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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 09.12.2007

Rheinsberg

Literarische Plätze (12)

Von Katja Bigalke

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1912 schrieb Kurt Tucholsky seine Erzählung "Rheinsberg - ein Bilderbuch für Verliebte". Der Ausflug eines verliebten Großstadtpaares in die märkische Sommerfrische wurde ein Riesenerfolg. Jede Generation entdeckt ihn aufs Neue und amüsiert sich über den verspielt erotischen Ton. Wie empfängt das Städtchen Rheinsberg heute junge Liebespaare? Was ist seit Tucholskys Zeiten gleich geblieben, was hat sich verändert? Eine literarische Reportage von Katja Bigalke zu Schloss und See in sündhaft schöner Landschaft.

"Da ist noch Wasser. Komm lass uns los, das Wetter ist so schön. Hast du das Buch? Ja, den Tucholsky hab ich eingesteckt, los jetzt, komm."

(Motorgeräusch, Losfahren)

"Wie viele Kilometer sind es denn jetzt noch bis Rheinsberg?"

Ein Wochenende wie aus dem Bilderbuch. Die Sonne strahlt, der Himmel zeigt helles Blau. In ihrem alten Alfa Romeo gleiten Inga und Wolfgang, beide Anfang 30, auf der B96 Richtung Norden: raus aus Berlin, hinein ins Neuruppiner Land mit seinen kühlen Wäldern und glitzernden Seen. Eine Landpartie mit Kultur, hat Inga, die Dramaturgin, beschlossen. Ziel ist Rheinsberg.

Inga kennt das Städtchen bisher nur aus Kurt Tucholskys berühmter Erzählung: "Rheinsberg - ein Bilderbuch für Verliebte." Aufgeschlagen liegt das orangefarbene Taschenbuch auf ihrem Schoß. Sie sucht nach dem passenden Zitat, versucht den skeptischen Wolfgang am Steuer etwas mehr zu begeistern.

"Der Horizont flimmerte blendend weiß. War es eine Schönheit, diese Landschaft? Nein - da standen Baumgruppen durch nichts ausgezeichnet, das Land wurde wellig in der Ferne, versteckte ein Wäldchen und zeigte ein anderes - man freute sich, dass im Grunde alles da war."

Mit ein wenig Phantasie ist heute noch alles da. Eine flache, von Alleen zerschnittene Landschaft, Kornfelder, dazu als Tribut an den Fortschritt Windräder und Einkaufscontainer auf grüner Wiese.

Claire und Wolfgang, die beiden Frischverliebten bei Tucholsky, kommen damals, 1912, mit D-Zug und Kleinbahn an. Den Reiseführer lassen sie im Abteil liegen. Aber das macht nichts, ihr amouröses Abenteuer braucht keine wohlmeinenden Hinweise.

Der Wolfgang von heute, der von einer Karriere als Theaterregisseur träumt, hat Rheinsberg schon mal besucht. Vor Jahren. Mit seinen Eltern. Er verdreht die Augen, seufzt. Die Erinnerung an den Ausflug ist nicht so erhebend.

"Es hat permanent geregnet. Meine Mutter wollte das damals ... keine Ahnung ... Das war, glaube ich, auch 'ne Fontane- und Tucholsky-Geschichte. Ich hatte gerade mein Medizinstudium abgebrochen und meine Eltern waren darüber sehr verzweifelt und es war extrem schlechte Stimmung. Ich hatte 60er-Jahre-Schlaghosen an und den Schlafanzug meines Vaters aus den Siebzigern. Da hatten die Angst, dass ich verschlumpe und verschlampe - den Schlafanzug hast du dann immer getragen." (zu Inga)
Inga: "Aber in der Nacht, nicht am Tag."

An Wolfgangs modischen Vorlieben hat sich nicht viel geändert. Kritisch streift der Blick seiner Freundin über das knittrige T-Shirt und die löchrige Stoffhose, die schon zu viele Sommer erlebt hat. Inga selbst trägt zu engen Jeans ein schickes schwarzes Hemd und eine riesige Sonnenbrille.

"Wo müssen wir denn jetzt hin? Hast du die Übernachtungsadresse? Frag mal wo die Bergstraße ist - Bergstraße 4 - soll ich mal raus springen?"

Ihr Zimmer haben die beiden im Internet gebucht. Auf einem Stadtplan am Ortseingang suchen sie nach der Adresse.

"Dann müssen wir die nächste rechts, Rheinstraße, Schlossstraße. ich dachte wir kämen von links, ist okay oder? (Tür zu) Inga, da vorne gibt es Kirschen für dich, hätte ich eh ganz gerne ... Nee. lass uns erst mal dahin fahren. Das ist ja schon das Schloss - Fontante Platz - das ist alles auf diese Schlosstouristik ausgerichtet. Ich mein noch mal rechts und dann noch mal links."
"Hier Bergstraße - das sieht ja sehr schön aus."

Wolfgang parkt den Wagen vor einem verklinkerten Eckhaus. "Antiquitäten" steht auf dem Schild vor dem Eingang und: "Ferienwohnung". Sie klingeln bei "Krüger".

"Sind Sie der Herr Krüger? Herr Krüger - wir sind's"
"Ich komm mal runter. Hallo, hallo. Guten Tag."

Herr Krüger ist ein freundlicher, kräftiger Mann in mittleren Jahren. Er wohnt ein Stockwerk über der Ferienwohnung. Seine zwei Fremdenzimmer nutzt der Geschäftsmann zugleich als Lager und Ausstellungsraum für seinen Antiquitäten-Handel. Inga und Wolfgang schauen leicht irritiert angesichts der vielen blankpolierten Erbstücke - dekoriert mit Häkeldeckchen und plüschigen Kissen.

"Hat ihre Großmutter hier gewohnt?"
"Ich bin Antiquitätenhändler - da hat man auch in den privaten Wohnräumen alte Sachen, Weil, wenn man alles neu kaufen würde, hat man ja keine Mehrwertsteigerung. Alles aus der Mark Brandenburg - Ist alles käuflich."
"Das ist alles Biedermeier hier?"
"Nee, das ist Jugendstil."
"Woran erkenne ich den Unterschied?"
"Das hat man intus durch langjährige Arbeit - das sagt einem das Herz ... Jugendstil, das Leichte, Beschwingte und Bewegte mit der Natur..."

Im Tucholsky-Buch rätseln die Romanfiguren in ihrem kargen Hotelzimmer mit Holzbett und Waschtisch, ob vor dem Fenster Akazien oder Magnolien stehen.

Inga und Wolfgang fragen sich nun, ob die Schlafzimmerkommode Biedermeier oder Jugendstil ist. Wenigstens klebt kein Preisschild drauf, sagt Inga. Und das Doppelbett ist auch sein Geld wert.

"Juhuu (lacht) - die Matratze ist ganz okay - (lacht) - ob das ein Zeichen ist mit dem Kinderbettchen?
Willst du die Bücher mitnehmen?"
"Ich brauch keine Ablenkung von dir, schau dir nur die ganze Zeit in deine verkackten grünen Augen."
"Wenn die mal grün wären."
"Nee, stimmt, sie sind braun."

Wolfgang schnappt sich den Fotoband, der auf dem Nachttisch liegt: "Auf Friedrich des Großen Spuren."

"Friedrich Wilhelm der Erste, der stand doch auf die langen Kerls..."
"Was war das denn?"
"In der Potsdamer Wachparade so 'ne Spezialgarde - müssen wir jetzt schon diese schönen kleinen Biedermeier langmachen."
"Jetzt gehen wir los - ich hab alles - Wolfgang komm, guck mal nach dem Schlüssel."

Die beiden poltern die Treppen herunter - Stippvisite in Rheinsbergs Stadtkern: Vor dem Haus juckelt eine Pferdekutsche vorbei - Touristen auf Nostalgietour. Inga erinnert die Szene an die Droschkenfahrt, die das Paar im Buch unternimmt, um das prosperierende Provinzstädtchen in Augenschein zu nehmen. Inga steht an der menschenleeren Hauptstraße - links Bahnhof - rechts Innenstadt, liest die Stelle vor:

"Schaufenster boten lockend ihre Einlagen an. Nach künstlerischen Prinzipien hatte zum Beispiel Herr Krummhaar, der Kolonialwarenhändler an der Ecke des Marktes, sein Schaufenster arrangiert. Blickte man durch die blankpolierten Scheiben, so tat sich dem Beschauer eine schlaraffenhafte Landschaft auf: Auf einem Hügel von Paniermehl stand ein Zuckerhut mit einem roten Gelatinekreuz, und sah man näher hin, war es eine Windmühle. Pflaumenwege führten an mit Preisen versehenen Korinthenbeeten vorbei. und auf einem Spiegelglas schwamm eine Brigg, die Herrn Krummhaar aus dem fernen Indien bauchige Flaschen Danziger Goldwassers und Salzbrezeln heranschleppte..."

Heute gehen die Rheinsberger vorwiegend im Lidl Markt einkaufen. Und danach auf ein Pils in Faulis Pub mit "Bier-Flatrate". Beim einzigen Imbiss besorgt sich Wolfgang einen Döner, verschlingt ihn im Gehen. Die beiden erreichen Hauptplatz und Kirche. Kinder sitzen vor einem Freiluft-Puppentheater. Wolfgang hat immer noch Hunger - der Kasperl offenbar auch. Ein Seelenverwandter:

"400 Eier, einmal Vanillesauce und einmal Apfelmus, Vanillesauce, Eierkuchen und dann soll man den nach Alaska schicken..."
"Jetzt komm mal Wolfgang, das gefällt dir, ne? Macht Spaß für Kinder, oder? Kann man richtig aus sich rausgehen..."

Was sich liebt, das neckt sich - meist infantil. Das ist heute nicht anders als vor hundert Jahren. In Tucholskys Erzählung plappert "die Claire" oft wie ein Kleinkind mit ganz eigener Grammatik und bewussten Wortverdrehungen. Inga reist die Augen auf und macht sie nach:

"Sehssu, mein affken, das ist nu deine heimat? Glaubssu, dass es hier Bärens gibs?"

Im Buch wird die Claire dafür mit Kosenamen wie "honey suckle" oder "Hulle Pulle" belohnt.
Inga und Wolfgang geben sich da - nach außen hin - viel nüchterner.

"Hulle pulle hulle pulle - volle pulle - Leben- "
"Wenn ich mit Inga bin, empfinde ich Inga auch nicht als Äffken oder Blütenstaub oder Nelke, die ich mit meinem Stempel befruchten kann."
"Wolfgang hat für mich gar keinen Kosenamen - doch: Ingifalingi."
"Stimmt."
"Ich nenn ihn manchmal Wölfchen, aber das finde ich nicht gut. Honey sucker moon kenn ich nur - das ist Honig saugender Mond. Ist das nicht ein Nina Simone Jazz?"

Inga und Wolfgang kennen sich schon fünf Jahre - sind also nicht mehr ganz so verspielt-verliebt wie ihre literarischen Vorgänger. Mit dem Bilderbuchpaar teilen sie die Lust am Reisen.

"Das sind zwei, die sind 'nen bisschen so unterwegs wie wir."
"Ossi oder Wessi?"
"Astreiner Wessi, obwohl das nicht so 'ne Rolle gespielt hat damals."

Inga will jetzt zum Schloss. Es liegt unterhalb des Marktplatzes an einem kleinen See - ein Muss jeder Rheinsberg-Visite. Kein Miniatur-Versailles, aber eine nette kleine Residenz mit Türmchen und Gartenidylle. Friedrich der Große verbringt einige entspannte Jahre hier, später versammelt sein Bruder Heinrich einen kunstsinnigen Hof um sich - mit Malern, Musikern und Schauspielern. Wolfgang zieht das abgegriffene Rowohlt-Bändchen aus dem Rucksack, wirft sich in Rezitierpose:

"Claire, guck mal, das Schloss. Das Schloss musste besichtigt werden. Man schritt hallend in den Hof und zog an einer kleinen Messingstange mit weißem Porzellangriff. Eine kleine Glocke schepperte. Ein Fenster klappte: 'Gleich'. - Eine Tür oberhalb der kleinen Stiege öffnete sich, und es kam nichts, und dann tappte es, und dann schob sich der massige Kastellan in den Hof. Als er der Herrschaften ansichtig wurde, tat er etwas Überraschendes. Er stellte sich vor: 'Mein Name ist Her Adler. Ich bin hier der Kastellan'."

Statt Herrn Adler, dem massigen Kastellan, erscheint die schmale Viola Suckert. Für ein Trinkgeld führt sie Gäste in ihrer Freizeit durch das Schloss. Wie ein strebsames Schulmädchen bei einer Prüfung spult sie ihr historisches Wissen herunter. Frau Suckert ist jetzt voll in ihrem Element, die Lektion kennt sie in und auswendig. Sicheres Terrain.

"Das ist ja eigentlich ein Wasserschloss, entworfen von Knobelsdorff, deshalb die Ähnlichkeit mit Sanssouci..."

Es folgen Kurzvorträge über preußische Sparsamkeit, Friedrichs traurige Kindheit, die Ära Heinrich. Man passiert Ahnengalerien mit glubschäugigen Damen und würdevollen Herren, chinesische Tapetenmalereien, den Spiegelsaal. Frau Suckert kann nicht genug Details weitergeben.

"Diese Püschel da oben" (Inga lacht)
"Das ist ein Glücksfall - wurden in Lyon nachgewebt..."

Inga nickt interessiert, stellt hier und da eine Frage, versucht tapfer, aufmerksam zu bleiben.

Wolfgang hingegen bemüht sich gar nicht mehr, sein Gähnen zu unterdrücken, mault herum, wie ein Kleines Kind: Ich hab Hunger, ich bin müde, ich kann nicht mehr. Sehnsüchtig wandern seine Augen zum See draußen.

Nur einmal wagt er einen Einwurf, um zu zeigen, dass auch er seinen Tucholsky gelesen hat. Aber Frau Suckert versteht die launige Anspielung auf die Frage nach den Toiletten nicht. Kein Lächeln, keine Komplizenschaft. Das Bilderbuchpaar lacht sich an dieser Stelle kaputt. Frau Suckert antwortet pflichtgemäß.

"Kann man hier irgendwo auf Toilette gehen?"
"Im Marstall sind die Toiletten."
"Ah, okay."
"Ich glaub, das war jetzt eher der Versuch, herauszufinden, ob es überhaupt welche gab."
"Früher nicht - nur Toilettenstühle. Hier sind wir jetzt in der Puder- bzw. Kleiderkammer, die haben ja nicht gebadet, sondern sich nur fleißig gepudert, die haben ja gedacht, vom Wasser wird man krank..."

Wolfgang murmelt: "Das sag ich auch immer!" - Schicksalsergeben.

(Lachen) "Da hatte man aber immer diese Tierchen. Flöhe, Läuse. Die hatten unter den Reifröcken Flohfallen, da war Honig drin und die haben sich dann da verfangen. Und wenn das nichts nützte, dann hatte man immer die Kratzstäbe dabei."

Zum Schluss des Rundgangs erwähnt Frau Suckert, dass hier zu DDR-Zeiten ein Sanatorium untergebracht war. Nur vor diesem Kontrast lässt sich der Wiederaufbau nach der Wende angemessen würdigen, meint sie - immer noch sehr steif.

Stoßseufzer und Hilferuf:

"Bin so müde, Inga."

Inga kennt kein Erbarmen. Schon mal hier, muss das Tucholsky-Museum nebenan besucht werden.

"Lass uns morgen da rein gehen, lass uns was essen zuhause, was schlafen."

Wolfgangs Vorschläge bleiben wirkungslos. Übertrieben erschöpft schleppt er sich die Treppen zum Museum hoch, hängt am Geländer wie ein nasser Lappen.

"Hallo, wir wollten uns ein bisschen umschauen."

Im großen Ausstellungsraum ordnet Edeltraud Dänzer, eine energische Frau mit schlohweißem Haar, heute zum hundertsten Mal ihre Tucholsky-Buchauslage. Sie freut sich über Abwechslung.

"Kommen se mal mit rein - hier geht das los: hier beginnt der Raum, das sind immer die einzelnen Etappen von Kurt Tucholsky und dann in den Vitrinen finden Sie auch das Original, wodurch Rheinsberg so bekannt wurde: das ist das erste Buch."
"Deswegen kommen wir ja auch 'n bisschen..."
"Ja, er war hier mit 'ner Freundin, hat hier mehrere Tage verbracht und ein Jahr später hat er die Erzählung dann veröffentlicht - ist so auch so populär geworden..."

Dänzer führt die beiden umher. Hier: Tucholskys alte Schreibmaschine. Da: sein Sekretär. Über der Originalausgabe von "Rheinsberg - ein Bilderbuch für Verliebte" hängt ein Zitat des stolzen Autors. Zum 50.000sten verkauften Exemplar - neun Jahre nach Erscheinen. Dänzer setzt sich die Brille auf liest vor, etwas unsicher, stockend:

"Rheinsberg ist das Buch, nach dem später Generationsweise vom Blatt geliebt wurde -dieses Buch ist zeitlos und kann Generationenweise gelesen werden und ist übertragbar auf die heutige Zeit, dass jede Generation, gerade die Jungen, das lesen können und dass es immer wieder zutrifft."

Wolfgang, Inga grinsen.

"Wann haben Sie das denn gelesen?"
"Oh, da war ich auch verliebt. Bin ja auch erst durch meinen Mann dazugekommen zur Literatur - so ungefähr. Wir waren jung verheiratet - wir haben außerhalb gewohnt."

Frau Dänzer wird ein bisschen verlegen. Sie ist ja im Museum nur als "Ein-Euro-Job" beschäftigt, sagt sie - wer Fundiertes über Tucholsky erfahren will, müsste schon den Museumsleiter fragen. Doch der ist im Urlaub. Es gibt aber noch Filme zu sehen, fährt sie schnell fort: Einen DEFA-Streifen und einen Westfilm mit Conny Froboess.

"Wie gesagt, ist 'ne heitere Liebesgeschichte."
"Aber kommen denn noch viele heitere Verliebte?"
"Kommen viele Liebespaare hierher. Manche sind so verliebt, die machen die Türe zu und müssen sich umarmen und dann machen sie Türe wieder auf."
"Und Sie halten sich dezent zurück." (lacht)
"Ja, macht man dann ja, ne."
"Komm, wir schauen uns mal 'n bisschen die Schnulze an."

Wolfgang schließt die Tür zum Vorführraum, schmeißt den Fernseher an.

(Fernseher)
"Es war an einem Sonntagmorgen und irgendwas lag in der Luft und ich fragte mich, was liegt denn in der Luft? Du Wölfchen lagst in der Luft... Ach ja Verzeihung, können Sie mir sagen, wie es zum Strandbad geht?"

Schwarz-Weiß -Aufnahmen flackern über den Bildschirm. Die junge Conny Froboess in Bikini schmachtet ihren Wolfgang an. Eine sehr freie Interpretation der Tucholsky-Vorlage - vom gesperrten Ostzonen-Rheinsberg einfach ins Strandbad Wannsee verlegt. Nach fünf Minuten haben Inga und Wolfgang genug. Jetzt wollen sie selber baden gehen. Letztes Hindernis auf dem Weg nach draußen: das Gästebuch. Wie eine Falle für Liebespaare hat es Frau Dänzer am Ausgang aufgeklappt.

"Komm doch mal, willste nicht noch was reinschreiben?"
"Ich schreib hier was zum alten Fritz - es hat uns jut jefallen,finste nich jut?"
"I love Claire - ist doch schön, wegen dem Büchlein jetzt hier zu sein - heute Abend dann in dem kleinen Biedermeierzimmer ... "
"Ach ja, klasse gut.""

Das kulturelle Pflichtprogramm ist absolviert - Wolfgangs Laune deutlich besser. So langsam kommen die beiden in Tucholsky-Stimmung. See und Sonne - das fühlt sich besser an als literarische Spurensuche in alten Gemäuern. Ein kurzer Spaziergang durch den Park mit Rosengarten und steinernen Nymphen. Träge klatschen kleine Wellen ans schilfige Ufer - Inga und Wolfgang im Gleichschritt, lesen:

"Was war von oben betrachtet ein Liebender? Ein Narr. Ganze Literaturen wären nicht, riegelten die Mädchen ihre Türen auf... Ein Amoroso war zu befriedigen, gebt ihm das Weib, das er begehrt, und der tönende Mund schweigt. Was gibt es, uns zum Schweigen zu bringen? Wir haben nichts mehr zu verschleiern, wir wissen um alle Heimlichkeiten der Körper... Auch um alle der Seele? - Es gibt Worte, die nie gesagt werden dürfen, sonst sterben sie... Aber wir wollen nicht in diese Tiefen der Schatzkammern, wir haben einander ganz und doch sehnen wir uns. Was ist das, das uns forttreibt, weiter höher, vorwärts? Der Frühling ist es nicht; denn es ist da zu allen Jahreszeiten, die Jugendzeit ist es nicht; denn wir spüren es in allen Altern, die Claire ist es nicht - wir fühlen es ohnehin."

Tucholskys Claire und Wolfgang leihen an dieser Stelle im Buch ein Ruderboot aus, paddeln über den See. Inga und Wolfgang ist das zu langweilig. Sie wollen mehr Geschwindigkeit, wollen segeln. Ein Wunsch, der die Angestellten des Touristenbüros neben dem Schloss offensichtlich überfordert. Segeln geht nicht in Rheinsberg, der See sei zu klein, lautet ihre apathische Auskunft. "Alles Ein-Euro-Jobber", brummt Wolfgang missmutig. Ihn hält jetzt wirklich nichts mehr im Städtchen.

"Also, man kann nicht Kanu fahren oder so, man kann nur paddeln. Aber Segeln schon mal gar nicht. Ich würde das hier jetzt gerne mal verlassen und ein Segelboot mieten. Fänd ich auch nicht schlecht."

Gespielt zornig schüttelt er Inga:

"Ich hasse dich Claire, ich hasse dich"
"Ich kann ja nichts dafür..."

Die beiden springen in ihren alten Alfa Romeo, lassen Rheinsberg hinter sich. Flitzen vorbei an jungen Linden, Feldern. Wolfgang und Claire zieht es in den Wald. Wolfgang und Inga suchen größere Gewässer.

"Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln gehen - sofern die Winde wehen. Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen ... "

(Motorboot)
"Habt ihr 'nen Korkenzieher? Können wir den ganz kurz ausleihen?"..."

Eine halbe Stunde später, der größte See im Rheinsberger Umland ist erreicht. Bilderbuch-Szenen am Anlegesteg: Familien, die zu einem Picknick landen. Kleine Kinder mit Schwimmreifen. Junge Hunde, die im Wasser tollen.

Segeln ist auch hier nicht möglich. Zu wenig Wind, wiegelt der Bootsvermieter ab. Inga und Wolfgang entscheiden sich für ein kleines Motorboot, tuckern mit 3 PS hinaus auf den spiegelglatten See - ihre Laune wie ein Segel gebläht, berauscht von Natur und Weißwein aus dem Picknickkorb.

Baden in der Nachmittagssonne. Wolfgang wird übermütig. Mit einer beherzten Tauchaktion klaut er Ingas Badehose.

""Gib meine Badehose wieder, lass die Badehose sein und dein Adam geschwind mit 'nem großen Riesen beeindrucken."
"Du bist ja total nackt!"
"Wenn du die mir mal wiedergeben würdest, könnte ich das ändern, bitte Wolfgang!"
"Die ist dir zu klein, die passt um deinen dicken Popo gar nicht rum." (quietscht lacht)
"Ich würde jetzt gerne raus."

Inga klettert zurück ins Boot, streckt sich aus in der Sonne. Wolfgang kommt dazu, streicht ihr eine Strähne aus dem Gesicht, küsst sie auf den nassen Mund. Verliebt sein wie vor 95 Jahren...

"Dunkelgrün und klar liegen die Ufer weit zurück, der fächelnde Wind kräuselt das Wasser."

Eine Tucholsky-Beschreibung, die nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat, sagt Inga und klappt ihr Buch auf - ein letztes Mal:

"Leuchtender, leuchtender Tag. - Da sein, voraussetzungslos Da-Sein und immerfort wissen, dass eine ist, die gleich fühlt, gleich denkt...(Denkt fühlt sie wirklich? Aber ist das nicht einerlei, wenn wir nur glauben?) Nun, wir glauben eben einmal, dass wir uns nur deshalb nicht begegnen, weil wir nebeneinander demselben Ziel zulaufen, gleich strebend, parallel - Dies zu wissen, das ist Glück. Ein Seitenblick genügt: all deine Empfindungen sind hier noch einmal, aber umkleidet mit dem Reiz des Fremden. Wozu versichern, betonen? - Wir wissen, wir wissen. Und das Erlebnis und ich und sie - das ergibt einen Klang, einen guten Dreiklang."

"Dein Magen knurrt, Inga"
"Ja, ich würde auch gerne gleich mal was essen gehen wollen. Das Buch ist auch gleich schon zu Ende."

"Alles klar, kann los gehen."

(Motorboot)

Rufen: "Hulle Pulle, Hulle Pulle - volle Pulle - Leben... "

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