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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.10.2015

Robert Harris' Roman "Dictator"Die Abgründe der Politik

Von Ralph Bollmann

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Der römische Staatsmann, Philosoph und Rhetoriker Marcus Tullius Cicero in einer Porträtbüste.  (picture alliance / dpa / Röhnert)
Der römische Staatsmann, Philosoph und Rhetoriker Marcus Tullius Cicero in einer Porträtbüste. (picture alliance / dpa / Röhnert)

Im letzten Band seiner Trilogie zeigt Schriftsteller Robert Harris, wie geschickt der Staatsmann Cicero die Klaviatur des Politischen beherrschte. Dabei hält sich Harris weitgehend an historische Fakten, erzählt Ciceros Geschichte aber freier und dramaturgisch geschickt.

Robert Harris hat wieder mal ein aufschlussreiches Buch über moderne Politik geschrieben: Im letzten Band seiner Cicero-Trilogie zeigt er den antiken Schriftsteller und Staatsmann als gewieften Taktiker, aus dessen Scheitern viel zu lernen ist.

Schon der Titel verheißt nichts Gutes: "Dictator". Es geht um den Untergang der römischen Republik, am Ende siegt der Autokrat Augustus. Der Held des Romans endet kläglich, erdolcht von den Schergen des neuen Alleinherrschers. Das Ende darf man in diesem Fall verraten, denn die Handlung ist bekannt: Harris hält sich weitgehend an historische Fakten und zitiert ausgiebig aus Ciceros Reden. Gleichwohl erzählt Harris die Geschichte anders, freier, mit dramaturgischem Geschick, aus der Perspektive des Sekretärs und Vertrauten seiner Hauptperson.

Vor allem macht er es so, dass wir in Cicero den Politikertypus unserer eigenen Zeit wiedererkennen: Wir sehen seine moralischen Prinzipien und die tagespolitischen Zwänge, wir sehen sein taktisches Kalkül und seine strategischen Fehler. Und wir sehen die Schwierigkeiten, aus dem politischen Geschäft heil wieder herauszukommen.

Konzentration auf den Politiker

Den meisten Lateinschülern ist Cicero als ein glänzender Schriftsteller in Erinnerung, der in der praktischen Politik auf ganzer Linie versagte. Harris macht es umgekehrt, er konzentriert sich auf den Politiker. Er zeigt, wie sein Held die Klaviatur des Politischen beherrschte – vor allem mit einer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die die Verbreitung und Wirkung seiner Reden präzise zu steuern wusste.

Auch aufs Taktieren verstand er sich, verließ sich darauf manchmal allerdings so sehr, dass er zum Opfer der eigenen Ränke wurde. Der Weg von einer schönen Theorie zur politischen Praxis kann bisweilen recht weit sein.

Sogar der moderne Sozialstaat und seine politischen Folgen kommen vor. Die kostenlose Getreideversorgung für die stadtrömische Unterschicht wurden damals zu einem gewichtigen Faktor der Politik: Wer diese Wohltaten gewährte, scharte das Volk hinter sich. So wie Harris es beschreibt, ist die "spätrömische Dekadenz" deutscher Harz-IV-Debatten nicht fern.

Vorteile der Globalisierung

Ausschlaggebend ist aber am Ende, dass Cicero die wichtigste Figur unterschätzt: In dem pickligen Jungen mit Topffrisur erkennt er nicht den späteren Weltpolitiker Augustus, da geht es ihm ähnlich wie einst vielen CDU-Politikern mit der heutigen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Vor allem aber erkennt Cicero eines nicht: dass sich die Bedingungen von Politik durch die antike Globalisierung grundlegend geändert hatten. Die Institutionen der alten Stadtrepublik waren schlicht überfordert mit der Governance eines eng vernetzten Mittelmeerraums.

Gegen diesen Wandlungsprozess wird heute das polemische Wort von der "Postdemokratie" in Stellung gebracht. Aber solche Nostalgie nach dem Kleinen und Überschaubaren, der neben Harris auch viele deutsche Althistoriker anhängen, hilft nicht weiter. Dafür brachte die Globalisierung schon damals zu viele Vorteile.

Robert Harris: "Dictator"
Aus dem Englischen von Wolfgang Müller
Heyne Verlag
528 Seiten, 22,99 Euro

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