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Konzert / Archiv | Beitrag vom 15.03.2020

Robin Ticciati und das DSO BerlinFluchtpunkt Nordamerika

Moderation: Volker Michael

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Robin Ticciati am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin am 13. Januar 2017 in der Philharmonie Berlin (Kai Bienert/DSO Berlin)
title: Robin Ticciati am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin am 13. Januar 2017 in der Philharmonie Berlin. (Kai Bienert/DSO Berlin)

Robin Ticciati konfrontiert Antonín Dvořáks 8. Sinfonie mit Musik von europäischen Exilanten in Nordamerika, mit Kurt Weills Suite aus "Lady in the Dark" und den Bratschenkonzerten von Béla Bartók und Bohuslav Martinů, gespielt von Antoine Tamestit.

Kurz vor seiner Abreise nach New York hatte Antonín Dvořák seine achte Symphonie fertiggestellt. Deshalb gestaltet Robin Ticciati auch diesen Abend im Rahmen seines Dvořák-Zyklus beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin wieder mit einem Programm, das den Fluchtpunkt USA zum Thema hat.

Für alle drei anderen Komponisten in diesem Konzert, für Dvořáks Landsmann Bohuslav Martinů, für Kurt Weill und auch für Béla Bartók war Nordamerika ein sicherer Hafen auf der Flucht vor dem deutschen Nationalsozialismus.

Viola als Stimme des Abschieds

Der französische Viola-Virtuose Antoine Tamestit präsentiert in einem energieintensiven Doppelschlag die epochemachenden Bratschenkonzerte von Béla Bartók und Bohuslav Martinů, die beide viel mit Herkunft, Ankommen und Abschied zu tun haben. Bei Bartók ist es ein unvollendeter Abgesang an das Leben, bei Martinů ein Farewell für seine Exilheimat Nordamerika.

Der Viola-Solist steht vor einer Holzwand und hält sein Instrument vor dem Körper. (Alescha Birkenholz/DSO Berlin)Der Viola-Solist Antoine Tamestit hat ein absolutes Gehör. (Alescha Birkenholz/DSO Berlin)

Am Anfang steht das von Robert Russell Bennett zusammengestellte Suiten-artige "Symphonische Nocturne" aus Kurt Weills Erfolgsmusical "Lady in the Dark". Der Dessauer Kantorensohn hat sich wie kaum ein anderer Exilkomponist "wie ein Fisch im Wasser" gefühlt, als er begann, für den Broadway zu komponieren.

Die "Dame im Dunkeln" ist eine Chefredakteurin eines New Yorker Modemagazins, die sich nicht zwischen ihren verschiedenen Liebhabern entscheiden kann und sich deshalb eine Psychoanalyse unterzieht. Zwischen Couch und Redaktionsbüro spielen sich die Traumsequenzen ab, die Kurt Weill mit seinem unnachahmlichen Songstil lebendig machte. Ganz viel Berliner Charme und Humor sind darin enthalten - die Lady spielt auch ein wenig die Seeräuberjenny. 

Am meisten tschechisch

Am meisten tschechisch klingt Antonín Dvořáks Achte Sinfonie, die im anglophonen Sprachraum als "Englische" bekannt ist. In England gab es besonders viele Musikfreunde, die Dvořáks Musik goutierten und sich kein bisschen an dem eindeutig tschechischen Gehalt der Werke störten, anders als manch ein Konzertbesucher in Österreich und Deutschland. Heutzutage bewundern wir einfach nur die vielschichtige und erhebende Musikalität dieser Sinfonie.

Philharmonie Berlin
Aufzeichnung vom 4. März 2020

Kurt Weill
Suite aus dem Musical "Lady in the Dark" (zusammengestellt von Robert Russell Bennett)

Béla Bartók
Violakonzert Sz. 120

Bohuslav Martinů
Rhapsodie-Konzert für Viola und Orchester H. 337

Antonín Dvořák
Sinfonie Nr. 8 G-Dur op. 88

Antoine Tamestit, Viola
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Leitung: Robin Ticciati

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