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Zeitfragen | Beitrag vom 12.04.2019

Robinsonaden in der Literatur300 Jahre Einsamkeit

Von Christian Blees

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Robinson Crusoe steht am Rande des Dschungels und spricht zu einem Papagei. (imago images/Design Pics/Ken Welsh)
Crusoe und sein Papagei: Robinsonaden handeln vom Kampf ums Überleben auf einer einsamen Insel. (imago images/Design Pics/Ken Welsh)

Im April 1719 erschien Daniel Defoes "Robinson Crusoe". Das Werk gilt als erster Abenteuerroman der Weltliteratur. Unzählige sogenannte Robinsonaden sind im Laufe der vergangenen drei Jahrhunderte gefolgt.

Im Herbst 2015 wurde an Katja Scholz ein französischsprachiger Roman herangetragen, der kurz zuvor bei einem Pariser Verlag erschienen war. Der Titel lautete: "Soudain, seuls" — "Plötzlich allein". Das Buch schildert die Erlebnisse eines jungen Paares, das mit seinem Segelboot auf einer einsamen Insel vor Kap Hoorn strandet.

"Eigentlich war ich sehr skeptisch — und hatte fast abgewinkt, hab‘ gedacht: Och, nicht schon wieder eine Robinsonade! Denn da gibt es sehr viele, und oft sind die auch langweilig. Oder nicht so wahnsinnig ergiebig. Man hat das Gefühl: Das hat man alles schon sehr oft gelesen."

Doch die Übersetzerin Kirsten Gleinig ließ nicht locker. Denn sie selbst war sich schon nach der ersten Lektüre der Originalausgabe sicher: Diese moderne Robinsonade würde perfekt ins Programm des Hamburger Verlages passen. Dabei sei sie an Abenteuergeschichten eigentlich gar nicht interessiert, sagt Kirsten Gleinig. "Robinson Crusoe" beispielsweise habe sie bis heute nicht gelesen.

"Aber der Roman von Isabelle Autissier hat mich trotzdem so gefesselt. Und ich glaube, das liegt daran, dass man den zwar auf einer Ebene als Abenteuerroman lesen kann — aber dass er eben noch viel mehr ist als das."

In Isabelle Autissiers Buch übernimmt das Meer gleich mehrere Rollen: Zu Beginn dient es als Sehnsuchtsort eines vom Pariser Alltag gestressten Paares, das sich auf eine Weltumsegelung begibt. Doch als Ludovic und Louise durch einen nächtlichen Sturm ihr in der Bucht verankertes Schiff verlieren, wird das Meer plötzlich zum Feind. Erst gegen Ende des Romans wird der Ozean zumindest einem der beiden Protagonisten wieder zurück ins normale Leben verhelfen.

"Die Autorin guckt sich wie unter der Lupe an, wie diese beiden Protagonisten in der Extremsituation reagieren. Die sind sehr unterschiedlich und reagieren auch sehr unterschiedlich in der Situation und müssen gucken, wie sie da — jeder für sich, aber eben auch als Paar —in dieser Situation zurechtkommen."

Allmählich breitet sich in ihnen das Entsetzen aus

Das Boot ist verschwunden. Lange bleiben sie so stehen, suchen die Bucht mit den Augen ab, halten Ausschau nach einem Wrack oder zumindest einem Stück vom Mast, das über eine Klippe ragt. Nichts. Oder vielmehr das ganz normale Leben, Möwen wühlen mit hektischen Schnabelstößen am Strand, dazu rauscht die Brandung. Alles wie immer. Ihr Schiff, ihr Haus, der Inbegriff ihrer Freiheit, ist einfach ausgelöscht, wegradiert wie ein Fehler. Das ist unmöglich, das kann nicht sein. Fassungslos stehen sie da, außerstande, auch nur ein Wort zu wechseln. Allmählich breitet sich in ihnen das Entsetzen aus: kein Zuhause mehr, weder Nahrung noch Kleider, keine Möglichkeit, die Insel zu verlassen oder irgendjemanden zu erreichen. Sie sind geradezu empört, empfinden ihre Lage als unangemessen. Ludovic hat sich noch nie auch nur eine Sekunde lang mit dem Gedanken beschäftigt, ihm könne irgendwann das Wichtigste zum Leben fehlen, Nahrung oder ein Dach über dem Kopf. Wenn er im Fernsehen das Elend in Afrika oder Asien sah, kämpfte er immer gegen ein seltsames Schuldgefühl an und redete sich ein, die Menschen dort hätten nicht dieselben Bedürfnisse und seien daran gewöhnt, mit wenig auszukommen. Manchmal schickte er einen Scheck an Unicef, aber letztlich ging es ihn nichts an.

Im Frühjahr 2017 erschien "Soudain, seuls" bei mare unter dem deutschen Titel "Herz auf Eis". Was den Roman, abgesehen von seiner literarischen Qualität, von anderen Robinsonaden abhebt, ist die Biografie der Autorin. Denn Isabelle Autissier weiß gewissermaßen, wovon sie spricht, denn sie ist selbst eine begnadete Segelsportlerin. 1991, im Alter von 34 Jahren, hatte sie als erste Frau überhaupt im Rahmen einer Regatta allein per Segelboot die Welt umrundet. Beim zweiten Anlauf, 1995, erlitt sie Schiffbruch. Weitere vier Jahre später unternahm die wagemutige Französin einen erneuten Versuch.

"Es war wohl so, dass ihr Schiff das einzige in der ganzen Flotte war, was auf diesen Fall wirklich vorbereitet war. Also, sie hat mit ihrer Mannschaft vorher diesen Fall durchgespielt: Was passiert, wenn das Schiff kentert? Was müssen für Vorkehrungen getroffen sein? Und so hatte sie tatsächlich eine Notruf-Barke nicht nur an der Brücke, sondern auch unten, im Schiffsrumpf, wo sie sich noch ganz schnell hin retten konnte und die Luke dicht machen. Dann hatte sie sich überlegt: Sie braucht ein Fenster da unten, wenn das Schiff anders herum ist, damit sie rausgucken kann, um zu sehen, was draußen passiert. Und, falls sie das Boot verlassen muss, noch irgendwie ein Rettungsboot, auf das sie steigen kann."

Mara Stuhlfauth-Trabert ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität. In einer Abhandlung über moderne Robinsonaden beschreibt die Germanistin fünf Grundmuster, die für diese literarische Gattung stilprägend sind.

"Das erste und sicherlich wichtigste Grundmuster ist die Isolation. Sie ist die notwendige Bedingung für eine Robinson-Handlung. Also: Der Protagonist oder eine kleine Gruppe; je nachdem, ob wir es mit einer Einzel- oder Gruppenrobinsonade zu tun haben, die sind in einem räumlich begrenzten Areal auf sich ganz alleine gestellt."

"Es geht um die Sorge der Nahrungsbeschaffung"

So, wie einst Daniel Defoes "Robinson Crusoe" landen in Isabelle Autissiers Roman "Herz auf Eis" Ludovic und Louise ebenfalls auf einer einsamen Insel. Hier werden sie alsbald mit dem zweiten Grundmuster konfrontiert, das Mara Stuhlfauth-Trabert als Grundlage einer Robinsonade ausgemacht hat: Physische Überlebensbemühungen.

"Bei diesen Überlebensbemühungen physischer Art geht es erstmal um die Sorge der Nahrungsbeschaffung, sich einen sicheren Schlafplatz zu organisieren, Vorräte anzulegen — also zu schauen: Wie kann ich die nächsten Tage in dieser Isolation überhaupt überstehen? Und, abstrakter formuliert, ist das Interessante, dass die Robinson-Figur aus einem arbeitsteiligen Gesellschaftssystem kommt und nun alles selbst erledigen muss — und das teilweise, ja auch gerade was unsere moderne Gesellschaft betrifft, gar nicht mehr kann, unbedingt."

Die französische Seglerin und Autorin Isabelle Autissier: Als erste Frau umrundete sie im Rahmen einer Segelregatta alleine die Welt. Im 2015 veröffentlichte sie den Roman "Soudain, seuls". (imago/Bluegreen Pictures)Die französische Seglerin und Autorin Isabelle Autissier: Als erste Frau umrundete sie im Rahmen einer Segelregatta alleine die Welt. Im 2015 veröffentlichte sie den Roman "Soudain, seuls". (imago/Bluegreen Pictures)

Lesung aus: "Herz auf Eis":

Der Hunger und die Angst davor, die letzten Reserven aufzubrauchen, zermürben sie schnell. Die friedlichen und unbeholfenen Pinguine sind ihre Rettung…. Der Trick besteht darin, ihnen den Rückzug abzuschneiden und sie langsam gruppenweise zwischen den Gebäuden zusammenzutreiben, ohne sie zu ängstigen, und dann mit schweren Eisenstangen in die Menge zu schlagen. Die Vögel rollen sich zusammen, ohne zu schreien. Hin und wieder versucht einer, ihnen mit dem Schnabel in die Beine zu picken, lässt sich aber mit einem energischen Fußtritt stoppen. Sie haben es vor allem auf den Königspinguin abgesehen, der mit fast einem Meter Größe mehr Fleisch bietet als die kleinen Esels-, Goldschopf- oder Zügelpinguine. Weder Louise noch Ludovic fühlen sich schuldig, manchmal empfinden sie sogar morbide Lust daran, mit solcher Leichtigkeit zu töten. Sie waren begeistert gewesen von den anmutigen schwarzen Köpfen mit dem strahlenden orangen Fleck, gerührt, als die Eltern ihre Kleinen fütterten, sie hatten gelacht über den zugleich watschelnden und würdevollen Gang. Doch das war in einem anderen Leben, als sie nur auf der Durchreise waren. Jetzt sind sie Teil dieses Ökosystems, Räuber wie die Tiere, und nehmen sich, was ihnen zusteht.

Zu den physischen gesellen sich irgendwann auch die psychischen Überlebensbemühungen. Noch einmal die Übersetzerin Kirsten Gleinig.

"Und das geht aber hin bis zu den Dingen, die Menschlichkeit bedeuten. Also: Alles, was so vorher ihr Zusammenleben geprägt hat und auch ihre Liebe, davon müssen sie sich, Schritt für Schritt, verabschieden. Und dabei kommt immer mehr so ein Egoismus raus, und die Instinkte gewinnen so die Oberhand. Das mit zu verfolgen, das ist das Faszinierende an diesem Text, auch."

Lesung aus: "Herz auf Eis":

Sie begreift, dass sie am Abgrund angekommen ist, am Rande der Erschöpfung, der Zerstörung. Sie muss zunächst sich selbst beschützen, bevor sie wem auch immer hilft. Sie, Louise, muss leben, danach sieht man weiter. Sie denkt an die Sicherheitshinweise im Flugzeug, von denen sie immer schockiert war, wenn erklärt wird, dass man zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen muss und dann erst seinem Kind. Jetzt versteht sie, warum sie damit Recht haben.

Isabelle Autissiers Roman "Herz auf Eis" ist nur eines von unzähligen Büchern, die das Grundthema von Daniel Defoes Original-Robinson im Verlauf von drei Jahrhunderten auf ganz unterschiedliche Weise variiert haben. Die meisten Autoren taten dies in Form von Trivialromanen. Irgendwann galt die Robinsonade sogar als eigene Literaturgattung. Als bekannteste deutsche Adaption des Robinson-Stoffes gilt bis heute der Roman "Insel Felsenburg" von Johann Gottfried Schnabel. Er erschien ursprünglich zwischen 1731 und 1743 in vier Bänden. Insgesamt umfasste das Werk rund 2500 Druckseiten. Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde Schnabels Werk erst durch eine stark gekürzte Fassung. Diese kam 1828 heraus.

"Schnabels Robinsonade ist eine andere Robinsonade als Defoes."

Sammlung umfasst Robinsonaden aus der ganzen Welt

Walter Wehner aus Iserlohn betreibt die Website www.robinsone.de

"Es geht nicht um eine Einzelperson, sondern es geht nach und nach um Gruppen. Und dann sogar um einen Staat, der auf dieser Insel — als Alternative, sage ich mal, zu den absolutistischen Staaten in Europa sich Schnabel ausgedacht hat. Also, ein selbstregierter, nach eigener Religion, wenn man so will, also, sehr christlich, nach eigenen Geboten und Gesetzen organisierter Staat, der besser sein soll als der, den man in Europa kennen gelernt hat. Das ist dann gleichzeitig ein Modell als Alternative zu dem, was man als Leser persönlich erlebt und in dem man lebt. Das muss die Leute auch fasziniert haben — in Alternativen plötzlich zu denken und zu sagen: Das, was ist, muss nicht sein, es könnte auch so sein."

Die Sammlung des Germanisten Walter Wehner umfasst rund dreitausend Robinsonaden aus der ganzen Welt. Allein die Liste mit Werken berühmter Autoren, die sich durch Daniel Defoes "Robinson" inspirieren ließen, ist beeindruckend. Sie reicht von Jules Vernes Roman "Die geheimnisvolle Insel" über William Goldings "Herr der Fliegen" bis hin zu Arno Schmidts Erzählung "Schwarze Spiegel". Der Vielfalt einer Robinsonade scheinen dabei seit jeher keinerlei Grenzen gesetzt.

"Es gibt nicht nur einen Robinson, es gibt ganze Gruppen. Jules Verne hat gleich tausend Leute auf die Falkland-Inseln gesetzt. Es gibt den Robinson auf der Eisscholle, in der Wüste, im Dschungel, auf einem anderen Stern — also, die Variationsbreite war unendlich. Und auch die Lösungen für die Robinsonade, hat sich gezeigt, sind nicht eindimensional. Man hat sich auch immer wieder neue Lösungen vorgestellt. Und ich glaube, auf der anderen Seite für den Leser: Es animierte stark dazu, sich zu fragen: Wie würde ich handeln? Wie würde ich mich verhalten, wenn mir das passieren würde? Würde ich das auch überleben?"

Daniel Defoes "Robinson Crusoe", erschienen im April 1719, entwickelte sich auf Anhieb zum weltweiten Bestseller. Pünktlich zum dreihundertsten Jahrestag der Urfassung bringt der mare Verlag den Roman jetzt in neuer Übersetzung heraus — als Bestandteil seiner opulent aufgemachten Klassiker-Reihe. Mare-Programmleiterin Katja Scholtz.

"Das ist einer der ganz großen Meeres-Romane der Weltliteratur, genauso wie 'Moby Dick' und 'Die Schatzinsel' beispielsweise. Aber genau die beiden Bücher, die ich auch sehr gerne gemacht hätte, sind in den vergangenen Jahren neu übersetzt worden — und sehr, sehr gut auch. Aber 'Robinson Crusoe' eben nicht! Und deswegen schien mir jetzt wirklich der Zeitpunkt gekommen."

Katja Scholtz findet, dass der dreihundert Jahre alte Roman bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat.

"Es ist ja im Grunde ganz wesentlich eine Reise, die der Selbstreflexion, der Suche nach sich selbst, dient. Und das ist ja ein Motiv und ein Thema, das die Menschen immer beschäftigt hat — und uns heute auch beschäftigt. Und das sieht man auch in vielen modernen Romanen, die dieses Thema aufgreifen. Und Robinson, der ist 28 Jahre lang da und studiert sehr gründlich die Bibel und beschäftigt sich sehr gründlich auch mit den Werten des Menschseins, und fragt sich: Was braucht der Mensch eigentlich? Braucht er mehr Einsamkeit oder mehr Gesellschaft? Wie ist das Verhältnis von Natur zu Kultur? Was bedeutet Besitz zum Beispiel? Und das sind alles Fragen nach Werten, die uns heute genauso begleiten — oder vielleicht sogar noch mehr als vor 300 Jahren. Und deswegen vermute ich schon, dass das Buch heute den Lesern noch ähnlich viel geben kann — auch wenn es in einem anderen Kontext damals natürlich gespielt hat."

Günter Wessel schreibt im Nachwort der Neuausgabe:

"Der Erfolg des Robinson Crusoe macht seinen Schöpfer nicht reich. Das Buch feiert seine Triumphe losgelöst vom Autor – und auch vom originalen Text. Es gibt schon zu Defoes Lebzeiten mehr unautorisierte gekürzte Fassungen als Originalausgaben. Mal haben die gekürzten Versionen 300 Seiten, mal 150, es gibt aber auch sogenannte illustrierte Chapbooks — dünne, oft nur 24 Seiten starke Broschüren, billig gemachte, auf schlechtem Papier gedruckte und mit ungelenken Holzschnitten bebilderte Groschenromane. Auch die Übersetzungen werden gekürzt und umgeschrieben."

"Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das Buch je ganz gelesen hätte."

Daniel Defoes verschachtelte Grammatik

Rudolf Mast hat den ersten Robinson-Band für mare ins Deutsche übertragen — und zwar als Erster überhaupt nach sehr langer Zeit endlich vollständig.

"Und als ich’s dann ganz gelesen habe, ist mir das auch klar geworden: dass ich es nie ganz gelesen habe, denn es enthält Dinge, die mir einfach nicht bekannt waren — und die auch in diesen ganzen Schul-, und Jugendversionen nicht mehr enthalten sind. Das weiß ich erst, seitdem ich’s jetzt, für die Übersetzung, zum ersten Mal dann auch auf Englisch, komplett gelesen habe."

Als junger Mann hat Rudolf Mast, Jahrgang 1958, einst eine Lehre als Segelmacher absolviert. Insofern scheint er förmlich prädestiniert dazu, das Buch um den wohl berühmtesten aller Gestrandeten zu übersetzen. Allerdings gibt es in "Robinson Crusoe" gar nicht so viele nautische Fachbegriffe, wie man als Laie zunächst vermuten könnte. Was die Übersetzung so anspruchsvoll gemacht habe, sagt Rudolf Mast, sei vielmehr Daniel Defoes verschachtelte Grammatik.

"Die ist schon sehr kühn, für heutige Verhältnisse. Und die dokumentiert auch den zeitlichen Abstand. Und deswegen war im Grunde von Anfang an klar, dass die Grammatik, dass wir die übernehmen. Und nicht durch Punkte die Sätze verkürzen und das Lesen erleichtern und das Verständnis. Sondern, dass wir dem treu bleiben, und dass sich nach dieser etwas überkommenen Grammatik auch die Sprache zu richten hat."

Lesung aus "Robinson Crusoe":

Nachdem ich meine zweite Fuhre an Land gebracht hatte – liebend gern hätte ich dafür die Pulverfässer geönet und in kleinere Behältnisse umgepackt, denn weil die Fässer groß waren, waren sie auch schwer –, machte ich mich daran, aus dem Segel und einigen Pfählen, die ich zu diesem Zweck zurechtschnitt, ein kleines Zelt zu bauen, und in diesem Zelt verstaute ich alles, was, wie mir klar war, verderben würde, wäre es Regen oder Sonne ausgesetzt, und stapelte die leeren Kisten und Fässer rund um das Zelt auf, um es vor jedem unerwarteten Angri zu schützen, gleich ob er von einem Menschen oder einem Tier käme.

Für heutige Leser mögen Daniel Defoes komplexe Satzkonstruktionen gewöhnungsbedürftig erscheinen. Übersetzer Rudolf Mast findet, dass sich die Lektüre des dreihundert Jahre alten Textes dennoch lohnt. Zumal dieser in seiner vollständigen Form Facetten aufweise, die man bei der Lektüre eines Abenteuerromans nicht unbedingt erwarten würde.

"Nämlich dieser ganz feine Humor, mit dem dieses Buch von A bis Z unterlegt ist. Zwischendurch dachte ich: Ich sehe den Autor vor mir, den Defoe, wie er sich auf die Schenkel klopft, wenn er wieder irgendwie ein Unglück beschreibt und sich das nächste Unglück nochmal überbietet. Es gibt ja kein Geschehen, was nicht nochmal überboten würde — kein Drama, was nicht noch dramatischer würde, kein Schicksal, was sich nicht noch steigern ließe. Das fasziniert mich bis heute: dieser feine Humor, mit dem er die Erwartungen des Lesers permanent unterläuft."

Im April 1992 stürzt im Anflug auf Buenos Aires ein Linienflugzeug in den Südpazifik. Nur wenige Passagiere überleben den Aufprall. Zwei von ihnen — ein Mann und eine Frau —finden Halt an einem herausgerissenen, einsam auf den Wellen treibenden Sitz aus der Business Class. Bei dem beschriebenen Unglück handelt es sich jedoch nicht um ein reales Unglück. Die Flugzeugkatastrophe dient vielmehr als Ausgangspunkt für die Romanpremiere eines jungen deutschen Autors.

"Ich stehe auf Robinsonaden und wollte immer eine Robinsonade schreiben."

Lennardt Loß, geboren 1992, veröffentlicht im Frühjahr 2019 beim Frankfurter Verlag Weissbooks den Roman "Und andere Formen menschlichen Versagens".

"Und habe dann gemerkt, sozusagen, bei den ersten Skizzen, dass, wenn ich eine Figur abstürzen lasse mit dem Flugzeug und die, weiß ich nicht, zwanzig Jahre auf eine Insel schicke, eine einsame Insel, eine unbewohnte Insel — dann kann ich sozusagen nicht mehr viel zu dieser Robinson-Erfahrung beitragen. Also nichts Originelles mehr. Weil alles, was über diese Zeit gesagt worden ist, ist gesagt worden. Also: Ich habe schnell gemerkt, sozusagen, dass dieses Motiv relativ erschöpft ist, relativ festgefahren ist, und man nur sozusagen das Zitat vom Zitat vom Zitat beliefern könnte."

Es beginnt mit einem Knall, das Flugzeug stürzt ab

Bereits der sperrige Titel seines Buches lässt erahnen, dass Lennardt Loß keine gewöhnliche Robinsonade vorlegt. Vom Aufbau her erinnern die sieben Kapitel des Romans eher an Kurzgeschichten — die der Autor allerdings geschickt miteinander verwoben hat. Darin erzählt Loß von Menschen, deren Biografien sich auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit dem Lebensweg der Hauptfigur kreuzen. Die Handlung beginnt—zumindest diese Anlehnung an "Robinson Crusoe" hat sich Lennardt Loß selbst gestattet— mit dem beschriebenen Flugzeugabsturz über dem Südpazifik.

"Die Idee der Eingangsszene war eben, mit einem Knall zu beginnen dramaturgisch, und dann etwas leiser zu werden. Der Knall ist ein wortwörtlicher Knall: Das Flugzeug stürzt ab und dann halten sich eben die beiden Figuren an diesem Business-Class-Sitz fest. Und da schrumpft es dann sozusagen zusammen auf so eine Kammerspiel-Situation. Und es war wichtig, sozusagen, diese Kammerspiel-Situation herzustellen."

Lesung aus "Und andere Formen menschlichen Versagens":
 
Als die Sonne senkrecht über dem Pazifik stand und Sohrs Stirn, seine Schultern und Arme verbrannte, hörte er das Zähneklappern. Marinas Lippen waren blau angelaufen. "Scheiße", sagte Sohr. Von seinem neunten bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr hatte er die Knabenschule besucht, die neben dem Erziehungsheim Krügerhof im nordhessischen Rengshausen lag, in dem er aufgewachsen war. Das Johannesevangelium konnte er fast auswendig, aber warum Marina auskühlte, wusste er nicht zu sagen. Doch er hatte eine Ahnung.

Mit beiden Händen griff er nach ihrem linken Arm und zog sie vorsichtig auf den Sitz. Er keuchte, der Sitz schwankte, senkte sich tiefer in den Pazifik. Doch schließlich lag Marina auf 9A. "Hörst du mich?" Sie stöhnte. "Wir kühlen aus. Ich bin größer als du. Schwerer. Bei mir dauert es länger." Während er sprach, öffnete er mit einer Hand seinen Gürtel und schnürte ihn um die Armlehne. "Der Sitz hält nur einen von uns. Wir wechseln uns ab. Einer im Wasser, der andere auf dem Sitz. Der im Wasser macht sich mit dem Gürtel fest."

"Dass der Sitz jetzt keine Tragfläche ist oder ähnliches, hat den folgenden Grund, dass ich es eine ganz nette Pointe fand, dass sich der RAF-Terrorist an einem Sitz aus der Business-Class, der letzten Station seines Lebens, festhält. Also in dem Sinne eine Pointe, als dass auch Andreas Baader ganz gerne mal einen Porsche geknackt hat und damit durch Hamburg gerast ist."

Hannes Sohr, ein ehemaliger RAF-Terrorist, und die 22-jährige Marina Palm treiben also zu Beginn des Romans gemeinsam im Ozean umher. Marina, die eigentliche Protagonistin, wird von da an allerdings 25 Jahre lang verschollen bleiben — bis zum Ende der Geschichte auch für die Leser. Womit sich fast zwangsläufig die Frage stellt: Kann man das Buch überhaupt als Robinsonade bezeichnen?

"Ich würde sagen, es ist eine Robinsonade. Und da ich die Marina Palm habe — die Robinson-Figur, die keine Robinson-Erfahrung macht, weil die uns nicht erzählt wird —, habe ich versucht, sozusagen als roten Faden, alle anderen Figuren stellvertretend Robinson-Erfahrungen machen zu lassen. Sozusagen metaphorisch geht das dann nur. Also die sind irgendwie isoliert, befinden sich an einem Ort oder an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie wegwollen. Die kämpfen ums Überleben, sozusagen. Also metaphorisch führen sozusagen die anderen Figuren stellvertretend den Robinson-Kampf, den Marina auch ausführt, der uns aber nicht erzählt wird."

Einer der Charaktere, die metaphorisch mit ihrem Robinson-Schicksal kämpfen, heißt Ferdinand Palm — der Vater der erwähnten Marina Palm.

Lesung aus "Und andere Formen menschlichen Versagens":

Als seine Tochter im Mai 1988 volljährig wurde, litt Ferdinand an einer Harnröhrenverengung. Die Symptome waren eine chronische Blasenentzündung und ein kraftloser Harnstrahl, der ihm wie ein Kommentar auf sein Leben erschien: Seit einem Jahr war er Bezirksbürgermeister von Güfngen. Fast 65 Prozent der Einwohner arbeiteten in einem Stahlwerk. Die anderen 35 Prozent waren entweder jung und arbeitslos oder alt und verarmt. Das Rathaus war ein einstöckiger Bungalow mit brauner BRD-Nachkriegsfassade. Auf seinem Schreibtisch hatte Ferdinand ein Porträt von Conrad N. Hilton aufgestellt. Er war jetzt 47 Jahre alt und beschäftigte sich mit der Umsetzung seines Zukunftspapiers "Güfngen 2000": "Anlegen von Blumenwiesen an den Bezirksein- und -ausgängen. Mithilfe bei der Arztnachfolge der Praxis Dr. Apel. Verbesserung der Parkplatzsituation auf dem Rathausplatz." Er empfand es als Beleidigung Gottes, mit 47 Bürgermeister einer Industriegemeinde zu sein.

"Man baut einen Unterstand, man lernt Fischfang"

Den Kampf ums Überleben der einzelnen Figuren zu schildern, ohne dass diese auf einer real greifbaren Insel gefangen wären — dies macht tatsächlich den ganz eigenen Reiz der Loss’schen Robinsonade aus.

"Ich glaube, jeder Zwölfjährige weiß mittlerweile, was man auf einer einsamen Insel so macht. Also: Man baut einen Unterstand, man lernt Fischfang, man fängt vielleicht irgendwelche Wildschweine, geht auf die Jagd, baut ein Floß, macht Rauchzeichen — das ist so in unserem Wissen drin. Und das ist die große Chance bei dem Stoff 'Robinsonade': dass man die eigentlich auslassen kann."

Den Inhalt des Romans kurz und prägnant zusammenzufassen, ist kaum möglich. Dazu ist die Bandbreite an Figuren, deren individuelle Robinsonaden Lennardt Loß erzählt, schlicht zu groß. Daher sei an dieser Stelle nur so viel verraten: Am Ende wird sich der Kreis dramaturgisch schließen — denn erneut kreist ein Passagierflugzeug über dem Pazifik.

Welche Erkenntnis bleibt also beim näheren Betrachten von mittlerweile dreihundert Jahren Einsamkeit in der Literatur? Zunächst wohl die, dass die Faszination von Robinsonaden offenbar bis heute anhält — bei Schriftstellern ebenso wie auf Seiten der Leser. Wie aber wird eine robinsonartige Erfahrung bewertet? Darüber gehen die Meinungen der vielen verschiedenen Robinsonaden-Autoren seit jeher weit auseinander. Der Robinsonaden-Sammler Walter Wehner verweist beispielsweise auf einen Roman der US-amerikanischen Science-Fiction-Autorin Joanna Ross von 1977. Der deutsche Titel lautete "Wir, die wir geweiht sind". Erzählt wird darin die Geschichte eines Raumschiffs, das auf einem unerforschten Planeten zerschmettert. Die Überlebenden des Unglücks — eine Frau und vier Männer — sehen einem baldigen Tod entgegen.

"Die Frau möchte nicht, dass die Männer jetzt was mit ihr anfangen. Die Männer bestehen aber auf Fortpflanzung, um dort einen neuen Staat zu gründen — auch, wenn die Lebensbedingungen katastrophal sind und das Überleben eigentlich aussichtlos ist. Und die Frau wehrt sich dadurch auch, dass sie die anderen alle umnietet. Die müssen alle sterben. Und sie sitzt dann zum Schluss dort auf ihrem Stern, auf ihrem Planeten, und wird eins mit der Natur. Und ist damit auch zufrieden: dass damit Schluss ist."

Die meisten dürften dagegen wohl eher der Meinung sein, der Mensch sollte alles daran setzen, einem erlittenen Robinson-Schicksal möglichst rasch wieder zu entkommen wie beispielsweise in Jule Vernes Roman "Die Kinder des Kapitän Grant" aus dem Jahr 1867. Einer der Protagonisten, die darin auf eine einsame Insel verschlagen werden, äußerst sich so.

Lesung aus "Die Kinder des Kapitän Grant":

Der Mensch ist zur Geselligkeit, nicht zur Einsamkeit geschaffen. Die Einsamkeit kann nur die Verzweiflung erzeugen. Es ist das übrigens eine Frage der Zeit. Wohl mögen die Sorgen um das materielle Leben, die Bedürfnisse für seine Existenz, den kaum vom Wellentode geretteten Unglücklichen zerstreuen, und die Not der Gegenwart ihm die drohende Zukunft verschleiern; das ist wohl möglich! Dann aber, wenn er sich allein fühlt, fern von Seinesgleichen, ohne Hoffnung, sein Vaterland und seine Lieben wiederzusehen, was muss er dann denken, was muss er leiden? Sein Eiland ist ihm die ganze Welt; die ganze Menschheit stellt nur er da, und dann, wenn der Tod ihn antritt, der schreckliche Tod in der Verlassenheit, dann steht er da wie der letzte Mensch am jüngsten Tage. Glauben Sie mir: Es ist doch besser, dieser Letzte nicht zu sein!

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