Yade Yasemin Önder: „Anti Müller“

Zerschellt an den Klippen der Ich-Sucht

06:42 Minuten
Cover von Yade Yasemin Önders Roman „Anti Müller“
© park x ullstein

Yade Yasemin Önder

Anti Müllerpark x ullstein, Berlin 2026

240 Seiten

23,00 Euro

Von Katharina Teutsch |
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Online-Dating, Kulturbetrieb und Kinderwunsch - eine toxische Mischung, die Yade Yasemin Önder in ihrem neuen Roman zum Schlachtfeld verarbeitet. Önder gelingt eine bittere Milieusatire, doch die Analyse kommt ein wenig zu kurz.
Es ist zwar unüblich, aber fangen wir mit dem Cover an. Darauf ist eine Kinderzeichnung von einem Gespenst zu sehen, das anders betrachtet auch eine Qualle oder ein erschrockener Oktopus sein könnte.

Können Gespenster überhaupt bluten?

Es ist aber ein Gespenst – zudem eines, das unter seinem weißen Kleid blutet. Aber können die überhaupt bluten? Gleich auf der ersten Seite des lang erwarteten zweiten Romans von Yade Yasemin Önder begegnet einem ein solches Gespenst in Fleisch und Blut.

Es fängt doch schon wieder so an, dass er einen bodentiefen Ledermantel trägt und damit aussieht wie ein Gespenst. So schwebt er am Kanal entlang und lässt gleich das nächste Opfer unter seinem Laken verschwinden, wahrscheinlich, weil er Hunger hat.

Bestimmt sei er unersättlich, heißt es weiter. Schon sein Tinder-Profil klänge danach. Irgendwie wie eine Einkaufsliste:

35 J, 2K, T, 1A. Und dann hat er auch mit mir so geschrieben, als könnte er seinen Knast nicht mehr aushalten. Hallo, wie geht’s?, hatte ich noch versucht, und er schnell: Danke. Mittwoch? 13:00? 15:00? 22:30? Passt da was?

Da passt was: Eine junge Frau, die sich gerade noch von einer dramatischen Trennung erholt, beginnt etwas, das sie ablenken soll. Und obwohl es von Anfang eher geschäftsmäßig klingt, ist es immer noch besser, als mit den alten Gespenstern zu leben, denkt sie.

Das Bindungstrauma ist vorprogrammiert

Davon, erfährt man im Verlauf der Lektüre, gibt es einige im Leben der Erzählerin. Nicht nur Ex-Freund Kar, sondern auch ein deutschtürkisches Elternpaar, das einst leidenschaftlich seinen Einkauf nacheinander warf, während die kleine Tochter eilig versuchte, alles wieder einzusammeln. Ein Bindungstrauma ist da vorprogrammiert – folgt man den Gesprächen mit einem fiktiven Psychoanalytiker.

Die Hand von Mama, die nach einer Dose passierter Tomaten greift, die nun in Zeitlupe in die Höhe, Vögel, davon aufgeschreckt, Geschnatter, ihre großen Flügel, auf und davon, die Dose noch immer in der Luft, erreicht ihren Höhepunkt, kippt jetzt in den Sturzflug, der sich duckende, der das Gesicht verziehende Papa, die Dose, die ihn knapp verfehlt, die direkt vor seinen Füßen, aber nicht auf dem Boden, sondern auf meiner Kassette landet, auf Bibi und Tina.

Inzwischen ist die kleine Tochter Mitte dreißig und spürt diverse Uhren in sich ticken. Als junge Frau erlebte sie, wie auch die Autorin dieses Romans, einen großen Erfolg in der Theaterwelt. Seitdem hangelt sie sich von einer Schreibblockade zur nächsten. Denn es ist nicht leicht, erst ein Wunderkind der Migrationsliteratur zu sein und dann unter Druck zur unverwechselbaren deutschen Autorenstimme wachsen zu müssen, während gleichzeitig der Kinderwunsch in ihr wächst.

Ach, wäre sie nur zehn Jahre jünger, man könnte ihr sofort den zweiten Roman aufdrängen und eine Sache finden, für die sie kämpft. Frauenrechte, Ost-West, Nahost, Demokratie oder so. Während sie an ihrem zweiten Roman arbeitet, der sich zur Not vom Lektorat schreiben lässt, könnte sie zudem einen Artikel veröffentlichen oder Skandal inszenieren. Gesicherte Existenz für zumindest ein paar Werke.

So ist die Lage auf dem Jobmarkt. Und so ist die Lage auf dem Liebesmarkt, der in Önders Roman eine neoliberale Gespenstershow ist. Denn zeitgenössisches Dating ist trotz des romantischen Lamettas, mit dem seine Protagonisten ihre Wünsche zu dekorieren wissen, in erster Linie ein Supermarkt. Verführung und Interesse sind meistens nur Werkzeuge von Konsumenten.

Bedürfnisorientierte Beziehungsanbahnung

In der Kindererziehung spricht man von bedürfnisorientierter Pädagogik. In der modernen Liebeswelt könnte man es bedürfnisorientierte Beziehungsanbahnung nennen. Bedürftig ist aber vor allem die junge Autorin auf der Suche nach Ablenkung und Anerkennung.
Beides bekommt sie beim Tinder-Gespenst im langen Mantel. Es heißt Andi Müller. Ohne zu spoilern darf gesagt werden, dass Andi Müller nicht umsonst Schauspieler ist. Bei seinen „dinners for friends“ schneidet er gerne auf mit seinen neuesten Filmprojekten. Den Geburtstag der Erzählerin vergisst er trotz eines leidenschaftlichen Sommers und die denkt sich:

Von den Männern dieser Welt habe ich genug! Die Frauen dieser Welt müssen den Männern endlich den Zugang verwehren! Erst dann können sich die Männer dieser Welt endlich selbst ficken, ins Knie und überhaupt!

Ironischerweise geistert immer wieder ein Pärchen durch den Roman, das einem aus Leif Randts furiosem Anti-Liebes-Roman „Allegro Pastell“ noch lebhaft in Erinnerung ist. Die Overachiever Tanya und Jérôme – bei Leif Randt leicht anders geschrieben – sind inzwischen verheiratet und am Ende des Romans geschieden. Und ausgerechnet der vorsichtige, feministische Jérôme hat einen Metoo-Skandal am Hals.
Zufall oder Einfall? Das ist egal. Denn man meint diese Leute ohnehin zu kennen von irgendeinem dieser Kulturevents, wo Menschen mit Metaebene anzutreffen sind.

Kulturmänner, die sich als Feministen verkleiden

Hier gelingt der Autorin eine bittere Milieusatire. Doch die Klage einer Frau, deren Wunsch nach Geborgenheit an den Klippen der Ich-Sucht zerschellt, hat auch einen Makel. Denn auf Romanstrecke gebracht kommt die Analyse zu kurz. Warum sich heutige Kulturmänner als Feministen verkleiden können und trotzdem den Skripten der Ausbeutung folgen, wird nicht erörtert. Warum ein entfesselter Sexualmarkt zwar den Appetit anregt, aber nie den Hunger stillt, bleibt unerzählt.
Themen hat dieser Roman genug. Man wäre gerne länger mit ihnen beschäftigt gewesen. So gerät man nach und nach in eine Kinderwunschobsession hinein, die in ihrer Drastik zwar bedrückend ist, aber die vor allem Ratlosigkeit hinterlässt. Man würde die Heldin ja gerne aus ihrer Geisterbahn herauszerren, aber sie ist halt schon auch ein bisschen verliebt in ihre ganzen Gespensterdarsteller.
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