Siegfried Lenz: "Am Widerhaken hängt das Glück"

Vom Angeln und Schreiben

Buchcover
© Hoffmann und Campe

Siegfried Lenz

Am Widerhaken hängt das GlückHoffmann & Campe, Hamburg 2026

240 Seiten

25,00 Euro

Von Jörg Magenau |
Viele kennen Siegfried Lenz nur als Autor von Klassikern wie "Deutschstunde". Doch bei dem vor 100 Jahren geborenen Lenz kam das Angeln gleich nach dem Schreiben. Nachzulesen im Sammelband "Am Widerhaken hängt das Glück".
Im „Gnadenteich“, den er im Garten seines Sommerhauses in Tetenhusen bei Rendsburg angelegt hatte, hielt Siegfried Lenz seine eigenen Karpfen. Im Alter war er vom Angeln zum Füttern von Fischen übergegangen.
Die Karpfen führte er gerne auch seinen Freunden vor, etwa dem Altkanzler Helmut Schmidt und seiner Frau Loki. Die staunten darüber, dass die Fische angeschwommen kamen, wenn sie die sich nähernden Schritte ihres Gebieters vernahmen.
Dann sperrten sie ihre Mäuler auf und ließen sich streicheln. Schmidt freute sich an der Freude seines Freundes Siggi, was jener wiederum in der ihm eigenen freundlichen Art mit dem Satz kommentierte: „Das ist auch eine Art, Freude zu beziehen.“ 
Von Freude ist bei dem passionierten Angler Siegfried Lenz viel die Rede, doch nirgendwo so ausdauernd wie im Zusammenhang mit Fischen: „Wir wissen heute, dass der Beruf eines Fischers einen Urberuf, seine Freude gewissermaßen eine Urfreude darstellt“. 

Von Freude und Glück des Fischens

Lenz‘ besondere Beziehung zum Wasser und seinen Bewohnern ist eine Folge seiner Kindheit im seenreichen Masuren. Dass er nach 1945 in Norddeutschland heimisch wurde, wäre ohne die Nähe von Elbe, Ost- und Nordsee wohl kaum möglich gewesen, auch wenn es einem Fischer nicht ganz gleichgültig sein kann, wo er fischt. Die von Maren Ermisch besorgte Auswahl aus Lenz‘ Wasser-, Fisch- und Angeltexten gibt Auskunft über derlei Details.
Zum Beispiel darüber, dass das fischreiche Alaska nicht wirklich in Frage kommt. Zwar lassen sich dort achtpfündige Lachse fangen, doch welche Freude hat der Angler, wenn die Fische unentwegt anbeißen, kaum ist die Angel im Wasser?
Die Hölle – das ist: ohne Geduldsbeweis fischen zu müssen. Demnach gilt für Lenz die Anglermaxime: „Das größte Glück ist es, einen Fisch zu fangen; das zweitgrößte – keinen zu fangen.“ 
Vor allem diesem zweitgrößten Glück war der Schriftsteller Siegfried Lenz hinterher. In einer Radiorezension der "Angler-Bibel" von Izaak Walton aus dem Jahr 1653 arbeitete er die Anglertugenden heraus, mit deren Verbreitung die Rettung der Welt möglich wäre.
Von den „Wonnen der Erwartung“ ist da die Rede, von „flossenfroher Wonne“, und es besteht kein Zweifel, dass der Fischer, so wie Lenz ihn kultivierte, zu den Fischen eine sorgende, partnerschaftliche Beziehung unterhält.
Ja, mehr noch, Lenz entwarf mehrmals eine Unterwasserutopie und imaginierte sich ins Dasein der Fische hinein, deren Farb- und Formenreichtum er bewunderte. So in dem Gedicht „Die Fische“, eine seiner ersten Veröffentlichungen aus dem Jahr 1948, wo es heißt: 

„Einmal möcht’ ich nur so wohnen
stumme Fische! Und Millionen
weißer Wunderperlen atmen.
Hin und her im Licht der Kiesel,
ausgelassen auf dem Grunde,
ohne Nachricht, ohne Kunde,
lüstern im Gewand von Flitter."

Siegfried Lenz "Die Fische"

Und in der Besprechung von James Aldridges „Unterwasserjagd“ rühmte Lenz die Dimension des Ungeheuren, die sich dem Taucher dort unten eröffnet: „In jedem Fall: was hier lockt und einnimmt, verzaubert und besticht, das ist die frappierende Andersartigkeit der Welt unter Wasser, das ist ihr Schweigen und ihr Geheimnis.“

Der Geist der Anglers

Vieles in dem Sammelband „Am Widerhaken hängt das Glück“ ist altbekannt – Auszüge aus den Romanen „Deutschstunde“ oder die „Auflehnung“ etwa, aus Erzählungen und Hörstücken, die Lenz in den 1950er-Jahren, um Geld zu verdienen, für den Rundfunk schrieb.
Doch es gibt auch Unveröffentlichtes und wenig Bekanntes, wie seine letzte, erst posthum veröffentlichte Erzählung „Das Wettangeln“, die den ganzen Zauber der leichthändigen Lenz-Stimmung vermittelt: die Sommeridylle am Wasser, die Intensität des Erlebens, die Naturnähe und die scheue Liebesgeschichte, die darin eingebettet ist.
Oder die einst für Helmut Schmidt geschriebene Geschichte „Wie Radikalität entsteht“, in der es um Verklappung von Salzsäure und die Zerstörung der Meere geht. Lenz gehörte schon früh zu denen, die die Bedeutung des Umweltschutzes begriffen – aus dem Geist des Anglers heraus, der der Schöpfung zugewandt ist. 
Lenz war ein konventioneller, an Hemingway geschulter Autor seiner Zeit, der einfach und wirkungsvoll zu beschreiben vermochte. Schreiben war für ihn Handwerk und Brotberuf – auch das ist dieser Sammlung abzulesen, in der schon nach wenigen Texten Wiederholungen einzelner Ideen und Phrasen zu finden sind.
Lenz hatte keine Bedenken, sich aus einem wiederverwertbaren Repertoire zu bedienen und immer wieder auf dasselbe Material zurückzugreifen.
Und doch sollte man ihm unbedingt glauben, wenn er die Freude betont, die ihm das Schreiben machte und wenn er in einem Interview einmal sagte: „Am liebsten schreibe ich, am zweitliebsten gehe ich fischen.“ 
Schreiben und Angeln waren für ihn wesensverwandt. Für beides braucht es Geduld. So wie er am Seeufer saß und übers Wasser blickte, saß er auch vor einem weißen Blatt Papier mit seiner Aufforderungskraft und konnte „Stunden darüber hinträumen“.
Was dem Angler ein Fisch, ist dem Schriftsteller die Idee, die ähnlich kunstvoll, umsichtig und listig geködert werden muss.
Dazu passt es, dass Lenz seinen Freund Marcel Reich-Ranicki einmal als Zackenbarsch porträtierte, der sich „durch keinen Köder verführen“ lasse, „mithin unbestechlich“ sei, und der „als Gegner modischer Extravaganz“ seine Beute unter den Blendern und Überdekorierten suche. Und anstatt wie Rilke „Briefe an einen jungen Dichter“ zu schreiben, schrieb Lenz lieber einen „Brief an einen jungen Angler“. 

Handwerk und Wissenschaft

Wer vom Fischen nichts versteht, kann in diesem Buch einiges lernen über die Faszinationskraft der Welt unter und am Wasser. „Am Widerhaken hängt das Glück“ lässt sich aber auch als Einführung in Handwerk und Wissenschaft des Angelns lesen. Wer zur falschen Rute greift, macht sich lächerlich.
Doch auch über Rolle, Schwimmer, Haken und Köder gibt es viel zu sagen, von der Schnur, dieser „waghalsig dünnen Verbindung zur Beute“, ganz zu schweigen. Lenz ist hier ganz in seinem Element. Insofern ist „Am Widerhaken hängt das Glück“ auch eine schöne, silbrig-geschmeidige Einführung in sein Werk, wo er früh schon den eigenen Nachruf vorausgedichtet hat: 

„Wie entlegen ist das Ufer!
Ja, ich bin ein Fabelrufer
mit verworrenem Geschick.
Wählt ihr einst zu einem Feste
unter kranken Menschen Gäste:
Fische, denkt an mich zurück.“ 

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