Richard Rogler zum "Mitternachtsspitzen"-Neustart

    "Ich hätte Kabarett in Corona-Zeiten in den Hörfunk verlagert"

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    Richard Rogler bei einem Auftritt im Jahr 2016 in Köln. Imago Images / Horn Eibner-Pressefoto
    Richard Rogler moderierte die "Mitternachtsspitzen" im WDR Ende der 80er- bis Anfang der 90er-Jahre. © imago images / Horn Eibner Pressefoto
    Richard Rogler im Gespräch mit Ute Welty · 06.02.2021
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    Richard Rogler war selbst Gastgeber der "Mitternachtsspitzen". Er beneidet das neue Team um Christoph Sieber nicht. Ohne Publikum und aufgezeichnet - das seien keine guten Voraussetzungen für Kabarett. Rogler fürchtet: "Da kommt keine Stimmung auf."
    Christoph Sieber ist am Samstagabend zum ersten Mal Gastgeber der traditionsreichten Kabarettsendung "Mitternachtsspitzen" im WDR. "Im 33. Jahr ihres Bestehens wagen die 'Mitternachtsspitzen' 2021 einen Neustart – ausgerechnet jetzt, mitten im Kampf gegen Coronaviren", schreibt der öffentlich-rechtliche Sender auf seiner Website.

    Schwierige Startbedingungen

    Richard Rogler, selbst Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre Moderator der Sendung, beneidet seine Nachfolger nicht. Erstens gebe es viel mehr Konkurrenz als früher: "Die Sendungen sind inflationär geworden. Wenn sie den Fernseher anmachen, dann hat irgendeiner ein Mikrofon in der Hand und steht mehr oder weniger unglücklich auf der Bühne rum." Zweitens seien die neuen Moderatoren der "Mitternachtsspitzen" noch nicht so bekannt und drittens müssten sie ohne Publikum spielen und die Sendung werde aufgezeichnet. "Da kommt keine Stimmung auf", sagt Rogler.
    Wäre er der verantwortliche Fernsehmacher, sagt Rogler, hätte er Kabarett in der Coronazeit im Fernsehen ganz eingestellt. "Ich hätte es in den Hörfunk verlagert, da passt es sowieso viel besser hin – da konzentriert man sich schön auf das Wort, da ist es etwas intimer."

    Zukunft des Kabaretts

    Zum Zustand der Kabaretts heute sagt er, auf der Bühne gehe das noch, es gebe auch gute Leute, die den Menschen Spaß bereiteten. "Nur es ist beliebig geworden, und wenn etwas beliebig wird, ist die Gefahr groß, dass man sagt, man braucht das jetzt nicht mehr." Man kapriziere sich sehr auf Politiker, was er nicht in so hohem Maße gemacht habe.
    "Das Kabarett, das haben die meisten vergessen, ist eine Kunstform und kein Namedropping für Seehofer und Dobrindt und Söder und wie die alle heißen." Zudem werde es moralisch: "Moral hat überhaupt nichts zu suchen im Kabarett. Das gehört in die Theologie." Dann werde gesagt, was ohnehin schon alle wüssten, dass es Hunger in der Welt und Kriege und Ungerechtigkeit gebe: "Das kann man runterleiern – aber die Leute wissen das doch", sagt Rogler.
    "Mitternachtsspitzen"-Gastgeber Sieber sagte im Deutschlandfunk, das Sendungs-Team führe eine Tradition fort: "Wir setzen uns ein, für die, die keine Stimme haben. Natürlich tritt das Kabarett nicht nach unten. Das Ziel sind immer die Oberen, die Mächtigen. Denen ans Bein zu pinkeln bleibt Aufgabe des Kabaretts."
    Rogler sagt zur Aufgabe der Kunstform im Jahr 2021, Kabarett müsse richtig gutes Gesellschaftskabarett mit einer sehr guten Sprache sein: "Keine doofen Witze oder die blöden Alltagsgeschichten der Comedians, auch möglichst nicht zu viel doofe Verkleidung", sagt er. "Man muss sich erinnern, dass das eine unterhaltsame Müllentsorgung der Gesellschaft ist."
    (mfu)
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