Sarah Diehl: "Ins tiefe Blau"

Unter Wasser beginnt eine andere Welt

04:45 Minuten
Buchcover "Ins tiefe Blau"
© Gutkind Verlag

Sarah Diehl

Ins tiefe Blau. Was ich unter Wasser lernteGutkind Verlag, Berlin 2026

288 Seiten

25,00 Euro

Von Günther Wessel |
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Beim Tauchen findet Sarah Diehl ein Gefühl von Freiheit und Zugehörigkeit. In ihrem Buch verbindet sie persönliche Unterwassererlebnisse mit Naturgeschichte, Evolution und der Frage, wie der Mensch seinen Platz in einer zerbrechlichen Welt begreift.
Die Wasseroberfläche ist ihr anfangs unheimlich. Schwimmen bedeutet für Sarah Diehl Ungewissheit, beim Tauchen hingegen fühlte sie sich direkt wohl. Ihr Körper wusste sofort, wie er sich verhalten muss, schreibt die leidenschaftliche Taucherin.
Unter Wasser fühlte sie sich eingebettet in die Natur und war zugleich fasziniert von ihr. Dabei sind, so Sarah Diehl, nicht alle Phasen des Tauchgangs gut: Der Abstieg ist traumhaft, doch je tiefer sie kommt, umso mehr drückt der Anzug, und die Sauerstoffflasche scheint zu rutschen. Erst tief unten beginnt der Flow. Glückseligkeit pur. Staunend gleitet sie durch das Wasser. „Alles ist gut. Alles öffnet sich, und ich bin hier zu Hause.“

Mehr als Tauchen

Sarah Diehl beschreibt nicht nur anschaulich und mitreißend ihre Tauchgänge – sie berichtet dabei von ihren Begegnungen mit Haien, Clownfischen und Fledermausfischen wie auch von der Erkundung von Schiffswracks. Sie erzählt aber auch von einem Zusammentreffen mit einem Schlepperkapitän in Hamburg, der jegliche Seefahrerromantik abstreitet. Und erklärt, wie sich durch die Atmung unter Wasser ihre Atmung an Land veränderte. Tauchen, das wird schnell klar, hat das Leben der Autorin verändert. Ihren Blick auf die Natur, die sie als kongenial und gefährdet erlebt. Auch davon erzählt sie in ihrem lesenswerten Buch, in dem es um mehr geht als ums Tauchen. 
So geht es in einem langen Kapitel um die Entwicklung des Lebens aus dem Meer heraus, als sich vor vier Milliarden Jahren erste Zellen aus Aminosäuren entwickelten, Cyanobakterien erstmals Photosynthese betrieben und sich durch Symbiogenese, also dem Zusammenschmelzen unterschiedlicher Organismen, erste komplexe Zellen entwickelten. Diese Symbiogenese war in der Evolutionsforschung zunächst umstritten, widersprach sie doch dem vorherrschenden Paradigma, dass Mutation und Selektion Antrieb der Evolution seien. Konkurrenz und Wettbewerb galten als alleinige Fortschrittstreiber – was, so Sarah Diehl, auch gesellschaftlich tief blicken lässt.

Die Zerbrechlichkeit der Welt

Am Ende ihres Evolutionsexkurses stellt sich die Autorin Fragen: Sind wir Menschen wirklich die Spitze einer linear verstandenen Evolution, getrennt von allen anderen Lebewesen, die wir nur als Nutzmasse ansehen? Oder sind wir nur eine von vielen Varianten des Lebens, vernetzt mit allen anderen Lebensformen um uns? Schließlich kennt die Evolution nicht nur einen Weg. 
Evolution, Walfang und -forschung, Wasserwirtschaft, der Hai im Film – immer wieder schweift Sarah Diehl geschickt ab und verbindet das Tauchen mit kulturellen, wissenschaftlichen oder gesellschaftspolitischen Fragen. Und immer wieder folgt man ihr sehr gern. Letztlich verhandelt die Autorin das große Ganze. Das Tauchen ist dabei mehr als eine Staffage, mehr als bloßer Rahmen, sondern bildet eine eigene lebendige Erzählung.
Und so gelingt Sarah Diehl etwas Beeindruckendes: Sie schreibt über ihr Tauchen, ihre Wahrnehmung des Wassers und ihr Körpergefühl und mischt profund recherchiertes Wissen aus Natur- und Kulturgeschichte dazu. Alles das liest sich sehr leicht und unterhaltsam, und trotzdem benennt sie immer wieder eindringlich das zentrale Problem: Wie gehen wir Menschen mit der Zerbrechlichkeit unserer Welt um, wie verorten wir uns innerhalb der Natur?
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