Pascal Mercier: „Der Fluss der Zeit“

Freiheit, Zeit und Selbsttäuschung

Pascal Mercier

Der Fluss der ZeitCarl Hanser Verlag, München 2026

112 Seiten

22,00 Euro

Von Oliver Pfohlmann |
Posthum veröffentlicht, philosophisch aufgeladen: In „Der Fluss der Zeit“ zeigt Pascal Mercier noch einmal sein ganzes Können – und seine Schwächen. Doch ein Rest von Geheimnis rettet diese Erzählungen vor Klischees.
Ein Mann steht auf dem Balkon seiner Ferienwohnung, genießt die Stille der Siesta und den Blick aufs Meer. Über dem Ich-Erzähler gleißt die gleichgültige Mittelmeersonne, als wäre man in einen Roman von Albert Camus geraten. Dann geschieht das Unfassbare, der Mann wird Zeuge eines Suizids: Aus der Balkontür einer benachbarten Ferienwohnung taucht plötzlich der korpulente Familienvater auf, den der Erzähler erst tags zuvor im Supermarkt kennengelernt hat. Besser gesagt, der Mann bewegt sich - „wie ein zielstrebiger Läufer“.
Und hechtet dann regelrecht über die Brüstung seines Balkons in die Tiefe, wobei sein Bauch über den Rand der Brüstung scheuert, gleich hinter ihm seine entsetzte Ehefrau. Es ist der Widerspruch zwischen der Bestimmtheit des Mannes und dem Geräusch, das der Bauch an der Brüstung erzeugt, der den Ich-Erzähler verfolgen wird.
„Es mischte seinem Tun etwas Unbeholfenes bei, etwas Ungelenkes, das da nicht hätte sein dürfen. Jetzt, wo ich weiß, wie es dazu gekommen ist, wünschte ich, dass ihm dieser letzte Wille und diese letzte Handlung vollkommen reibungslos gelungen wären, in der Freiheit des leeren Raums, ohne jede Einschränkung durch den Widerstand der Welt.“

Mercier - zuletzt als „Professor Kitsch“ verspottet

Frei ist man, wenn man auch anders kann“, lautet eine zentrale Definition des Philosophen Peter Bieri, der die menschliche Willensfreiheit zwischen einem harten Determinismus und der unbedingten Freiheit verortete. Auch der Ich-Erzähler der Erzählung „Tödlicher Lärm“ wird im Gespräch mit der Witwe erkennen, warum gerade dieser Suizid Ausdruck eines letzten Aktes von verzweifelter Willensfreiheit war.
Mit existenzialistischen Fragen um Freiheit und Selbstbestimmung hat sich der gebürtige Berner Bieri zeitlebens beschäftigt, zunächst als Philosophieprofessor, dann unter seinem Pseudonym Pascal Mercier zunehmend als Schriftsteller. Mit Romanen wie „Nachtzug nach Lissabon“ oder „Das Gewicht der Worte“ erreichte der vor drei Jahren mit 79 Jahren Verstorbene ein Millionenpublikum – verlor im Gegenzug aber die Zustimmung der Kritik. Zuletzt wurde er im Feuilleton wegen seiner langatmigen Romane voller Klischees sogar als „Professor Kitsch“ verspottet.

Frauen als männliche Wunschprojektionen

Die ästhetischen Mängel, die Bieris Romanwerk angekreidet wurden, finden sich auch in den fünf Erzählungen, die jetzt posthum unter dem Titel „Der Fluss der Zeit“ unter dem Erfolgspseudonym Pascal Mercier veröffentlicht wurden, wieder. Statt zum Beispiel die Leserinnen und Leser eigene Deutungen entwickeln zu lassen, bekommen sie diese meist gleich mitgeliefert. Und zwar von gebildeten männlichen Ich-Erzählern, die stets eine Sinnkrise durchmachen, für die sie wiederum von ihren Partnerinnen viel Verständnis und Empathie ernten.
Eigenständige Frauenfiguren, die mehr sind als männliche Wunschprojektionen, sucht man auch in diesen letzten Erzählungen vergebens. Wie in „Die Wohnung“, der unglaubwürdigsten Geschichte des Bandes, die wie die etwas hölzerne Bebilderung eines Gedankens wirkt. Darin schenkt ein Ehepaar einem befreundeten Pianisten großzügig eine Wohnung – zwei Wochen nach der ersten Begegnung wohlgemerkt. Doch all das besorgte Räsonieren des Paares über die möglichen Auswirkungen ihres Geschenks auf die Freundschaft helfen nichts – am Ende gibt der Pianist die Wohnung zurück:
„In der ersten Zeit dachte ich und wachte mit dem Gefühl auf: Das ist die Freiheit. Ich ging in der Wohnung herum und pfiff. Doch in den letzten Wochen habe ich verstanden: Es ist nicht die richtige Art von Freiheit. Ich lege es mir so zurecht: Es gibt hier die Freiheit von außen: Die Wohnung gehört mir, niemand kann mich verjagen. Und es gibt die Freiheit von innen: Ich muss niemandem dankbar sein. Ich will die innere Freiheit zurück.“

Rest an Geheimnis und Offenheit bleibt

Die handwerklichen Mängel dieser Texte sind also offensichtlich, dennoch muss man konstatieren: Auf kurzer Strecke sind diese Schwächen ungleich verzeihlicher als ausgewalzt auf Romanlänge. Warum? Weil sich diese nachgelassenen Erzählungen einen Rest an Geheimnis und Offenheit bewahren, der sie am Ende doch lesenswert macht.
Das liegt vielleicht auch an dem sie einenden Thema der Zeit, das auf den hundert Seiten des Bandes aus immer neuen Perspektiven beleuchtet wird: ob ein Sprachwissenschaftler nach 40 Jahren noch einmal in seiner alten Studentenbude übernachtet in der irrigen Annahme, so die Zeit überlisten zu können. Oder ob ein Mann die Zeit des qualvollen Wartens auf einen medizinischen Befund als überraschenden Freiheits- und Möglichkeitsraum entdeckt. Es macht dieses Bändchen denn doch zu einem berührenden Abschiedsgruß dieses Bestsellerautors und Philosophen.
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