Mittwoch, 20.11.2019
 

Tonart | Beitrag vom 17.10.2019

Roberto Fonseca über sein Album „Yesun“Wie Kuba ohne Grenzen

Von Kerstin Poppendieck

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Roberto Fonseca in Anzug und Hut am Klavier. (imago/Jürgen Scheere)
Mit Mitte zwanzig wurde Roberto Fonseca zum jüngsten Mitglied der legendären Band Buena Vista Social Club. (imago/Jürgen Scheere)

Der wohl talentierteste Pianist Kubas, Roberto Fonseca, veröffentlicht ein neues Album – und reißt die Grenzen ein zwischen kubanischer Musiktradition, Rap und Klassik. Entstanden ist Musik, die in die Zukunft weist, ohne ihre Wurzeln zu vergessen.

Verrückt. Definition im Duden: krankhaft wirr im Denken und Handeln, auf absonderliche Weise ungewöhnlich, ausgefallen. Ausgefallen! Ja, das ist es, was auf den kubanischen Pianisten Roberto Fonseca zutrifft. Diese vermeintliche Verrücktheit hat ihn in seiner Heimat zum Superstar gemacht, dessen Mission es ist, Musik aus Kuba in die Welt zu tragen.

"Wir machen viel Neues in unserer Musik, aber bewahren unsere Wurzeln, unsere traditionelle kubanische Musik", sagt Roberto Fonseca. "Trotzdem mache ich mir Sorgen, weil jetzt auch in Kuba jeder das Internet nutzen kann. Klar ist das Internet toll, aber gleichzeitig kann man jetzt alle mögliche Musik hören und Leute fangen an, diese Musik zu imitieren und ihre Wurzeln zu vergessen. Ich mache mir Sorgen, dass vor allem junge Menschen unsere traditionelle Musik vergessen könnten, und dass die nicht Hip Hop, Rap und Rockmusik ist."

Ein Pianist mit Tattoos zwischen älteren Herren im Anzug

Das bedeute nicht, dass man sich anderen Musikstilen verschließen soll. Ganz im Gegenteil: "Es gibt keine schlechte Musik. Kombiniert ruhig traditionelle Musik mit Rap, Dubstep, Hip Hop, House oder was auch immer. Vergesst nur nicht, woher ihr kommt. Auch in meiner Musik gibt es Klassik, Reggaeton, Hip Hop, Rock und afro-kubanische Einflüsse, zum Beispiel. Dadurch zeige ich, dass Musik keine Grenzen kennt", sagt Roberto Fonseca. 

Gerade mal Mitte 20 war Roberto Fonseca, als Ibrahim Ferrer ihn 2001 als Nachfolger des verstorbenen Rubén González in den "Buena Vista Social Club" einlud. In Kuba war das damals eine Sensation. Dieser junge, tätowierte Mann, der wie ein amerikanischer Rapper aussah und deshalb schon rein äußerlich zwischen den anderen eher gesetzten Musikern herausstach.

Seitdem hat der Pianist nicht nur den traditionellen Klang des kubanischen Allstar-Orchesters aufgelockert und verjüngt. Der Name Roberto Fonseca ist mittlerweile so etwas wie ein Synonym für die innovative und zeitgemäße Interpretation der kubanischen Musiktradition.

Fonseca singt zum ersten Mal selbst

Auch auf seinem neuen Album "Yesun" hört man typische kubanische Klänge wie Cha Cha, Rumba und Salsa. Wie er aber diese traditionellen Stile mit Rockeinflüssen, Jazz und verspielten Synthesizer-Klängen verwebt, das macht den typischen Klang Roberto Fonsecas aus. Dazu gehört auch sein facettenreiches, emotionales Klavierspiel, die Tempowechsel innerhalb der Stücke und die pulsierenden Rhythmen. Die offensichtliche Spielfreude ist jedenfalls ansteckend. Mal fühlt man sich beim Hören wie in einem New Yorker Jazzclub, mal wie in einer Bar in Havanna.

Eingespielt hat er dieses Album zusammen mit dem Schlagzeuger Raúl Herrera und dem Kontrabassisten Yandy Martínez. Für noch mehr Vielfalt sorgen Gäste wie die Bolero-Sängerin Mercedes Cortés und die Spoken-Word-Künstlerin Danay Suarez. Und es gibt eine Premiere: Zum allerersten Mal singt Roberto Fonseca auf diesem Album selbst. Tief und warm klingt seine Stimme. Unverständlich, warum er bisher das Singen anderen überlassen hat.

Talent mit musikalischer Vision

"Damit wurde für mich ein Traum wahr, obwohl ich auch gleichzeitig echt Angst hatte", erzählt Roberto Fonseca. "Aber dann sagte ein Freund zu mir: Du musst singen, es klingt gut, anders, es klingt nach dir. Also habe ich es versucht, und ich bin tatsächlich ganz glücklich mit dem Ergebnis. Es klingt gar nicht schlecht."

Roberto Fonseca ist ein faszinierender Musiker. Er ist nicht nur der vielleicht beste kubanische Pianist, er hat auch eine musikalische Vision. Und das ist heutzutage nicht selbstverständlich. Egal, in welchem Genre. Der Albumtitel "Yesun" ist ein Wortspiel, das sich Fonseca ausgedacht hat und das die Namen zweier Wassergötter verbindet. Wasser, das ständig fließt, nie stillsteht und regelmäßig die Richtung wechselt. Eigenschaften, die genauso auf den Pianisten und Komponisten Roberto Fonseca zutreffen.

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