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Frühkritik | Beitrag vom 20.11.2020

Robert Brack: „Dammbruch“ Verloren in der Flut

Von Sonja Hartl

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Cover des Krimis "Dammbruch" von Robert Brack. (Ellert & Richter / Deutschlandradio)
In der Nacht der Hamburger Sturmflut verfolgen Lou und Betty verbrecherische Pläne - deren Motiv man jeweils gut verstehen kann. (Ellert & Richter / Deutschlandradio)

Robert Brack hat einen historischen Kriminalroman über die Hamburger Sturmflut von 1962 und über die harte Nachkriegszeit geschrieben. Aus einem einfachen Setting strickt er eine atmosphärisch dichte Geschichte.

Lou hat einen Plan: In der kommenden Nacht will er sich mit einer gefälschten Zugangskarte auf einen Frachter schleichen und einen Tresor aufbrechen. In diesem Tresor, so wurde ihm von einem Informanten gesagt, liege unfassbar viel Gold.

Auch Betty hat einen Plan: In dieser Nacht will sie den alten Wehrmachtssoldaten töten, den sie pflegt. Doch Lou und Betty haben sich die Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 für ihre Pläne ausgesucht. In dieser Nacht werden die Deiche in Wilhelmsburg brechen und Hamburg in einer Sturmflut versinken.

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Ein Einbrecher und eine Mörderin inmitten einer tödlich-stürmischen Nacht, dazu kommen noch ein Wachtmeister und ein Komplize – dass das nicht für alle gut ausgehen wird, ist von Anfang an klar.

In "Dammbruch" entwickelt Robert Brack aber aus dieser einfachen Konstellation eine atmosphärisch dichte Geschichte, die in der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit verankert ist: Betty ist einst aus Schlesien geflohen, der Krieg hat sie traumatisiert und sie mordet aus Gründen, die nicht extra erklärt werden müssen. Lou wird nicht irgendeinen Goldschatz stehlen - und träumt von einem Leben im kubanischen Sozialismus. In der BRD voller alter Nazis halten es beide kaum aus.

Die harte Realität vieler Frauen

Es ist vor allem Betty, die den romantischen Anflügen in der Beschreibung von Orten und Lous Figur etwas Hartes entgegengesetzt. Ihre Verbrechensmotive sind in der harten Realität vieler Frauen dieser Zeit verankert. Und für Lou mögen die Lokale und Bordelle vor allem Treffpunkte mit Bekannten und Gehilfen sowie Zufluchtsorte mit Hans-Albers-Charme sein. Bei Betty führt der Besuch in einer Kneipe zu weiteren Übergriffigkeiten und Gewalt.

Robert Brack steht in seinen Romanen immer klar auf der Seite der Kleinen, der Verlorenen. Deshalb ist in "Dammbruch" die Nacht der Sturmflut nicht Anlass für eine Heldenerzählung – hier führt das Etikett "Sturmflut-Thriller" auf dem Cover völlig in die Irre –, sondern sie verstärkt den Existenzialismus seiner Figuren.

Am Ende werden nicht alle diese Nacht überleben. Aber alles andere wäre auch falsche Romantik.

Robert Brack: "Dammbruch"
Verlag Ellert & Richter, Hamburg 2020
240 Seiten, 12 Euro.

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