Donnerstag, 15.11.2018
 

Interview | Beitrag vom 20.08.2018

Richard David Precht zu seiner Utopie-Konferenz "Jede Menschheitsidee muss über eine Treppe gehen"

Moderation Nicole Dittmer

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Richard David Precht, ein deutscher Philosoph und Publizist, spricht auf der Internetkonferenz re:publica 2018.  (Britta Pedersen / dpa-Zentralbild)
Philosoph Richard David Precht: "Eine Zeit von in sieben Jahren scheint mir schon ziemlich gewaltig zu sein." (Britta Pedersen / dpa-Zentralbild)

600 Menschen denken in Lüneburg über das Leben im Jahr 2025 nach. Die Digitalisierung mache es möglich und notwendig, Utopien zu denken, sagt Gastgeber Richard David Precht: Denn wenn es schlecht laufe, könnten wir "in eine unglaublich beschissene Gesellschaft" kommen.

Nicole Dittmer: Es ist Zeit für Utopien an dieser Stelle, Visionen für das Zusammenleben in der Zukunft. Welche Bilder entstehen vor Ihren Augen, wenn Sie an das Jahr 2025 denken? Wie kann demokratisches Zusammenleben vielleicht neu gedacht werden und wie aus dem Denken Realität werden? Darum geht es drei Tage lang bei der ersten Utopie-Konferenz an der Leuphana-Universität Lüneburg. Dort wollen sich 300 Studierende aus ganz Deutschland mit Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen auseinandersetzen, mit ihnen diskutieren und Ideen entwickeln. Gastgeber ist der Philosoph Richard David Precht. Schönen guten Tag!

Richard David Precht: Ja, hallo, schönen guten Tag!

Dittmer: Herr Precht, ich habe auch schon mal so ein bisschen angefangen rumzudenken: Meine Utopie für die nicht ganz so nahe Zukunft sähe unter anderem so aus: in großen Städten wären Mehrgenerationenhäuser die Regel, kleine Oasen, in denen Menschen miteinander den Alltag managen. Überhaupt würde das Miteinander in unserer Gesellschaft wieder eine größere Rolle spielen, Zeit wäre wichtiger als Geld. Ist noch nicht so ganz ausgereift, aber welche Vision hätten Sie?

Bedürfnis nach mehr Miteinander

Precht: Na ja, ich denke, das, was Sie erzählt haben, das deckt sich auch mit meinen Visionen. Ich glaube, dass wir tatsächlich die Chance haben, in eine Gesellschaft zu kommen, die einem großen Bedürfnis nach mehr Miteinander und mehr Zeit für die wichtigen Dinge zu haben, mehr Zeit für das Soziale zu haben, für die Familie, für die Freunde – dass wir dieser Gesellschaft näherkommen können. Das ist sicherlich ein wichtiges Ziel.

Natürlich gibt es noch viele andere Ziele: Wir müssen darüber nachdenken, wie wir im globalen Maßstab die Welt gerechter machen können; wie wir dafür sorgen, dass nicht so viele Menschen ihre Heimatländer verlassen müssen aufgrund von verheerenden Zuständen, die wir zum Teil mit angerichtet haben. Also das sind zum Beispiel zwei Felder, aber da gibt es auch andere Sachen: über die Zukunft der Medizin nachzudenken, über die Zukunft der Ernährung nachzudenken, die Frage, wie sieht das Geld der Zukunft aus, brauchen wir noch welches. Also, da gibt es ziemlich viele Facetten.

Dittmer: Klingt auf jeden Fall erst mal sehr optimistisch, vor allem, wenn man so an die aktuellen gesellschaftlichen Zustände denkt. Wie zuversichtlich sind Sie denn, dass Sie sich der Realisierung solcher Utopien in den nächsten drei Tagen annähern?

Precht: Also zunächst mal ist eines klar: Je konfuser eine Gesellschaft ist und je orientierungsloser eine Gesellschaft ist – und im Augenblick ist sie ziemlich orientierungslos, was die großen Fragen und Probleme der Menschheit anbelangt – umso besser ist es um die Utopie bestellt. Also Leute, die das Gefühl haben, in optimalen Zuständen zu leben, sind normalerweise nicht sehr offen für Utopien, sondern man braucht eigentlich erst die Crashs, die Katastrophen, die Unruhe, die Befürchtungen, damit die Utopie tatsächlich blühen kann. Wir werden jetzt hier in den drei Tagen der Konferenz natürlich nicht alle Menschheitsprobleme lösen, aber wir werden versuchen, vieles anzusprechen, und ich hoffe, dass wir alle – mich eingeschlossen –, dass wir ein bisschen klüger werden dadurch.

Sieben Jahre gewaltig viel Zeit

Dittmer: Nun kennzeichnet eine Utopie aber auch, dass sie zu dem Zeitpunkt, wo sie entsteht, erst mal als eher nicht realisierbar gilt, auch wenn wir jetzt hier von konkreten Utopien reden. Es geht bei Ihrem Kongress ja um Gesellschaftsmodelle für das Jahr 2025. Ist das utopisch gesehen nicht ein bisschen kurz gedacht?

Precht: Also, wenn ich mal überlege, dass wir alle Smartphones haben seit etwa knapp zehn Jahren, dann scheint mir eine Zeit von in sieben Jahren schon ziemlich gewaltig zu sein. Ich glaube, wir haben schon in sieben Jahren einen ganz anderen Verkehr in den Städten. Ich glaube, dass hier die Automobilindustrie, so wie wir sie bisher kennen, sich noch in einer viel, viel stärkeren Krise  befindet. Wir werden in sieben Jahren mit dem Thema Migration – was machen wir mit Afrika? – auf einem ganz anderen Stand sein als wir jetzt sind. Wir werden in sieben Jahren viel Gehirnschmalz darauf verwendet haben, neu über Europa nachzudenken, weil dieses alte Europa offensichtlich schief zusammengewachsen ist.

Also, ich glaube, da kann viel passieren, aber am Anfang haben Sie das ja auch gesagt: Wenn man Utopien ausbrütet, dann steht man da zunächst als Träumer oder als Visionär. Und ich meine, jede zukünftige Menschheitsidee muss immer über eine Treppe gehen. Wenn Sie neue Ideen haben, als erstes werden die verlacht; und als zweites werden die bekämpft; und am Ende gilt Ihre Idee als so selbstverständlich, dass man sich gar nicht mehr vorstellen kann, wie es früher mal gewesen ist.

Die Pflicht, utopisch zu denken

Dittmer: Sie haben die Digitalisierung als erstes angesprochen. Sie halten den digitalen Epochenumbruch, sagen Sie, für die Gelegenheit, Utopien jetzt zu denken. Warum?

Precht: Ja, auch als die Notwendigkeit. Weil unsere alte Gesellschaft nicht weitergeht.

Dittmer: Weil die Digitalisierung …

Precht: Die Digitalisierung wird dafür sorgen, dass ein ganz erheblicher Teil der Berufe, die man bisher als Intelligenzberufe bezeichnet hätte, dass die in Zukunft von Maschinen gemacht werden. Manches schon in fünf Jahren, anderes vielleicht erst in zwanzig Jahren, aber das wird dazu kommen. Sehr viele Menschen werden nicht mehr im klassischen Sinne erwerbstätig sein. Dann leben wir nicht mehr in der Gesellschaft der Bundesrepublik im Jahre 2018, sondern in einer anderen Art von Gesellschaft – und wir müssen uns jetzt überlegen, was sind die humanen, humanitären Spielregeln für eine Gesellschaft, in deren Mittelpunkt nicht mehr die Erwerbsarbeit steht. Das ist eine riesige Herausforderung.

Dittmer: Und müssen wir die Digitalisierung dabei als Bedrohung und als Chance denken?

Precht: Ja. Also meistens, wenn ich jetzt irgendwo auf einem Podium stehe und erzähle, dass Millionen von Menschen ihre Arbeit verlieren, dann glauben die Leute, ich bin ein Panikmacher, und ich finde das ganz furchtbar. Tatsächlich halte ich die Tatsache, dass immer mehr relativ langweilige, einförmige Arbeit von Maschinen gemacht werden kann, für einen Menschheitsfortschritt. Ich glaube, dass wir einem Job auf dem Finanzamt oder dem Job des Busfahrers langfristig nicht hinterhertrauern, selbst wenn der Busfahrer, der seinen Job verliert, erst mal unglücklich ist.

Aber wir erleben eine ganz große strukturelle Veränderung, und wir haben die Chance, die Gesellschaft dadurch noch angenehmer, noch besser zu machen, auch lebenswerter zu machen, zum Beispiel Zeit zurückzugewinnen, aber ich sage immer die Chance. Also rein theoretisch haben wir auch die Möglichkeit, in eine unglaublich beschissene Gesellschaft zu kommen. Das muss man in all dieser Deutlichkeit auch sagen.

Vom Prinzip Hoffnung beseelt

Dittmer: Und das wollen wir natürlich nicht. Deswegen will ich es am Ende des Gesprächs doch noch mal versuchen, so ein bisschen konkreter zu machen. Um an Ihrem Kongress als Studierender teilzunehmen, musste man sich ja auch bewerben, schon sogenannte Utopieentwürfe einreichen. Wie sieht denn so ein Entwurf zum Beispiel aus, also im idealen Falle, was wünschen Sie sich für 2025?

Precht: Na ja, Sie haben ja selber schon drüber gesprochen, was Sie für wünschenswert halten. Und bei den Studenten ist es so gewesen, dass wir diejenigen anziehen wollten, die auch Lust haben, sich kreative Gedanken zu machen und nicht einfach nur zuzuhören. 

Und bei der unglaublichen Zahl an Anmeldungen, die wir gehabt haben, nicht nur von Studenten, sondern wir haben die Hälfte, also 300 Studenten, und die andere Hälfte, das sind 300 Leute, die nicht studieren, die sich ebenfalls bewerben konnten, hier teilzunehmen.

Ich habe natürlich nicht all die Entwürfe gelesen, aber ich werde jetzt in den nächsten drei Tagen wahrscheinlich in zahlreiche Diskussionen kommen, wo wir die Gelegenheit haben, die eine oder andere gute Idee aufzugreifen und die Spreu vom Weizen zu trennen.

Dittmer: Und welche Rolle wird in all diesen drei Tagen das Prinzip Hoffnung spielen?

Precht: Ich glaube, wer nicht von dem Prinzip Hoffnung beseelt ist, der hat sich hier nicht angemeldet.

Dittmer: Sagt der Philosoph Richard David Precht, Gastgeber der heute beginnenden Utopiekonferenz an der Leuphana Universität Lüneburg. Schönen Dank!

Precht: Ja, gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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