Roboter mit menschlichem Antlitz

Japaner haben keine Angst vor menschlichen Robotern. © kawada.co.jp
Von Dirk Asendorpf · 23.11.2009
Äußerst spielerisch geht es zu, wenn japanische Informatiker neue Technik entwickeln. Ihre besten Ideen zeigen sie auf einer bunten Messe in Tokyo. Dort sind dieses Jahr Roboter zu sehen, die einen Tanz aufs Parkett legen - oder die Wäsche falten.
Eine von dutzenden Spielhallen rund um den Bahnhof Shimbashi in Downtown Tokyo. Nach Feierabend ist es hier rappelvoll. Auf drei Etagen lassen Beamte und Geschäftsleute in schwarzem Anzug und Krawatte silbrig glänzende Kügelchen durch Pachinko-Automaten purzeln. Das erfordert hohe Konzentration und macht einen Höllenlärm.

Laut geht es auch auf der Digital Content Expo zu, einer Messe, auf der junge Informatiker ihre neuesten Ideen vorstellen. Dicht an dicht drängeln sich ihre Stände im Erdgeschoss des Museums für Zukunftstechnologien auf der künstlichen Insel Odaiba mit Blick auf Tokyos Hochhausmeer. Dabei darf gerne gelacht werden.

Die Universität Osaka ist mit großen transparenten Regenschirmen vertreten. Die eingebaute Elektronik kann sie auf verschiedene Art in Vibration versetzen.

Das kann zum Beispiel als virtuelle Wettervorhersage genutzt werden, erklärt die Informatikerin Maya Osaki. Wer einen ihrer Regenschirme in die Hand nimmt, spürt schon im Haus, ob es draußen nieselt, gießt oder hagelt. Denn die Messwerte eines Sensors auf dem Hausdach werden drahtlos an den Regenschirm übertragen und lassen ihn genau so zittern, wie er es auch im echten Niederschlag draußen vor der Tür tun würde.

Lustig geht es auch am Stand der Aizu Universität zu. Popmusik tönt aus einem Autoradio und wer genau hinsieht, stellt überrascht fest, dass die beiden Scheibenwischer hinter dem simulierten Armaturenbrett genau im Rhythmus der Musik über die Scheibe tanzen.

Jetzt hoffen wir, dass sich Autohersteller von unserer Idee überzeugen lassen, sagt Rasika Ranawida. Zweifel sind erlaubt, aber wir sind optimistisch.

Mitten zwischen den jungen japanischen Entwicklern ist Frederik Schlupkothen unterwegs, ein deutscher Elektrotechniker, der sich gerade für einen neunmonatigen Forschungsaufenthalt in Japan aufhält. Ihm gefällt der spielerische Zugang der ostasiatischen Kollegen.

"Es werden neue Technologien einfach sehr viel schneller akzeptiert, auch von der breiten Masse. Das liefert dann den Wissenschaftlern und den Firmen dann auch einen viel größeren Spielraum, weil das Geld einfach kommt, einfach viel experimentierfreudiger zu sein. Und ich denke, dadurch ist es einfach sehr viel lebhafter, die Technologieszene und auch die Wissenschaft in diesem Bereich."

Auch Foldy, der kleine Roboter, den Anusha Vitana gerade ein T-Shirt kunstgerecht zusammenlegen lässt, sieht auf den ersten Blick eher nach Lego-Spielzeug aus. Doch das Gerät hat es in sich.

Über eine Grafik-Schnittstelle kann der Nutzer am Bildschirm genaue Instruktionen geben, wie der Roboter die Wäsche falten soll, erklärt der Informatiker vom Technologie-Institut Erato aus Tokyo. Ist dieses Muster erst einmal gespeichert, kann es beliebig oft wieder abgerufen werden. Im nächsten Schritt soll Foldy auch das Bügeln lernen.

Auf der Bühne nebenan zeigt HRP-4C sein Können. Der Roboter legt ein Tänzchen aufs Parkett und spricht aus einem täuschend menschenähnlichen Gesicht mit klarer Frauenstimme.

Während derartige Wunderwerke der Technik in Japan äußerst beliebt sind, stoßen sie in Deutschland erst einmal auf Ablehnung. Frederik Schlupkothen hat über den kulturellen Unterschied zwischen Ost und West in der Technikentwicklung nachgedacht.

"In Europa müssen Roboter einfach immer versteckt sein, es dürfen keine Roboter sein, sondern es muss irgendwie ein Gerät sein, was Zusatzfunktionen hat – ein intelligenter Stuhl oder so was, aber es darf nicht wirklich ein autonomes System sein, das einem irgendwie dazwischen funkt. Und das ist in Japan einfach ganz anders. Vielleicht liegt es an der christlichen Kultur in Europa, dass man keine Abbilder schaffen soll oder so was. In Japan denkt man so einfach nicht. Also hier hat ja alles irgendwie 'ne Seele, alles hat einen Geist und von daher ist so ein Abbild des Menschen, das so tut als sei es ein Mensch, aber nicht geboren wurde, ist nichts Schlimmes, sondern es ist eigentlich was Kreatives, was Gutes, auf jeden Fall nichts Böses, so in der Weltanschauung."

Das gilt auch für das Höllenspektakel in den Spielhallen. Wer seinen Feierabend vor dem Pachinko-Automat verbringt, tut das keineswegs mit schlechtem Gewissen. Die Türen stehen zur Straße weit offen und erfolgreiche Spieler freuen sich über anerkennende Blicke auf ihre randvoll mit Silberkügelchen gefüllten Körbe.