Riekofen? Wo liegt das?
Sie wollten die Öffentlichkeit nicht. Aber das haben sie nicht in der Hand, die Bischöfe, die sich am 28. September auf ihrer Herbstvollversammlung in Fulda trafen. Es ging, musste gehen, um den mutmaßlichen Missbrauchsfall im Bistum Regensburg. Auf Wunsch vieler Amtsbrüder musste der Regensburger Ortsbischof Gerhard Ludwig Müller die Konferenz genauer informieren.
Samstagabend in Riekofen. Die Glocken rufen zum Erntedankgottesdienst. Die Erntekrone, aus Weizenähren geflochten schmückt den Altar, davor leuchten orange Kürbisse und braune Kartoffeln, rote Äpfel, gelbe Birnen, kupferfarbene Zwiebeln – alle Früchte des Feldes ausgebreitet zum Dank an Gott, den Herrn, für eine gute Ernte.
Der neue Pfarrer zieht ein in die Kirche mit ihren goldenen Ornamenten und prächtigen Statuen. 26 Ministrantinnen und Ministranten gehen vor ihm her und versammeln sich um den Altar. Feierlich ist das. Doch manche Gläubige sind mit dem Herzen nicht dabei:
"Wenn ich im Gottesdienst sitze, in einem wunderschönen Erntedankgottesdienst und alle Ministranten vorne sehe – wie viele waren's? 20, 25, mir persönlich läuft immer wieder ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich mir einzelne Situationen vorstelle aus Erzählungen mit den Buben weiß ich das, wo die alleine mit dem Pfarrer unterwegs waren und wo sie jetzt gezwungen waren, ihm den Weihrauch zu spenden, so wie heute dem Pfarrer Dachauer. Das sind Situationen, wo ich für mich denke, wo ich Angst kriege."
Beate Sötz ist Pfarrgemeinderatsmitglied in Riekofen. Zorn, Frust, Hilflosigkeit, Trauer, Angst – diese Gefühle hat nicht nur sie. Vor über sechs Wochen wurde der Ortspfarrer verhaftet, weil er einen Ministranten jahrelang sexuell missbraucht haben soll. Zorn auf den Bischof, der sich seiner Verantwortung nicht stellt. Trauer um die verletzten Kinderseelen. Frustration, weil sich engagierte Christen vom Bischöflichen Ordinariat hintergangen fühlen, das ihnen den Wolf im Schafspelz ins Pfarrhaus setzte. Hilflosigkeit, weil die Kinder über ihre Verletzungen nicht sprechen.
"Der Zorn is des, dass ma ned immer die Wahrheit erfahren hat und dass ma ned ernst genommen wird. Man hat immer gmoant, die Laien da draußen, die haben den Vorfall da, aber die werden das schon schlucken. Aber wir san eine sehr gute Kirchengemeinde und haben viel kritische Leute und so abspeisen lassen wir uns nicht, weil dazu samma zu aufgeweckt."
Georg Schmalhofer ist Kirchenpfleger in Riekofen, war die rechte Hand des Pfarrers. Der Zorn richtet sich gegen den Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller. Er hat in der einzigen Pressekonferenz zu diesem Thema vor über drei Wochen jede Schuld von sich gewiesen:
"Die Verantwortung für die Tat trägt der Täter. Ich bin nicht verantwortlich für alles, was unsere Mitarbeiter tun. Ich habe die geistliche Autorität, aber kann nicht alles kontrollieren."
Solche Worte klingen wie Hohn in den Ohren der Menschen, deren Söhne Opfer eines pädophilen Priesters wurden. Wie viele Opfer es in Riekofen gab, darüber schweigt die Justiz. Die Ermittlungen laufen noch. Die Staatsanwaltschaft befragt derzeit alle etwa 100 Ministrantinnen und Ministranten – rund 60 von ihnen sind Jungs und damit potenzielle Opfer. Doch wo beginnt der Missbrauch. Diese Frage hat sich Birgit Meyer in den vergangenen Wochen oft gestellt. Ihr efljähriger Sohn ist Ministrant.
"Es hat immer für die kleinen Ministranten eine Tagesfahrt gegeben und da waren's einmal im Alpamare in Bad Tölz. Und dann hat mir eine Bekannte erzählt, dass ihre Tochter erzählt hat, weil sie hat die befragt, ob ihr was aufgefallen ist im Schwimmbad, weil Schwimmbad ist auch so ein Ort, wo was passieren kann und ja: dass der Josef ganz lang und ganz oft beim Hr. Pfarrer am Schoss gsessen ist. Da hat's mir die Haare aufgestellt. Gut, es muss nichts gwesen sein, aber wenn man die ganzen Hintergründe kennt, denkst, soll ich nachfragen oder bringe ich ihn in eine komische Situation, dann denkst, vielleicht war nix, was ihm im Moment komisch vorkommt, aber was, was vielleicht in zehn Jahren im Unterbewusstsein, man weiß nicht, was da alles kaputt gehen kann. Grade diese Unsicherheit ist total schlimm."
Beim Erntedankgottesdienst ist die Kirche von Riekofen mit etwa 100 Gläubigen halbvoll. Sie suchen Trost in den Ritualen, Halt für ihren Glauben. Das Vertrauen in die Kirche, in andere Menschen aber ist erschüttert. Priester stehen schon fast unter Generalverdacht, sagt Gemeindemitglied Bernhard Meyer:
"An was sollen wir noch glauben? Es gibt keine guten Pfarrer mehr, jeder wird misstrauisch begutachtet: Was ist bei dem denn falsch?"
Auch der Sohn von Bernhard und Birgit Meyer weiß nicht mehr, woran er sich halten soll, ergänzt die Mutter:
"Er war ein begeisterter Ministrant. Jetzt der Vertrauensverlust, der Vertrauensmissbrauch tut den Kindern weh. Vom körperlichen will ich gar nicht reden, da ist bei unserem Kind Gott sei dank nichts, aber er sagt immer wieder: Mama, glaubst du des wirklich, der war doch so nett, ich hab ihn so gern mögen, wir haben ihn alle gern mögen."
Der verhaftete Pfarrer war in der gesamten Gemeinde beliebt. Er ein herausragend engagierter Pfarrer, der immer ein offenes Ohr für alle hatte. Verzweiflung herrscht jetzt auch darüber, dass man ihn selbst hierher geholt hat. Nach seiner Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs eines Ministranten versetzte ihn die Bistumsleitung in ein Caritas-Altenheim ins Nachbardorf Sünching. Dort machte er Altenseelsorge. Die Mütter einer Eltern-Kind-Gruppe aus Riekofen haben sich an ihn gewandt, erinnert sich Bernhard Meyer:
"Da geht’s los mit den Kleinkindergottesdiensten, das ist ihm gelegen gekommen, die Mütter sind auf ihn zugekommen und er hätte sagen können: mach ich nicht, er hat's gemacht "
Tatsächlich hätte er sagen müssen, er mache es nicht, denn das Gericht, das ihn verurteilt hatte, schrieb in die Bewährungsauflagen: keine Tätigkeit in der Jugendarbeit oder Jugendseelsorge in den drei Jahren Bewährungszeit. Die Menschen in Riekofen aber wussten nichts von der Vorgeschichte des Pfarrers und vertrauten ihm arglos ihre Kinder an. Zuerst die kleinen, später die Ministranten und die gesamte Jugendarbeit. Nach dem Tod des Riekofener Pfarrers 2001 übernahm der Missbrauchspfarrer die gesamte Arbeit in der Gemeinde. Im Mai 2001 hielt er Erstkommunion, ein paar Wochen später machte er die Firmvorbereitung, erinnert sich die damalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende Beate Sötz:
"Dass zur Zeit der Bewährungsstrafe im Jahr 2001 Pf. Kramer, hat in der Firmvorbereitung gearbeitet, hat die Fünft-, Sechstklässler einzeln in das Beichtzimmer geholt einen ganzen Vormittag an zwei Samstagen intensive Gespräche mit ihnen geführt und dann natürlich auch Vertrauen aufgebaut – wir wundern uns, dass das möglich war, in der Zeit, wo er noch unter Bewährungsstrafe stand und dass es scheinbar auch von staatlicher Seite sehr wenig Kontrollen gab."
Es gab überhaupt keine Kontrollen von der Justiz. Denn in unserem Rechtssystem gibt es grundsätzlich keine Kontrollinstanz für Bewährungsauflagen. Nur wenn ein Gericht einen Bewährungshelfer bestellt, muss dieser die Bewährungsauflagen überwachen. Im Fall des wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten Pfarrers hatte es keinen Bewährungshelfer gegeben.
Seine andere Bewährungsauflage, nämlich eine Therapie zu absolvieren, hatte der Priester erfüllt und dem Gericht darüber Nachweise vorgelegt. Deshalb wurde seine Strafe 2003 erlassen. Damit war für die Justiz der Fall der zwei von ihm missbrauchten Brüder in Viechtach im Bayerischen Wald erledigt. In einer Stellungnahme des Therapeuten des Missbrauchspriesters hieß es: der Mann sei geheilt. Seine Verfehlung war nur ein einmaliges regressives Verhalten. Er sei nicht pädophil. Der Bischof von Regensburg, Gerhard Ludwig Müller, stützte sich auf dieses Gutachten, setzte den Pfarrer 2004 offiziell in Riekofen ein:
"Wenn Jesus auch den schlimmsten Sündern verziehen hat und nach menschlichem Ermessen bei Peter Kramer wie bei jedem anderen Menschen, der auch mit Jugendlichen zusammenkommt, kein Übergriff auf Kinder mehr zu erwarten war, wie konnte man ihm eine zweite Chance versagen?"
Diese Sätze stoßen Elke Böhmler bitter auf. Ihr Sohn war vor vier Jahren eines von zwölf Opfern eines pädophilen Pfarrers in Georgenberg:
"Der Bischof hat gesagt, eine zweite Chance. Warum die zweite Chance nicht im Ordinariat? Welche Chance haben unsere Kinder gehabt? Die haben keine zweite Chance."
Auch Georgenberg liegt im Bistum Regensburg und dann gibt es da noch Falkenberg, wo sich auch ein Priester an einem Jungen vergangen hat. Drei Fälle wegen sexuellen Missbrauchs verurteilter Priester allein im Bistum Regensburg in den vergangenen acht Jahren. Die Mütter reden von einem System der Vertuschung. Johanna Treimer aus Viechtach:
"Das wird systematisch unter den Teppich gekehrt. Es geht nur um das Statussymbol, dass sie ja keinen Priester verlieren, an die Opfer, die Kinder, denkt keiner."
Die Missbrauchsfälle liegen Jahre zurück und dennoch können die Opfer sie nur schwer überwinden, sagen die Mütter:
"Es ist das Problem, weil die sich schuldig fühlen. Bei meinem Sohn ist das acht Jahre her, jetzt erst traut er sich darüber reden. Er hätte es keinem Menschen erzählt, jeder, der es wusste, war einer zuviel, sogar in der Familie.
Mein Sohn hat gesagt: Jetzt mit Riekofen ist alles wieder aufgewühlt. Ich möchte es vergessen. Er hat noch nie darüber geredet, weder zu uns noch zum Therapeuten. Er will nur seine Ruhe."
Die Mütter von Missbrauchsopfern aus Falkenberg, Viechtach und Georgenberg sitzen im Saal des Dorfwirtshauses von Riekofen vor einer Wandtapete mit Meer und Palmen. Das Grauen, das sie erlebt haben, steht in einem lächerlichen Gegensatz zur Idylle hinter ihnen. Sie sind auf Einladung der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen hier in der Oberpfalz. Johannes Heibel von dieser Initiative erzählt, wie manipulativ pädophile Täter vorgehen, wie sie die Schuldgefühle der Kinder in ihre Pläne einbauen. Die Riekofener hören entsetzt zu. Sehen das, was ihr Pfarrer getan hat, mit neuen Augen. Er hatte im Pfarrhof einen Keller für die Jugendlichen eingerichtet, wo er mit ihnen DVDs anschaute, Alkohol trank und ihnen das Rauchen erlaubt:
"Es hat Eltern gegeben, die hellhörig geworden sind und gesagt haben: Hr PF, das ist nicht okay, dass die bei ihnen rauchen und mit 13 Alkohol trinken. Er hat es meisterhaft verstanden – weiß ich von diesen Eltern – dass er es beschwichtigt hat Mei, was wollt ihr, die machen das so auch, wenn ich dabei bin, kann ich das kontrollieren und so machen sie das heimlich und so ist es besser, wenn Erwachsene das unter Kontrolle haben und die haben sich beschwichtigen lassen. Eine hat zu mir gesagt: Ja wenn ich dem Pfarrer nicht mehr trauen kann, kann ich ihn am Hauptbahnhof hinstellen und aussetzen, bevor sie sich rumtreiben, weiß ich, wo sie sein."
Der Pfarrer hat das ganze Umfeld der Kinder für sich gewonnen, das Vertauen der Familien erschlichen:
"Unsere alten Leute können sie heute noch nicht überzeugen, dass an dem Pfarrer irgendwas schlecht war, weil er war der erste, der sich um uns auch einmal gekümmert hat, hat eine Frau zu mir gesagt. Er hat super zusammengearbeitet mit dem Kirchenchor: soviel Unterstützung haben wir noch nie bekommen."
Durch all das wären Kinder, die davon erzählt hätten, was der Pfarrer mit ihnen getrieben hat, unglaubwürdig gewesen:
"Selbst wenn sie angefangen hätten zu erzählen, hätten sie gesagt: der Pfarrer ist doch okay, der macht des gut, man hat nie etwas Negatives gehört. Er hat versucht, das ganze Umfeld so zu gestalten, dass er machen kann mit den Jungs, was er beabsichtigt."
Zufällig hat der Vater der missbrauchten Brüder aus Viechtach erfahren, dass der deshalb verurteilte Pfarrer in Riekofen wieder Jugendarbeit macht, wieder eine Pfarrgemeinde leitet. Der Vater hat eine örtliche Zeitung informiert und so kam die ganze Sache ins Rollen. Die Staatsanwaltschaft wurde tätig und am 30. August wurde der Priester verhaftet. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. In seiner Kirche mit dem Zwiebelturm, der weithin über die Felder der fruchtbaren Ebene des Gäubodens zu sehen ist, feiert ein neuer Pfarrer Gottesdienst. Der 57-jährige Gottfried Dachauer leitete das Priesterseminar in Regensburg, war in der Priesterseelsorge tätig. Er soll Gräben kitten und Wunden heilen:
"Es berührt mich selber sehr natürlich. Ich möchte mit den Leuten leben und bin als Pfarrer zuständig und möchte mich nicht entziehen, aber ich glaube, das geht einfach dadurch, dass ich da bin. Mit Leuten reden kann, oft auch nur schweigen, mir das anhören. Da weiß ich keinen schlüssigen Weg und werde wach auf die Leute schauen."
Darüber, was ihm die Menschen schon anvertraut haben, will der neue Pfarrer von Riekofen nicht reden. Er will das Vertrauen, das nur sehr langsam wächst, nicht gleich enttäuschen. Und so sagt er auch nichts, als der Zorn auf den Bischof noch einmal hoch kocht. Ein paar Gläubige stehen nach dem Erntedankgottesdienst noch vor der Kirchentür auf dem die Kirche umgebenden Friedhof. Rote Grablaternen leuchten. Man erinnert sich wütend an die Worte des Bischofs bei seiner Pressekonferenz:
"Viele Pfarrangehörige wollten den Priester als Pfarrer, nachdem sie ihn durch gottesdienstliche Aushilfen kennengelernt hatten. Es wurden denn auch nie Klagen und Beschwerden über ihn laut. Er war allgemein sehr beliebt und als Seelsorger anerkannt."
"Was hätten wir melden sollen? Dass er überdurchschnittlich engagiert ist? Genau das, er war ja nicht nur engagiert, er hat Altenseelsorge gemacht, wirklich super. Uns hat der Hintergrund gefehlt."
Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller hat übrigens bis heute nicht den Weg von seinem Dom in Regensburg in die 25 Kilometer entfernte Dorfkirche und zu den Menschen dort gefunden. Anfangs waren sie empört, fühlten sich allein gelassen. Mittlerweile kann er dort bleiben, wo er ist, meint die Vorsitzende des katholischen Frauenbundes Elisabeth Gerl:
"Wir wollen ihn nimmer sehen. Das hat er versäumt, dass er sich uns gestellt hat. Wir hätten erwartet am Anfang, dass er sich da zu uns gstellt hätte und ned allweil bloß Absagen gmacht hat, er fahrt ned auf Rumänien, weil er nah bei uns sein will. Was hat er gmacht: er is ned kommen. Wir hätten ihn gebraucht, dann hätten wir mit ihm anders reden können, dann wären die Medien ned so kemma und er hätt sich viel erspart. Er hätte sich und der Kirche viel erspart, wenn er von Anfang an gekommen wäre."
Auf die Frage, ob er den Eltern und Kindern in Riekofen nicht in die Augen schauen kann, gab der Bischof bei seiner Pressekonferenz übrigens keine Antwort. Für die Zukunft der Gläubigen in Riekofen wird das Folgen haben, davon ist Pfarrgemeinderätin Birgit Meyer überzeugt:
"Ich trenne stark Glaube und Kirche. Meinem Glauben hat das wenig getan, wobei man verhindern muss, ich mache mir meinen Glauben selber und Kirche ist mir wurst, denn Kirche braucht man. Das Gotteshaus, wo man gemeinsam zusammenkommt und gemeinsam feiert, Feste begeht. Mit dem Pf Dachauer haben wir einen sehr guten Griff getan und er geht mit uns einen guten Weg. Wir haben festgestellt, dass die Kirche nicht mehr ganz so voll ist, dass vor allem die Jugendlichen arg gebeutelt sind. Die sagen: Was willst denn mit dem Verein, schau doch in die Zeitung, jeden Tag steht was Neues drin und es wird immer schlimmer und dann sagen die Mütter: im Moment kann ich nichts dagegen setzen. Das ist ganz schwierig. Großen Zulauf hat das nicht gebracht."
Birgit Meyer und ihr Mann sehen bereits jetzt einen Riss durch die Gemeinde gehen:
"Die älteren sagen: Er war ein guter Pfarrer. Jüngeren sagen, mit so einem wollen wir nichts zu tun haben. Beides wird das Dorf spalten. Es wird nicht aufgearbeitet, weil die Verantwortlichen nicht dazu Stellung nehmen. Wir sind durch den Vorfall alle Opfer."
Die noch immer gläubigen Katholiken in Riekofen suchen Trost, Erbauung und Hilfe im Gottesdienst.
"Gehet hin in Frieden, dank sei Gott dem Herrn."
Der Friede des Herrn wird in Riekofen trotz des feierlichen Schlusssegens noch auf sich warten lassen.
Der neue Pfarrer zieht ein in die Kirche mit ihren goldenen Ornamenten und prächtigen Statuen. 26 Ministrantinnen und Ministranten gehen vor ihm her und versammeln sich um den Altar. Feierlich ist das. Doch manche Gläubige sind mit dem Herzen nicht dabei:
"Wenn ich im Gottesdienst sitze, in einem wunderschönen Erntedankgottesdienst und alle Ministranten vorne sehe – wie viele waren's? 20, 25, mir persönlich läuft immer wieder ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich mir einzelne Situationen vorstelle aus Erzählungen mit den Buben weiß ich das, wo die alleine mit dem Pfarrer unterwegs waren und wo sie jetzt gezwungen waren, ihm den Weihrauch zu spenden, so wie heute dem Pfarrer Dachauer. Das sind Situationen, wo ich für mich denke, wo ich Angst kriege."
Beate Sötz ist Pfarrgemeinderatsmitglied in Riekofen. Zorn, Frust, Hilflosigkeit, Trauer, Angst – diese Gefühle hat nicht nur sie. Vor über sechs Wochen wurde der Ortspfarrer verhaftet, weil er einen Ministranten jahrelang sexuell missbraucht haben soll. Zorn auf den Bischof, der sich seiner Verantwortung nicht stellt. Trauer um die verletzten Kinderseelen. Frustration, weil sich engagierte Christen vom Bischöflichen Ordinariat hintergangen fühlen, das ihnen den Wolf im Schafspelz ins Pfarrhaus setzte. Hilflosigkeit, weil die Kinder über ihre Verletzungen nicht sprechen.
"Der Zorn is des, dass ma ned immer die Wahrheit erfahren hat und dass ma ned ernst genommen wird. Man hat immer gmoant, die Laien da draußen, die haben den Vorfall da, aber die werden das schon schlucken. Aber wir san eine sehr gute Kirchengemeinde und haben viel kritische Leute und so abspeisen lassen wir uns nicht, weil dazu samma zu aufgeweckt."
Georg Schmalhofer ist Kirchenpfleger in Riekofen, war die rechte Hand des Pfarrers. Der Zorn richtet sich gegen den Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller. Er hat in der einzigen Pressekonferenz zu diesem Thema vor über drei Wochen jede Schuld von sich gewiesen:
"Die Verantwortung für die Tat trägt der Täter. Ich bin nicht verantwortlich für alles, was unsere Mitarbeiter tun. Ich habe die geistliche Autorität, aber kann nicht alles kontrollieren."
Solche Worte klingen wie Hohn in den Ohren der Menschen, deren Söhne Opfer eines pädophilen Priesters wurden. Wie viele Opfer es in Riekofen gab, darüber schweigt die Justiz. Die Ermittlungen laufen noch. Die Staatsanwaltschaft befragt derzeit alle etwa 100 Ministrantinnen und Ministranten – rund 60 von ihnen sind Jungs und damit potenzielle Opfer. Doch wo beginnt der Missbrauch. Diese Frage hat sich Birgit Meyer in den vergangenen Wochen oft gestellt. Ihr efljähriger Sohn ist Ministrant.
"Es hat immer für die kleinen Ministranten eine Tagesfahrt gegeben und da waren's einmal im Alpamare in Bad Tölz. Und dann hat mir eine Bekannte erzählt, dass ihre Tochter erzählt hat, weil sie hat die befragt, ob ihr was aufgefallen ist im Schwimmbad, weil Schwimmbad ist auch so ein Ort, wo was passieren kann und ja: dass der Josef ganz lang und ganz oft beim Hr. Pfarrer am Schoss gsessen ist. Da hat's mir die Haare aufgestellt. Gut, es muss nichts gwesen sein, aber wenn man die ganzen Hintergründe kennt, denkst, soll ich nachfragen oder bringe ich ihn in eine komische Situation, dann denkst, vielleicht war nix, was ihm im Moment komisch vorkommt, aber was, was vielleicht in zehn Jahren im Unterbewusstsein, man weiß nicht, was da alles kaputt gehen kann. Grade diese Unsicherheit ist total schlimm."
Beim Erntedankgottesdienst ist die Kirche von Riekofen mit etwa 100 Gläubigen halbvoll. Sie suchen Trost in den Ritualen, Halt für ihren Glauben. Das Vertrauen in die Kirche, in andere Menschen aber ist erschüttert. Priester stehen schon fast unter Generalverdacht, sagt Gemeindemitglied Bernhard Meyer:
"An was sollen wir noch glauben? Es gibt keine guten Pfarrer mehr, jeder wird misstrauisch begutachtet: Was ist bei dem denn falsch?"
Auch der Sohn von Bernhard und Birgit Meyer weiß nicht mehr, woran er sich halten soll, ergänzt die Mutter:
"Er war ein begeisterter Ministrant. Jetzt der Vertrauensverlust, der Vertrauensmissbrauch tut den Kindern weh. Vom körperlichen will ich gar nicht reden, da ist bei unserem Kind Gott sei dank nichts, aber er sagt immer wieder: Mama, glaubst du des wirklich, der war doch so nett, ich hab ihn so gern mögen, wir haben ihn alle gern mögen."
Der verhaftete Pfarrer war in der gesamten Gemeinde beliebt. Er ein herausragend engagierter Pfarrer, der immer ein offenes Ohr für alle hatte. Verzweiflung herrscht jetzt auch darüber, dass man ihn selbst hierher geholt hat. Nach seiner Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs eines Ministranten versetzte ihn die Bistumsleitung in ein Caritas-Altenheim ins Nachbardorf Sünching. Dort machte er Altenseelsorge. Die Mütter einer Eltern-Kind-Gruppe aus Riekofen haben sich an ihn gewandt, erinnert sich Bernhard Meyer:
"Da geht’s los mit den Kleinkindergottesdiensten, das ist ihm gelegen gekommen, die Mütter sind auf ihn zugekommen und er hätte sagen können: mach ich nicht, er hat's gemacht "
Tatsächlich hätte er sagen müssen, er mache es nicht, denn das Gericht, das ihn verurteilt hatte, schrieb in die Bewährungsauflagen: keine Tätigkeit in der Jugendarbeit oder Jugendseelsorge in den drei Jahren Bewährungszeit. Die Menschen in Riekofen aber wussten nichts von der Vorgeschichte des Pfarrers und vertrauten ihm arglos ihre Kinder an. Zuerst die kleinen, später die Ministranten und die gesamte Jugendarbeit. Nach dem Tod des Riekofener Pfarrers 2001 übernahm der Missbrauchspfarrer die gesamte Arbeit in der Gemeinde. Im Mai 2001 hielt er Erstkommunion, ein paar Wochen später machte er die Firmvorbereitung, erinnert sich die damalige Pfarrgemeinderatsvorsitzende Beate Sötz:
"Dass zur Zeit der Bewährungsstrafe im Jahr 2001 Pf. Kramer, hat in der Firmvorbereitung gearbeitet, hat die Fünft-, Sechstklässler einzeln in das Beichtzimmer geholt einen ganzen Vormittag an zwei Samstagen intensive Gespräche mit ihnen geführt und dann natürlich auch Vertrauen aufgebaut – wir wundern uns, dass das möglich war, in der Zeit, wo er noch unter Bewährungsstrafe stand und dass es scheinbar auch von staatlicher Seite sehr wenig Kontrollen gab."
Es gab überhaupt keine Kontrollen von der Justiz. Denn in unserem Rechtssystem gibt es grundsätzlich keine Kontrollinstanz für Bewährungsauflagen. Nur wenn ein Gericht einen Bewährungshelfer bestellt, muss dieser die Bewährungsauflagen überwachen. Im Fall des wegen sexuellen Missbrauchs verurteilten Pfarrers hatte es keinen Bewährungshelfer gegeben.
Seine andere Bewährungsauflage, nämlich eine Therapie zu absolvieren, hatte der Priester erfüllt und dem Gericht darüber Nachweise vorgelegt. Deshalb wurde seine Strafe 2003 erlassen. Damit war für die Justiz der Fall der zwei von ihm missbrauchten Brüder in Viechtach im Bayerischen Wald erledigt. In einer Stellungnahme des Therapeuten des Missbrauchspriesters hieß es: der Mann sei geheilt. Seine Verfehlung war nur ein einmaliges regressives Verhalten. Er sei nicht pädophil. Der Bischof von Regensburg, Gerhard Ludwig Müller, stützte sich auf dieses Gutachten, setzte den Pfarrer 2004 offiziell in Riekofen ein:
"Wenn Jesus auch den schlimmsten Sündern verziehen hat und nach menschlichem Ermessen bei Peter Kramer wie bei jedem anderen Menschen, der auch mit Jugendlichen zusammenkommt, kein Übergriff auf Kinder mehr zu erwarten war, wie konnte man ihm eine zweite Chance versagen?"
Diese Sätze stoßen Elke Böhmler bitter auf. Ihr Sohn war vor vier Jahren eines von zwölf Opfern eines pädophilen Pfarrers in Georgenberg:
"Der Bischof hat gesagt, eine zweite Chance. Warum die zweite Chance nicht im Ordinariat? Welche Chance haben unsere Kinder gehabt? Die haben keine zweite Chance."
Auch Georgenberg liegt im Bistum Regensburg und dann gibt es da noch Falkenberg, wo sich auch ein Priester an einem Jungen vergangen hat. Drei Fälle wegen sexuellen Missbrauchs verurteilter Priester allein im Bistum Regensburg in den vergangenen acht Jahren. Die Mütter reden von einem System der Vertuschung. Johanna Treimer aus Viechtach:
"Das wird systematisch unter den Teppich gekehrt. Es geht nur um das Statussymbol, dass sie ja keinen Priester verlieren, an die Opfer, die Kinder, denkt keiner."
Die Missbrauchsfälle liegen Jahre zurück und dennoch können die Opfer sie nur schwer überwinden, sagen die Mütter:
"Es ist das Problem, weil die sich schuldig fühlen. Bei meinem Sohn ist das acht Jahre her, jetzt erst traut er sich darüber reden. Er hätte es keinem Menschen erzählt, jeder, der es wusste, war einer zuviel, sogar in der Familie.
Mein Sohn hat gesagt: Jetzt mit Riekofen ist alles wieder aufgewühlt. Ich möchte es vergessen. Er hat noch nie darüber geredet, weder zu uns noch zum Therapeuten. Er will nur seine Ruhe."
Die Mütter von Missbrauchsopfern aus Falkenberg, Viechtach und Georgenberg sitzen im Saal des Dorfwirtshauses von Riekofen vor einer Wandtapete mit Meer und Palmen. Das Grauen, das sie erlebt haben, steht in einem lächerlichen Gegensatz zur Idylle hinter ihnen. Sie sind auf Einladung der Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen hier in der Oberpfalz. Johannes Heibel von dieser Initiative erzählt, wie manipulativ pädophile Täter vorgehen, wie sie die Schuldgefühle der Kinder in ihre Pläne einbauen. Die Riekofener hören entsetzt zu. Sehen das, was ihr Pfarrer getan hat, mit neuen Augen. Er hatte im Pfarrhof einen Keller für die Jugendlichen eingerichtet, wo er mit ihnen DVDs anschaute, Alkohol trank und ihnen das Rauchen erlaubt:
"Es hat Eltern gegeben, die hellhörig geworden sind und gesagt haben: Hr PF, das ist nicht okay, dass die bei ihnen rauchen und mit 13 Alkohol trinken. Er hat es meisterhaft verstanden – weiß ich von diesen Eltern – dass er es beschwichtigt hat Mei, was wollt ihr, die machen das so auch, wenn ich dabei bin, kann ich das kontrollieren und so machen sie das heimlich und so ist es besser, wenn Erwachsene das unter Kontrolle haben und die haben sich beschwichtigen lassen. Eine hat zu mir gesagt: Ja wenn ich dem Pfarrer nicht mehr trauen kann, kann ich ihn am Hauptbahnhof hinstellen und aussetzen, bevor sie sich rumtreiben, weiß ich, wo sie sein."
Der Pfarrer hat das ganze Umfeld der Kinder für sich gewonnen, das Vertauen der Familien erschlichen:
"Unsere alten Leute können sie heute noch nicht überzeugen, dass an dem Pfarrer irgendwas schlecht war, weil er war der erste, der sich um uns auch einmal gekümmert hat, hat eine Frau zu mir gesagt. Er hat super zusammengearbeitet mit dem Kirchenchor: soviel Unterstützung haben wir noch nie bekommen."
Durch all das wären Kinder, die davon erzählt hätten, was der Pfarrer mit ihnen getrieben hat, unglaubwürdig gewesen:
"Selbst wenn sie angefangen hätten zu erzählen, hätten sie gesagt: der Pfarrer ist doch okay, der macht des gut, man hat nie etwas Negatives gehört. Er hat versucht, das ganze Umfeld so zu gestalten, dass er machen kann mit den Jungs, was er beabsichtigt."
Zufällig hat der Vater der missbrauchten Brüder aus Viechtach erfahren, dass der deshalb verurteilte Pfarrer in Riekofen wieder Jugendarbeit macht, wieder eine Pfarrgemeinde leitet. Der Vater hat eine örtliche Zeitung informiert und so kam die ganze Sache ins Rollen. Die Staatsanwaltschaft wurde tätig und am 30. August wurde der Priester verhaftet. Seither sitzt er in Untersuchungshaft. In seiner Kirche mit dem Zwiebelturm, der weithin über die Felder der fruchtbaren Ebene des Gäubodens zu sehen ist, feiert ein neuer Pfarrer Gottesdienst. Der 57-jährige Gottfried Dachauer leitete das Priesterseminar in Regensburg, war in der Priesterseelsorge tätig. Er soll Gräben kitten und Wunden heilen:
"Es berührt mich selber sehr natürlich. Ich möchte mit den Leuten leben und bin als Pfarrer zuständig und möchte mich nicht entziehen, aber ich glaube, das geht einfach dadurch, dass ich da bin. Mit Leuten reden kann, oft auch nur schweigen, mir das anhören. Da weiß ich keinen schlüssigen Weg und werde wach auf die Leute schauen."
Darüber, was ihm die Menschen schon anvertraut haben, will der neue Pfarrer von Riekofen nicht reden. Er will das Vertrauen, das nur sehr langsam wächst, nicht gleich enttäuschen. Und so sagt er auch nichts, als der Zorn auf den Bischof noch einmal hoch kocht. Ein paar Gläubige stehen nach dem Erntedankgottesdienst noch vor der Kirchentür auf dem die Kirche umgebenden Friedhof. Rote Grablaternen leuchten. Man erinnert sich wütend an die Worte des Bischofs bei seiner Pressekonferenz:
"Viele Pfarrangehörige wollten den Priester als Pfarrer, nachdem sie ihn durch gottesdienstliche Aushilfen kennengelernt hatten. Es wurden denn auch nie Klagen und Beschwerden über ihn laut. Er war allgemein sehr beliebt und als Seelsorger anerkannt."
"Was hätten wir melden sollen? Dass er überdurchschnittlich engagiert ist? Genau das, er war ja nicht nur engagiert, er hat Altenseelsorge gemacht, wirklich super. Uns hat der Hintergrund gefehlt."
Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller hat übrigens bis heute nicht den Weg von seinem Dom in Regensburg in die 25 Kilometer entfernte Dorfkirche und zu den Menschen dort gefunden. Anfangs waren sie empört, fühlten sich allein gelassen. Mittlerweile kann er dort bleiben, wo er ist, meint die Vorsitzende des katholischen Frauenbundes Elisabeth Gerl:
"Wir wollen ihn nimmer sehen. Das hat er versäumt, dass er sich uns gestellt hat. Wir hätten erwartet am Anfang, dass er sich da zu uns gstellt hätte und ned allweil bloß Absagen gmacht hat, er fahrt ned auf Rumänien, weil er nah bei uns sein will. Was hat er gmacht: er is ned kommen. Wir hätten ihn gebraucht, dann hätten wir mit ihm anders reden können, dann wären die Medien ned so kemma und er hätt sich viel erspart. Er hätte sich und der Kirche viel erspart, wenn er von Anfang an gekommen wäre."
Auf die Frage, ob er den Eltern und Kindern in Riekofen nicht in die Augen schauen kann, gab der Bischof bei seiner Pressekonferenz übrigens keine Antwort. Für die Zukunft der Gläubigen in Riekofen wird das Folgen haben, davon ist Pfarrgemeinderätin Birgit Meyer überzeugt:
"Ich trenne stark Glaube und Kirche. Meinem Glauben hat das wenig getan, wobei man verhindern muss, ich mache mir meinen Glauben selber und Kirche ist mir wurst, denn Kirche braucht man. Das Gotteshaus, wo man gemeinsam zusammenkommt und gemeinsam feiert, Feste begeht. Mit dem Pf Dachauer haben wir einen sehr guten Griff getan und er geht mit uns einen guten Weg. Wir haben festgestellt, dass die Kirche nicht mehr ganz so voll ist, dass vor allem die Jugendlichen arg gebeutelt sind. Die sagen: Was willst denn mit dem Verein, schau doch in die Zeitung, jeden Tag steht was Neues drin und es wird immer schlimmer und dann sagen die Mütter: im Moment kann ich nichts dagegen setzen. Das ist ganz schwierig. Großen Zulauf hat das nicht gebracht."
Birgit Meyer und ihr Mann sehen bereits jetzt einen Riss durch die Gemeinde gehen:
"Die älteren sagen: Er war ein guter Pfarrer. Jüngeren sagen, mit so einem wollen wir nichts zu tun haben. Beides wird das Dorf spalten. Es wird nicht aufgearbeitet, weil die Verantwortlichen nicht dazu Stellung nehmen. Wir sind durch den Vorfall alle Opfer."
Die noch immer gläubigen Katholiken in Riekofen suchen Trost, Erbauung und Hilfe im Gottesdienst.
"Gehet hin in Frieden, dank sei Gott dem Herrn."
Der Friede des Herrn wird in Riekofen trotz des feierlichen Schlusssegens noch auf sich warten lassen.
