Ritualisierte Gewalt

Ein Fotograf fotografiert einen Angeklagten in Uniform vor der Urteilsverkündung im Prozess um einen der größten Bundeswehrskandale im Gerichtssaal des Landgerichts in Münster. © AP
Von Boris Schumatsky · 26.02.2010
Ein Wehrpflichtiger kommt in eine Einheit, wo man Neulinge "Füxe" nennt. Ältere Soldaten zwingen ihn, für sie zu putzen und abzuspülen, drei Monate lang. Um in der Gruppe aufzusteigen, muss der Rekrut einen "Fux-Test" bestehen.
Mit einem schweren Rucksack muss der junge Mann auf einen Berg laufen, dann robbt er durch einen eiskalten Gebirgsbach. Am Ende findet er auf einem Stein ein Stück rohe Leber, Frischhefe und eine Flasche Schnaps. Der Rekrut isst und trinkt, bis er sich übergeben muss. Das soll geschehen sein im oberbayerischen Mittenwald.

Ein anderer Wehrpflichtiger kommt in eine Einheit, wo ihn ältere Soldaten einen "Geist" nennen. Sie zwingen ihn, mit Zahncreme geschmierte Brote zu essen. Einmal befehlen sie ihm, den Tisch nach einem Trinkgelage abzuräumen. Der junge Mann weigert sich und wird mit einer Belastungsprobe bestraft: Er wird gefesselt und in die Hocke gezwungen. So verharrt er unter Prügeln vier Stunden lang, bis sein Beingewebe abzusterben beginnt.

Dieser Fall ereignete sich in einer Panzereinheit im russischen Ural. Der Rekrut hieß Andrej Sytschow. Er überlebte die Misshandlung, aber seine Beine und Genitalien mussten amputiert werden. Ein hochgestellter Militär wies damals die Schuld von sich: Die Armee sei schließlich ein Teil der Gesellschaft. Die Rekruten, die zur Armee kämen, seien bereits gewalttätig.

Genauso argumentierte auch ein deutscher Offizier nach dem jüngsten Misshandlungsfall bei der Bundeswehr. Der Kommandeur der Gebirgsjäger in Mittenwald erklärte die "Fux-Tests" in seiner Einheit damit, dass die Bundeswehr ein Querschnitt der Gesellschaft sei. Die Rekruten hätten die Gewaltrituale schon vor dem Wehrdienst aus dem Reality-TV gelernt.

Die Militärs haben recht in einem Punkt: Solange die Gesellschaft wegsieht, werden Zwangsgemeinschaften ihre Gewaltrituale zelebrieren. Das Zentrum Innere Führung der Bundeswehr befürwortet Initiationsriten als "gruppenstabilisierende Elemente", und nur wenn diese sich gegen die Menschenwürde richteten, seien die Grenzen erreicht. Es ist an der Zivilgesellschaft, diese Grenzen zu ziehen.

In Russland brachte der Fall Andrej Sytschow die Menschen trotz eines Demonstrationsverbots auf die Straße. Zwar sind Mord und Folter in der russischen Armee mit dem "Fux-Test" nicht gleich zu setzen, doch sie treffen auf einen unvergleichlich größeren Widerstand.

In der Sowjetarmee haben Rekruten-Misshandlungen mehr Todesopfer gefordert als der damalige Krieg in Afghanistan. Noch vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind die "Komitees der Soldatenmütter" entstanden. Diese Bürgerrechtlerinnen haben Hunderte von Leben gerettet, sie sorgten für Aufklärung und eine allmähliche Abkehr von Gewalt. Dank der Soldatenmütter wurde auch die Misshandlung von Andrej Sytschow aufgedeckt.

Die Brutalität in russischen Kasernen entspricht durchaus dem Bild, das ein großer Teil des deutschen Publikums von Russland hat: Eine unzivilisierte Gesellschaft mit einer erhöhten Gewaltbereitschaft. Nicht so die Bundesrepublik. Jede Art institutioneller Gewalt kollidiert hier mit dem Selbstbild der Öffentlichkeit. Gewalttätig sind vor allem die anderen, die sozial fremde Unterschicht oder Menschen fremder Herkunft. Und selbstverständlich würde keine staatliche Institution die eigenen Bürger misshandeln. Die alltägliche Gewalt in Deutschland nimmt tatsächlich ab. Dagegen häufen sich in den letzten Jahren Berichte über Gewaltexzesse an öffentlichen Institutionen, an Schulen, in Gefängnissen oder in Pflegeheimen.

Die Initiationsriten bei der Bundeswehr sind im Laufe der Jahrzehnte drastischer geworden. Jede neue Soldatengeneration dreht die Gewaltspirale weiter. Ehemalige "Füxe" oder "Rotärsche", die zum Beispiel den Zeh eines Vorgesetzten ablecken mussten, rächen sich später an Neulingen. Sie halten ihnen auch den Zeh hin, den sie mit einer Mischung aus Wagenschmiere, Fischpaste und faulen Eiern eingeschmiert haben. Die russischen Soldatenmütter wären längst auf die Barrikaden gegangen.

Boris Schumatsky, Publizist und Schriftsteller, geboren in Moskau, studierte Kunstgeschichte in Leningrad und Politologie in Berlin. Während der Perestroika schrieb er politische Essays für deutschsprachige Tageszeitungen. Seit 1992 arbeitet Schumatsky zuerst als freier Autor für RIAS und später für Deutschlandradio. Sein letztes Buch "Silvester bei Stalin" (PHILO-Verlag) erzählt die Geschichte seiner Familie in der Zeit der russischen Revolution und des Zweiten Weltkriegs. Jetzt lebt Schumatsky als freier Publizist und Schriftsteller in München und arbeitet an seinem zweiten Buch, das die Umbruchszeit in Deutschland und Russland zum Thema hat.
Boris Schumatsky
Boris Schumatsky© Privat