzte Mal im Hambacher Forst gewesen, sagt der Fotograf Martin Claßen. "Da war das alles schon etwas bedrohlich, denn rundum war von Polizeieinheiten alles abgesperrt. Man wurde kontrolliert und musste die Ausweise vorzeigen. Als ich den Wald fotografiert habe, da habe ich ihn nicht als gefährliche Zone empfunden, sondern jetzt als die Polizei da war."

Die Idee zur Fotoserie kam bei einer Naturführung

Er habe durch einen Hinweis eines Freundes eine Naturführung durch die Reste des Hambacher Forstes gemacht. "Da kam ich auf die Idee und dachte: Hier muss ich irgendetwas machen. Weil es mich ganz tief bewegt hat." Anfang Januar habe er dann bei Minusgraden und teilweise mit Schnee die ersten Bäume fotografiert. "Ich wollte die Bäume kahl fotografieren, damit man die Architektur der Bäume erkennt."

 Ausschnitt aus dem Schlussbild der Serie "Die Todgeweihten - Hambacher Forst 2018 (Martin Claßen)"Wie ein Schlachtfeld des ersten Weltkriegs" - Ausschnitt aus dem Schlussbild der Serie "Die Todgeweihten - Hambacher Forst 2018" (Martin Claßen)

Das Schlussbild seiner Ausstellung sei "eine leere Landschaft, die sehr viel Ähnlichkeit hat mit den Schlachtfeldern des ersten Weltkriegs." Und als Schlachtfeld habe er auch den Zustand des Hambacher Forstes an der Rodungskante empfunden, sagt Claßen. Er habe bei seiner Arbeit den Wald Planquadrat für Planquadrat abgeschritten und sich instinktiv für Bäume entschieden, deren Architektur und Ausstrahlung ihm gefallen haben.

Hochachtung vor den Baumbesetzern

"Die Baumhäuser der Besetzer habe ich auch fotografiert, weil die jetzt ja ein Teil der Bäume waren. Das waren wunderbare junge Menschen, man grüßte sich, und wir haben auch mal Kaffee miteinander getrunken. Das hat überhaupt nichts mit Chaoten oder Anarchisten oder Gewalttätern zu tun, wie das immer wieder in den Medien dargestellt wird." Beklemmungen habe er höchstens gespürt, wenn die Polizeihubschrauber auftauchten. "Ich habe eine riesige Hochachtung vor diesen jungen Menschen. Für mich sind das wirklich Helden."

Für ihn sei seine Fotoserie eine Ehrerbietung für jeden einzelnen Baum und die Bäume seien Mahnmale. Die schwarzen Ränder der Bilder, die von den Negativen herrühren, habe er ganz bewusst gelassen, weil es zum Thema passe. "Manche sagen: das ist ja wie ein Trauerrand. Und irgendwie ist es ja auch ein Trauerrand."

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