Rituale sind wichtig für die Demokratie

Gewohnheiten geben nicht nur Individuen Halt und sparen Ressourcen – auch für Gesellschaften sind sie wichtig. Sie schaffen etwa ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und machen Gemeinschaft erlebbar. Doch sie können auch zum Hindernis werden.
Wenn Alltag neu organisiert werden muss oder Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen zusammenleben wollen, werden Routinen wichtig: kleine Abläufe, Gewohnheiten – alles, was Verlässlichkeit verspricht. Rituale helfen uns, Ordnung zu schaffen – gerade dann, wenn vieles in Bewegung ist.
Rituale sind auch für Gesellschaften wichtig. In ihnen spiegeln sich auch kulturelle und politische Werte und Normen – und sie schaffen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit.
Rituale machen Teilhabe, Zusammenhalt und Gemeinschaft – und auch Demokratie – erlebbar.
Doch Rituale können auch zum Hindernis werden: Wenn starr an dem festgehalten wird, „was schon immer gegolten hat“. Dabei brauchen auch Rituale und Traditionen den Wandel.
Rituale als Software für die menschliche Psyche
Ein Ritual habe etwas mit einer Handlung zu tun, erklärt Psychiater und Neurowissenschaftler Manfred Spitzer. Etwas, das man sozusagen automatisch und häufig mache.
Hirnforscher beschreiben Rituale oft als eine Art Software für die menschliche Psyche: Unsere Gewohnheiten schreiben sich quasi in uns ein – sie hinterlassen Spuren im Körper, im Gehirn, im Denken.
Das menschliche Gehirn, sagt Spitzer, verarbeitet ständig Informationen. Es sucht darin nach Regeln – und bildet daraus Modelle, die es ihm ermöglichen, neue Informationen einzuordnen und künftige Ereignisse vorherzusagen.
Kehren bestimmte Abläufe immer wieder – wie bei Ritualen – wird der Bereich des Gehirns beruhigt, der unsere Umgebung auf Gefahren absucht. Das reduziert Stress. Zugleich erzeugt die Vorhersagbarkeit eine Erfahrung von Stabilität und Sicherheit.
Rituale sparten auch kognitive Ressourcen, so Spitzer. Zum Beispiel, wenn man seinen Schlüssel immer an dieselbe Stelle legt, erspart einem das die Suche, wenn man ihn wieder braucht.
Die Bedeutung von Ritualen für eine Gesellschaft
Rituale sind nicht nur für einzelne Menschen wichtig – sondern auch für Gemeinschaften. Dort spiegeln sich in Routinen, Gewohnheiten und Ritualen auch kulturelle und politische Werte und Normen. Rituale übersetzen gesellschaftlich entwickelte Vorstellungen davon, was gut und was schlecht, was richtig und was falsch ist, sozusagen in Handlungsanleitungen. Diese lassen die Werte, für die sie stehen, irgendwann ganz selbstverständlich erscheinen.
Deutlich wird das besonders bei Anlässen wie Hochzeiten, Trauerfällen oder an populären religiösen Feiertagen.
Außerdem gilt: Erleben wir Rituale zusammen mit anderen, schüttet das Gehirn Bindungshormone aus. Es entsteht ein Gefühl von Zusammengehörigkeit, ein „Wir-Gefühl“.
Die Kunst des Zusammenlebens
In der Regel lernen wir Rituale in der Familie kennen. Welche Rituale wir entwickeln und wie wir sie leben, spielt eine Rolle in unseren Gesellschaften, in denen immer mehr Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Prägungen und Erwartungen an denselben Orten aufeinandertreffen. Der Anthropologe Steven Vertovec nennt das „Superdiversität“. Daneben gebe es „ein relativ hohes Ausmaß von sogenannter Konvivialität, also der Kunst des Zusammenlebens“, die dazu beitrage, die Gesellschaften zusammenzuhalten.
Die immer wiederkehrenden, oft kulturell aufgeladenen und über Generationen weitergegebenen Gewohnheiten des Alltags sind Teil dieser Kunst. Dazu gehört beispielsweise: Wir machen Geschenke zu Geburtstagen. Wir grüßen, wenn wir Bekannten begegnen. Wir klatschen am Ende einer Theatervorstellung – und warten mit dem Essen, bis alle am Tisch sitzen.
Vor allem beim gemeinsamen Essen kommt das „Wir-Gefühl“ auf – laut einer 2024 in der Fachzeitschrift „Couple and Family Psychology“ veröffentlichten Studie.
Noch mehr Gemeinschaft stifte es, gemeinsam Essen zuzubereiten, so Neurowissenschaftler Manfred Spitzer: Das sei eine schöne und sehr befriedigende Aktivität – „das Gemeinschaftlichste, was man überhaupt machen kann“, sagt er.
Dabei kann alles, was wir immer wieder in Gemeinschaft tun – sei es essen, kochen, musizieren, reden, spielen – diese positiven Effekte haben.
Gemeinschaft und Demokratie erlebbar machen
Soll Gesellschaft funktionieren, so Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer, dann sollten gemeinschaftliche – vor allem in körperlicher Präsenz erlebte – Rituale gepflegt werden. Es brauche Raum für gemeinschaftliches Erleben und Handeln, sei es im Fußballverein, im Kirchenchor oder am Abendbrottisch.
Rituale machen Teilhabe, Zusammenhalt und Gemeinschaft – letztlich auch: Demokratie – erlebbar. Und selbst die alltäglichen, „kleinen“, individuellen Rituale haben das Potenzial, Gesellschaft zu gestalten.
Rituale leben – auch in Unterschiedlichkeiten
Doch so sehr gelebte Rituale Verbundenheit erzeugen, so sehr können sie auch Quelle von Konflikten werden. Was, wenn Rituale und Gewohnheiten, die für die einen Sicherheit bedeuten und Gemeinschaft erzeugen, auf deren Mitmenschen störend, unverständlich oder sogar beängstigend wirken?
Es braucht Fingerspitzengefühl, in einer Gemeinschaft die eigene Identität zu finden und zu bewahren – und dafür, Gemeinschaft herzustellen, ohne deren Mitgliedern ihre individuellen Identitäten abzusprechen.
Besonders sichtbar wird das immer wieder: in Partnerschaften. Besonders in solchen mit verschiedenen kulturellen oder religiösen Hintergründen.
Paare mit solchen Verschiedenheiten behandelt die Berliner Psychotherapeutin Sema Akbunar. Oft merken sie, dass sie zwar miteinander leben und reden, sich aber trotzdem nicht richtig verstehen. Es geht beispielsweise darum, wer wann und was kocht, ob die Kinder getauft werden sollen oder nicht, und ob die Eltern an Weihnachten besucht werden müssen und wenn ja, wessen Eltern.
Sema Akbunar beobachtet in ihrer Arbeit immer wieder, dass es bei den Konflikten um Traditionen weniger um richtig oder falsch geht, sondern um das Verstehen der eigenen Prägungen.
Es geht auch nicht darum, sich für oder gegen Traditionen zu entscheiden. Entscheidend ist die Bereitschaft, sie zu erklären, einzuordnen, zu hinterfragen und vielleicht anzupassen. Sie in Rituale zu übersetzen, die verbinden.
Traditionalismus vs. Veränderung von Ritualen
Allerdings sollten gemeinschaftliche Rituale nicht gepflegt werden mit der Begründung, dass „wir das schon immer so gemacht haben“. Werden bestimmte Rituale sogar zur einzig richtigen Form des Handelns erklärt, führt das im schlimmsten Fall in das, was Soziologen „Traditionalismus“ nennen.
Eine Tradition sei auch ein ergebnisoffener Prozess, bei dem sich die Prinzipien durchaus verändern können, erklärt Soziologie-Professor Andreas Langenohl. Beispielsweise hätten sich die Prinzipien, die mit dem Christentum assoziiert würden, im Laufe der vergangenen 2000 Jahre sehr stark verändert.
Traditionalismus versuche hingegen, eine Sperre einzuziehen in die Richtung einer autoritativen Deutung einer Tradition, an der nicht zu rütteln ist, so Langenohl.
Neue Traditionen schaffen
Rituale leben und vielleicht zu Traditionen werden zu lasse heißt nicht, an Altem festzuhalten. Stattdessen geht es darum, wiederkehrende Momente zu schaffen, die zum eigenen Leben passen und ihm Stabilität, Orientierung und Bedeutung verleihen. Und es geht darum, das auch ganz bewusst zu tun, zusammen mit anderen Menschen, die im eigenen Leben eine Rolle spielen.
Es ist auch möglich, sich auch für neue Traditionen, Regelungen oder Werte zu entscheiden. Das schlägt zumindest Paartherapeutin Sema Akbunar gerne ihren Klienten vor. Der Schlüssel dafür sei Kommunikation, miteinander zu sprechen und nachzufragen.
Es müsse immer eine neue Antwort geben auf die Frage, was das Prinzip ist, auf das man eine bestimmte Tradition bringen kann, so Langenohl. „Das macht Traditionen wandelbar.“
Wandel entsteht nicht gegen Traditionen, Rituale und Gewohnheiten, sondern aus ihnen heraus. Er beginnt, wenn nicht mehr automatisch gilt, was „schon immer“ gegolten hat.
Audio: Svenja Heinrichs; Onlinetext: Annette Bräunlein



















