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Länderreport | Beitrag vom 12.09.2019

Rhein-Hunsrück-Kreis in Rheinland-PfalzAvantgarde in Sachen Energiewende

Von Anke Petermann

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Der Ort Mörsdorf im Rhein-Hunsrück-Kreis mit der katholischen Kirche und hinter dem Ort fünf Windenergieanlagen. (imago images / Jochen Tack)
Bundesweiter Vorreiter in Sachen Windenergie & Co.: Der Rhein-Hunsrück-Kreis, hier der Ort Mörsdorf. (imago images / Jochen Tack)

Straßenbeleuchtung aus kommunalen Photovoltaikanlagen, Windräder ums Dorf - und bald kostenloses Elektro-Carsharing: Der Rhein-Hunsrück-Kreis ist Vorreiter bei erneuerbaren Energien und demonstriert das regelmäßig Besuchergruppen aus aller Welt.

Als erstes Hunsrück-Dorf hat sich der 300-Einwohner-Ort Horn eine Photovoltaikanlage aufs Dach des Gemeindehauses gesetzt. Gekoppelt mit einem Batteriespeicher speisen die Solarzellen die nächtliche Straßenbeleuchtung mit modernen LED-Lampen. Die Sonne scheint auch nachts, heißt es in Horn. Ersparnis seit 2017: Sechs Tonnen CO2 und 2500 Euro jährlich. "Das finden die Leute schon gut, die meisten sind schon für die Solarenergie", sagt der pensionierte Maschinenbauer Gerhard Augustin.

Umstrittener sind die Windräder, die das Dorf umgeben. Vor 25 Jahren hatten Idealisten die ersten Anlagen im Rhein-Hunsrück-Kreis gebaut. Fast 300 sind es mittlerweile – und sie haben die Region rechnerisch zum Exporteur erneuerbaren Stroms gemacht. Sieben Millionen Euro nehmen die Gemeinden kreisweit jährlich an Pacht ein, reinvestieren sie unter anderem in Energiespar-Beratung für die Bürger.

Schön sind die "Spargel" nicht, findet Rentner Gerhard Augustin: "Aber insgesamt bin ich schon froh, dass die Windkraft hier ist. Die Atomkraft ist schwer zu entsorgen, weil sie über Jahrtausende strahlt, und die Windräder können Sie abreißen und zum Teil wiederverwerten, ohne die Umwelt zu belasten."

Neuerkirch: Vorreiter bei der Heiz-Energiewende

Neuerkirch, zehn Autominuten entfernt, ist mit 300 Einwohnern genauso groß wie Horn. Und bundesweiter Vorreiter der Heiz-Energiewende. Wie das mit Hilfe von Windpacht-Geldern, Förderung des Landes und der Kreditanstalt für Wiederaufbau funktionierte, erzählt Bürgermeister Volker Wichter - und zwar einer Besuchergruppe von Kommunalpolitikern und Wissenschaftlern aus Nordpolen. Gemeinsam mit dem Nachbardorf Külz baute Neuerkirch das größte Solarthermie-Feld in Rheinland-Pfalz: Wichter deutet auf die schräg aufgestellten Sonnenkollektoren. Sie speisen eine zentrale Heizanlage, kombiniert mit der Verbrennung von Holz-Hackschnitzeln.

Marc Meurer von den Verbandsgemeindewerken Simmern steht im Heizkraftwerk von Neuerkirch und Külz. (Deutschlandradio / Anke Petermann)Hackschnitzel und Sonnenkraft – Marc Meurer von den Verbandsgemeindewerken Simmern hat das Heizwerk von Neuerkirch und Külz im Griff. (Deutschlandradio / Anke Petermann)

"Mittlerweile haben wir in beiden Dörfern 146 Teilnehmer, über sechs Kilometer Netz wurden verlegt, und in demselben Zug haben wir in Neuerkirch und Külz in fast jedem Haus Glasfaser gelegt, mit einem Anschluss von 300 Mbit", übersetzt Christine Coellejan von EuroNatur.

Die gemeinnützige Stiftung setzt Klimaschutz-Modellprojekte im Norden Polens um und unterstützt den deutsch-polnischen Austausch. Schnelles Surfen statt lahmes Internet - die polnischen Besucher nicken anerkennend.

Keine Leerstände, keine freien Bauplätze mehr

Das zieht, bilanziert Bürgermeister Wichter: keine Leerstände, keine freien Bauplätze mehr, ausgewanderte Städter kehren zurück. 100 von 104 Neuerkircher Haushalten bräuchten höhere Steuern auf Heizöl und Gas nicht zu fürchten, sie kommen inzwischen ohne fossile Energiequellen aus.

"Man muss da ein bisschen Weitblick haben", sagt Peter Wust, Inhaber eines Jeans-Ladens, der sich als einer der ersten der Nahwärmeversorgung anschloss: "Mit insgesamt fünf Objekten: mit dem Geschäft, mit einer Mietwohnung, mit der Senioren-WG und meinen Privathäusern."

Wust ist zufrieden mit der unkomplizierten Abrechnung. Den Preis für klimaschädliches Kohlendioxid erhöhen? Ja bitte – da ist sich Ortsbürgermeister Wichter mit Frank-Michael Uhle einig, dem Klimaschutzbeauftragten des Landkreises Rhein-Hunsrück:

"Wenn das Umweltbundesamt sagt, 180 Euro sind die Umweltschäden, die durch CO2 verursacht wird, dann würde Gas bis 6 Cent teurer und Heizöl 10 bis 12 Cent. Wenn man diese 180 Euro konsequent umlegen müsste, müssten wir uns mit den Nahwärmenetzen nirgendwo mehr rechtfertigen. Dann wäre klar, dass diese erneuerbaren Energiekonzepte wesentlich wirtschaftlicher sind als fossile Energien."

Bundesweite Pionierrolle

Ansonsten redet man im Hunsrück wenig über die Energiepolitik des Bundes und die möglichen Beschlüsse des Klimakabinetts, den Kohlendioxid-Ausstoß zu verteuern. Wie die große Koalition die Energiewende im Rhein-Hunsrück-Kreis unterstützen könnte - Marlon Bröhr, ansonsten stets meinungsfreudiger Landrat von der CDU, lässt die Frage unbeantwortet: "Denn wir schauen mehr darauf, was wir selber tun können."

Dagegen nimmt Thomas Griese, grüner Umwelt-Staatssekretär in der Ampel-Koalition von Malu Dreyer, kein Blatt vor den Mund. Mit 1800 Windrädern habe Rheinland-Pfalz so viele wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen. Aber:

"Wir leiden natürlich unter der Blockade, die auf Bundesebene stattfindet. Die Bundesregierung, die große Koalition, blockiert ja den Ausbau der Windenergie durch übertriebene bürokratische Hemmnisse und dadurch, dass die Bedingungen nicht endlich im EEG geändert werden."

Im Erneuerbare-Energien-Gesetz, meint Griese. Es müsse Anreize zum sogenannten "Repowering" geben, nämlich "dass wir alte Anlagen, die das Ende ihrer Lebensdauer erreicht haben, jetzt durch neue, viel leistungsfähigere ersetzen können. Das alles wird in Berlin im Moment aufgehalten, und diese Blockade muss dringend gelöst werden."

Warum der Rhein-Hunsrück-Kreis seine Energiewende trotz Blockade durchziehen kann, erklärt Frank-Michael Uhle mit der Pionierrolle, die der Landstrich bundesweit einnimmt, im Fachjargon:

"Mit der ersten Repowering-Welle sind wir schon durch auf dem Hunsrück. Und zwar 27 Windräder, die nach 1995 gebaut wurden mit 600 oder 800 Kilowatt Leistung sind bereits abgebaut."

Und ausgetauscht "gegen Anlagen, die den fünf- oder sechsfachen Ertrag haben. Es sind jetzt also weniger Anlagen, die weiter vom Ortsrand wegstehen. Die nächste Repowering-Welle wird noch einige Jahre dauern, bis die beginnt. Und wir sind zuversichtlich, dass es bis dahin regionale Stromvermarktungskonzepte gibt. Ich gebe zu: Wer im Moment am Anfang steht, wie wir es hier mal vor 15 Jahren waren, der hat ein sehr schwieriges Umfeld."

Kostenloses Elektro-Carsharing in 24 Ortsgemeinden

Zurück nach Neuerkirch und Külz. Dort lässt sich die dezentrale Energiewende im Landkreis wie im Brennglas besichtigen: Die Straßenbeleuchtung wird von einer kommunalen Photovoltaikanlage gespeist wie in Horn. Und wie im etwas kleineren Schnorbach finanziert die Gemeinde, dass die Verbraucherzentrale Bürger in Sachen Energieeinsparung berät. Die Pachteinnahmen durch die Windräder reichen außerdem für neue Ideen.

"Wir stellen jetzt sieben Ortsgemeinden kostenlose Elektro-Carsharing-Autos hin, die jeder im Ort nutzen kann. Drei Jahre gehen die jährlich wechselnd durch einen Ort, so dass wir in insgesamt 24 Ortsgemeinden Elektro-Carsharing auf dem Land ausprobieren."

Genauso ist Frank-Michael Uhle selbst zum Elektropendler auf seiner täglichen 50-Kilometer-Strecke von Cochem nach Simmern geworden: Indem ihn ein Pionier aus Neuerkirch testen ließ.

Alltagstauglich und unschlagbar günstig, lautet Uhles Fazit. Und sein Appell: auf Sonne und Wind setzen: "Machen wir unsere Dächer zu Tankstellen! Wir haben hier das Potential, und wenn im Winter kein Photovoltaik Strom da ist, haben wir genug Ökostrom aus den Windrädern, die im Winter die doppelte Produktion haben wie im Sommer. Wir sind Pendlerregion. Zurzeit geben unsere 100.000 Bürger noch 87 Millionen Euro jährlich an der Tankstelle aus, und der allergrößte Batzen davon könnte heute schon alltagstauglich durch Wind und Sonne vom Hunsrück ersetzt werden - hoch wirtschaftlich für die Leute."

Der Kreis-Klima-Experte will den Besuchern aus Polen noch die spektakuläre Hängeseilbrücke Geierlay zeigen, Stichwort Polen: Er sei durchaus bereit, höhere CO2-Steuern zu bezahlen, hatte Gerhard Augustin, der Rentner im Dorf Horn, gesagt. Aber: "Es müsste auch europäisch passieren, es nutzt ja nicht viel, wenn wir hier zahlen und die anderen machen nicht mit."

Polen setzt auf Kohle und Atomenergie

Tatsächlich, das weiß man bei EuroNatur, setzt die polnische Regierung auf die weitere Nutzung der Kohle und einen Einstieg in die Atomenergie. Doch dezentrale Ansätze zur Energiewende gibt es, und die gemeinnützige Stiftung unterstützt sie. Piotr Banaszuk, Professor an der Technischen Uni Bialystok, ist einer derjenigen, der den Klimaschutz in Nordost-Polen vorantreibt. Der Landschaftsökologe prognostiziert, dass die Akteure seiner Region Podlasien sich am etwa gleich großen Rheinland-Pfalz orientieren werden: "Die werden nach diesem Muster kleine oder größere Anlagen in diesem Stil bauen."

Der Vorkämpfer war schon mehrfach in Deutschland und sagt dennoch über seinen Hunsrück-Besuch: "Ich habe enorm viel gelernt. Erstens: die Bürgerenergie. Das haben alles die Bürger organisiert, und sie haben das alles in ihren Händen. Und Wertschöpfung natürlich. Also fantastische ökonomische Gewinne, die entstehen, wenn die Bürger sich vereinen und Energie für sich selbst machen."

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