Hiram Kümper: „Mythos 1776"
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USA: Die widersprüchliche Nation
06:59 Minuten

Hiram Kümper
Mythos 1776. Traum und Erwachen der amerikanischen NationPropyläen Verlag, Berlin 2026480 Seiten
26,00 Euro
In ihrer Unabhängigkeitserklärung haben sich die USA hehren Idealen verpflichtet - und verstoßen andauernd gegen sie. Dieser Widerspruch ist der Motor ihrer Geschichte, behauptet Hiram Kümper in Anlehnung an den Politologen Samuel Huntington.
Thomas Jefferson hielt in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung fest, dass alle Menschen „gleich geschaffen“ und mit „gewissen unveräußerlichen Rechten begabt“ worden sind, darunter „Leben, Freiheit und das Streben nach Glück“. Derselbe Mann besaß Hunderte Sklaven – und war sich der Kluft zwischen Ideal und Wirklichkeit bewusst.
Folgt man Kümper, sind die USA von Anfang an eine innerlich gespaltene Nation, gegründet auf eminenten Widersprüchen. Nur muss das kein Nachteil sein. Kümper zieht das Buch „The Promise of Disharmony“ (1981) von Samuel Huntington heran, um die „produktive Kraft des Widerspruchs“ hervorzuheben.
Die USA gewönnen „aus unerfüllbaren Idealen politische Energie“. Das Land hätte gelernt, damit zu leben, dass „die Treue zu seinen Prinzipien immer wieder Zweifel an seinen Institutionen nährt“.
Versprechen der Disharmonie
Der Mythos von 1776, sprich: die Erklärung der Unabhängigkeit, war zugleich Ende und Anfang vieler Entwicklungen. „Die Linien, die sich in Revolution und Verfassung kreuzten, waren längst gezogen“, betont Kümper.
Und er holt weit aus: Er schildert die Bedeutung des Siebenjährigen Krieges für die Situation in Übersee, den Kampf zwischen Frankreich und Britannien um die und gegen die Indigenen Nordamerikas, die „Boston Tea Party“, die Kontinentalkongresse, auf denen keine Einigung mit der Kolonialmacht gelang, schließlich, ohne in Schlachtverläufen zu schwelgen, den Unabhängigkeitskrieg – alles mit großem Überblick, profunden Detailkenntnissen samt Kritik an der Selbstherrlichkeit der weißen Männer und der Herabsetzung von Schwarzen und Indigenen.
Föderalisten und ihre Gegner
Kümpers Hauptaugenmerk gilt indessen staatsrechtlichen Konflikten. Besonders prominent: die Auseinandersetzung zwischen den Föderalisten um den späteren US-Präsidenten James Madison, die eine starke Zentralregierung anstrebten, und den Anti-Föderalisten, denen ein loser Staatenbund vorschwebte.
Die Föderalisten prägten die Verfassung, die Anti-Föderalisten setzten jedoch die Aufnahme der „Bill of Rights“ durch, die den Einzelstaaten partikulare Eigenständigkeit sicherte. Die Folgen reichen bis heute, wenn etwa das oberste Gericht den Einsatz der Nationalgarde in den Einzelstaaten (nachträglich) für illegal erklärt.
Überhaupt ist das eine Stärke von „Mythos 1776“: Ob es um die Staatsfinanzierung, Mehrheits- und Minderheitsrechte, Eigentum und Gemeinwohl, die Dominanz der Ökonomie geht – Kümper verdeutlicht stets souverän, wie die Probleme und Lösungen des 18. Jahrhunderts im aktuellen Geschehen fortwirken.
USA unter Trump: Das Ende produktiver Spannungen
Nach und nach macht Kümper größere Zeitsprünge. Er verfolgt, wie die widersprüchliche Nation im Bürgerkrieg Hunderttausende Tote verlor, wie sich aus der gewollten Isolation eine Weltmacht mit eigenen Kolonien schälte, wie die bereits im 17. Jahrhunderte religiös grundierte Behauptung der Auserwähltheit zu einer global spürbaren Überheblichkeit führte und auch, welche Stiftungsfunktion der Frontier- und Cowboy-Mythos hat.
Dann aber: die Ära Trump! Kümper fürchtet, das seit 1776 geltende „Promise of Disharmony“ (Hungtinton) sei nun ungültig, weil die Institutionen, die den friedlichen Austrag produktiver Spannungen garantieren sollen, zunehmend geschliffen werden. Verzweifelt hoffnungsvoll schließt Kümper die finale Danksagung mit den Worten: „Es wird auch wieder besser werden. Muss es doch, verdammt noch mal.“


















