Philipp Kohlhöfer: "Pandemien"

Pandemien, Viren und die Flu Fighters

05:57 Minuten
Das Cover des Buches "Pandemien" von Philipp Kohlhöfer. Die Weltkarte ist in kleinen roten Punkten zu sehen, die das Vorkommen eines Virus zeigen könnten.
© S. Fischer
Pandemien. Wie Viren die Welt verändernS. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2021

544 Seiten

25 Euro

Von Christian Rabhansl · 03.12.2021
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Kein braves Wissenschaftsbuch: Philipp Kohlhöfer inszeniert den Kampf gegen Seuchen als rasanten Thriller. Schwindlig wird einem davon beim Lesen aber nicht, denn für die nötige wissenschaftliche Tiefe nimmt er sich trotzdem Zeit.
Es ist nicht so, als gäbe es im zweiten Jahr der Coronapandemie einen Mangel an Seuchen- und Virenbüchern. Dieses hier sticht aber aus der Masse heraus. Weil Philipp Kohlhöfer mit „Pandemien. Wie Viren die Welt verändern“ kein braves Wissenschaftsbuch geschrieben hat, sondern „Pop-Literatur“, wie Christian Drosten im Vorwort lobt.
Kohlhöfer schreibt über Ebola und Aerosole, über die Masern und Mike Tyson. Er erzählt von den Foo Fighters und einer Flu Fighterin und erklärt nebenbei den Unterschied zwischen DNA und RNA. Am Ende hat man viel gelacht und noch mehr gelernt.

Ein Sachbuch wie ein Film

Man versteht so besser, wie Wissenschaft funktioniert. Denn Kohlhöfer erzählt nicht abstrakt von den zahlreichen Pandemien der Menschheitsgeschichte, sondern er nähert sich den Seuchen persönlich und beschreibt etwa den Wissenschaftsalltag von Menschen, die gegen Krankheiten kämpfen: eine Fledermausforscherin auf der Suche nach Viren, ein Lungenarzt im oft vergeblichen Kampf um sterbende Coronapatienten in einer rumänischen Klinik, ein bekannter Virologe der Berliner Charité und noch zwei Handvoll mehr.
Mit ihnen ist der Autor als Reporter um die Welt gereist. Drosten kennt er schon seit 20 Jahren. So kann Kohlhöfer aus nächster Nähe beschreiben, wie der Virologe vor Jahren schon zu einem weltweit anerkannten Experten für Coronaviren wurde; wie er zunächst hoffte, die ersten Meldungen aus China seien ein Irrtum und warum sein Team den zu Covid-19 passenden PCR-Test so rasend schnell entwickeln konnte. „Wissenschaft erlebbar machen“, lautet das Anliegen.
Kohlhöfer hat ein Wissenschaftsbuch im Gewand eines Thrillers geschrieben. Sein erster Satz (nach Einleitung und Vorwort) lautet: „Als Christian Drosten zum ersten Mal von dem neuen Virus hört, sind es noch 72 Tage bis zur ersten Morddrohung.“
Auch wenn das Buch noch viele andere Protagonisten kennt, ist dieser Sound prägend. Das Erzähltempo ist hoch, Kohlhöfer orientiert sich am Kino, an rasant geschnittenen Serien, Cliffhanger inklusive.
Zwischen den Szenen nimmt er sich aber auch Zeit und taucht tief ein in wissenschaftliche Details. Dann wieder verschränkt er Schicksale mit historischen Pandemien.
Dass beim Lesen trotzdem nicht der Überblick verloren geht, ist eine Leistung. Immerhin verknüpft Kohlhöfer aktuelle Debatten im Corona-Zeitalter mit dem Streit zu Zeiten der Pocken, der Spanischen Grippe, der Pest und HIV.

Querdenker gab es schon bei der Spanischen Grippe

Die historischen Parallelen sind manchmal erschreckend, weil Ignoranz und Besserwisserei so oft den medizinischen Fortschritt bremsten. Ist es nun tröstend oder erschütternd, dass die Menschheit schon so oft auf Seuchen mit Irrsinn reagiert hat?
Gegen die neu erfundene Pockenimpfung jedenfalls gingen Zehntausende auf die Straße. Die erste deutsche Impfgegnerorganisation gründete sich 1869. Als Ursache der Spanischen Grippe hatten „querdenkende“ Ärzte in den USA schon bald das deutsche Schmerzmittel Aspirin ausgemacht (in einer Verschwörung von Bayer mit der US-Regierung). Eine Vereinigung christlicher Wissenschaftler versuchte, die Krankheit gar weg zu beten.
„Es klappte nicht“, konstatiert Kohlhöfer lakonisch. Und zitiert an anderer Stelle genüsslich Katharina die Große, die in einem Brief an Voltaire schrieb, dass Impfgegner „wahrhaftige Dummköpfe, ignorant oder einfach nur böse“ sein müssen.
Überhaupt, der Tonfall: Wissenschaftlichen Unsinn bezeichnet Kohlhöfer als „Quatsch“. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass er von ahnungslosen Besserwissern genug hat. „Weil Wissenschaft das oberste Gebot dieses Buchs ist, auch wenn sie sehr populär daherkommt, handelt dieses Buch nicht von Quatsch wie ‚Das Virus ist ja nie isoliert worden‘. (Doch, ist es.)“ Er wolle vielmehr den Verschwörungserzählungen die Geschichten echter Wissenschaft entgegensetzen.
Das Ergebnis ist sehr unterhaltsam und dabei präzise und reich an Quellenbelegen. Ob das aufgeht, ob also dieser Thriller-Charakter für ein Wissenschaftsbuch ein echter Mehrwert ist oder unnützer Ballast – das ist am Ende Geschmackssache. Wer wissenschaftliche Informationen gern sauber sortiert serviert bekommt, den dürfte das Buch spätestens nach hundert Seiten nerven. Wer die nächsten Nächte durchlesen und dabei viel erfahren will, wird hier bestens bedient.

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