Harro Zimmermann: "Fichte"
© Verlag Königshausen und Neumann
Ein polarisierender Intellektueller
19:37 Minuten

Harro Zimmermann
Fichte - Bürger einer freien WeltKönigshausen und Neumann, Würzburg 2025673 Seiten
49,00 Euro
Johann Gottlieb Fichte gilt als erster radikaldemokratischer deutscher Philosoph. Gleichzeitig wurde er aber auch von Nationalisten vereinnahmt. Harro Zimmermann legt eine monumentale Studie über diesen widersprüchlichen deutschen Intellektuellen vor.
Johann Gottlieb Fichte war im 19. Jahrhundert der Standardphilosoph des deutschen Bürgertums. Er wurde in einem Atemzug mit den größten Geistesheroen genannt, mit Schiller und Goethe. Doch Fichte hat auch immer polarisiert. Zu seinen Lebzeiten wurde ihm vorgeworfen, ein allzu radikaler Demokrat zu sein, ein Atheist und Umstürzler und Anhänger der französischen Revolution, der gegen den Ständestaat und die Herrschaft des Adels rebellierte. Bald avancierte er aber auch zum Philosophen einer stolzen deutschen Nation und lieferte einiges Material dafür, dass sich im 20. Jahrhundert sogar die Nationalsozialisten vehement auf ihn berufen konnten.
Fichtes Entwicklung im Spiegel seiner Epoche
Es sind vermutlich diese widersprüchlichen Zuweisungen, die den Literaturwissenschaftler und Publizisten Harro Zimmermann jetzt bewogen haben, sich intensiv mit Fichte auseinanderzusetzen. Zimmermann ist ein Spezialist für die Phase der Spätaufklärung, und Fichte ist für ihn nur vor dem Hintergrund der Verunsicherungen und Erschütterungen seiner Epoche erklärbar.
Fichte, 1762 im sächsischen Rammenau geboren, wächst in eine unruhige, zerrissene Zeit hinein, in der sich unabhängig von der sozialen Schicht das Gefühl ausbreitet, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er wird in ärmlichen, pietistisch geprägten Verhältnissen geboren. Die Sonntagspredigten in der Rammenauer Kirche erweisen sich für ihn als sehr prägend.
Fichte durchläuft die berühmte fürstliche Bildungsanstalt von Schulpforta, und studiert Theologie: Sein Berufswunsch ist Pfarrer. Für seine Abschlussarbeit in Schulpforta wählt Fichte das Thema „Über den rechten Gebrauch der Regeln der Dichtkunst und Rhetorik“. In Frankreich bahnt sich gerade die bürgerliche Revolution an, die gesellschaftlichen Verhältnisse geraten ins Schlingern - und Fichte wird aus Geldnot, zum Hauslehrer für Kinder höherer Familien. Nie bleibt er lange, oft eckt er an, sein cholerischer Charakter und sein Starrsinn werden fast immer moniert, und neben den diversen Hauslehrerstellen beginnt er, als Kritiker und Übersetzer zu arbeiten.
Philosophisches Erweckungserlebnis
Um 1790 kommt es dann zu einem philosophisch-moralischen Erweckungserlebnis: Er stößt auf die Schriften des Aufklärers Immanuel Kant. Am 4. Juli 1791 besucht er den bewunderten Kant in Königsberg, schreibt, von ihm inspiriert, seinen „Versuch einer Critik aller Offenbarung“, und Kant findet den Königsberger Verleger Johann Friedrich Hartung für ihn. Der lässt den Text, darauf spekulierend, dass man hinter dem Verfasser Immanuel Kant selbst vermuten würde, anonym drucken.
Die Rechnung geht auf: Die einflussreiche „Jenaische Allgemeine Literaturzeitung“ feiert das Werk als eine neue Religionsschrift Kants. Spätestens jetzt sieht sich Kant genötigt, den Irrtum aufzuklären und den wahren Verfasser öffentlich zu nennen. Die Folgen sind erheblich: „Über Nacht wird der Informator Fichte nun zu einem berühmten philosophischen Schriftsteller.“
Harro Zimmermanns Buch besteht neben atmosphärischen Einsprengseln mit Bruchstücken von Fichtes Biografie vor allem aus philosophischen Erörterungen und langen Referaten einzelner Werke Fichtes. Diese gehen bis ins Detail und weisen auch in den erklärenden Ausführungen einen eher vertrackten Satzbau und Stil auf. Das Buch ist vor allem eine ausgiebige Materialsammlung, die anhand der chronologischen Entwicklung allerdings viele interessante Trouvaillen enthält. Auch wenn man sich gelegentlich Straffungen, Pointierungen und manchmal mehr Konzentration auf das Wesentliche gewünscht hätte, liest man dieses Buch mit Gewinn.
Eine Antrittsvorlesung wird zum Triumph
Und der Autor kann durchaus anschaulich werden. So, wenn es um den wohl größten Tag in Fichtes Karriere geht, seine Antrittsvorlesung in Jena am 23. Mai 1794. Im Hörsaal befinden sich mehr als 500 Studenten, der Hausflur und der Hof sind voll, sie stehen auf Tischen und Bänken, und anwesend sind sämtliche Honoratioren, selbst Wilhelm von Humboldt und Friedrich Schiller. Fichte ist der Mann der Stunde, denn er hat nach seiner kantschen „Offenbarung“ eine politische Schrift veröffentlicht, die puren Sprengstoff bietet: „Beitrag zur Berichtigung der Urteile des Publikums über die Französische Revolution“, eine wahre Revolutionshymne.
Fichte soll in Jena ein neues Laboratorium der Moderne anfeuern, und er tut das, indem er den gerade im Schwange befindlichen „Sturm und Drang“ philosophisch auflädt. Das Ich ist für ihn die letztgültige Instanz aller Erkenntnis, und das ist im Angesicht Gottes und sämtlicher Standesfürsten erregend neu.
Fichte wird als "Genie der Freiheit" gefeiert
Mit seiner „Selbstsetzung des absoluten Ich“ trifft er in diesen Jahren einen Nerv. Die Frühromantiker wie Friedrich Schlegel erkennen Fichtes „freies Selbstdenken“ als Epochenzäsur und feiern ihn als „Genie der Freiheit“. Es ist offenkundig, dass Fichte mit seinem Begriff vom Ich vor allem die Gelehrten anspricht, die durch ihre Vernunft eine Gelehrtenrepublik mit Leben erfüllen und alle bisherigen gesellschaftlichen Schranken hinter sich lassen sollen. Das Ergebnis wäre eine freie Bürgerrepublik, und damit konstruiert Fichte eine sehr eigene politische Spielart des deutschen Idealismus.
Fichte zieht es nach Berlin. Er soll dort Ideengeber einer zu gründenden preußischen Universität werden. Die Stimmung in Berlin, das sich in dieser Zeit zu einer ernstzunehmenden europäischen Metropole mit vielfältigen Emanzipationsbestrebungen entwickelt, beschreibt Harro Zimmermann genauso differenziert wie die Brutstätte des Geistes in Weimar und Jena vorher. Vor dem Hintergrund der französischen Ereignisse und der Bedrohung durch Napoleon überzeugt Fichte in seinen öffentlichen Auftritten viele seiner Zuhörer durch seine mitreißende Rhetorik.
Paradigmenwechsel vom Ich zur "Deutschheit"
Immer wieder überarbeitet Fichte seine „Wissenschaftslehre“, in der er seinen philosophischen Ansatz zusehends verdichtet. Im Gefolge der napoleonischen Herausforderung kommt es bei Fichte dann zu einem deutlichen Paradigmenwechsel. Plötzlich entdeckt er das „Deutsche“ als das gemeinschaftliche Ideal, das es zu befördern gelte. Er meint damit keineswegs das Preußische, sondern zielt auf ein erst noch zu entwickelndes Empfinden für ein Gesamtdeutschland, ein Gebilde, das zu diesem Zeitpunkt höchstens als abstraktes Gedankenkonstrukt existiert.
Im Zuge der demütigenden Niederlage bei Jena und Auerstedt 1806 gegen Napoleon schreibt Fichte seine „Reden an die deutsche Nation“. Immer noch ist er davon überzeugt, dass es um eine absolute Gleichheit in Staat und Gesellschaft gehen müsse, dass die Adelsprivilegien abgeschafft werden sollten. Aber eines weiß er natürlich auch: Kein Fürst wäre bereit, mit der bürgerlichen „Deutschheit“, wie Fichte es nennt, zu verschmelzen und seine Standesinteressen aufzugeben.
Fichtes Denken bereitet den restaurativen Nationalismus vor
Es gibt viele Studien darüber, wie während des Kriegs gegen Napoleon die preußischen Liberalisierungsbestrebungen in einem restaurativen Nationalismus aufgingen und nach dem Wiener Kongress 1815 spätabsolutistische Strukturen gestärkt wurden. Fichte bereitet das mit seiner Entdeckung von Heilkräften, die für ihn in den Tiefen der deutschen Nationalkultur lagern, durchaus mit vor - wenn auch wider Willen, da er seine idealistischen Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit immer aufrechtzuerhalten versucht.
Er stirbt im Januar 1814, nicht ohne vorher als schon sehr kranker Mann zu Schanzarbeiten mit Hacke und Schaufel vor die Stadt gezogen zu sein, im sogenannten „Landsturm“ gegen Napoleon, zusammen mit vielen anderen Hochschullehrern.
Harro Zimmermann legt bis zum Schluss Wert darauf, dass Fichte seine radikaldemokratischen Vorstellungen nie aufgegeben hat, dass die Berufung der Nationalsozialisten im 20. Jahrhundert auf seine Vorstellungen von Deutschheit und Ideenheroismus ein grundlegendes Missverständnis darstellten. Das ist sympathisch und hat etwas durchaus Redliches, aber Zimmermanns umfassende Darstellung, auch der kritischen Stimmen zu Fichte, führt paradoxerweise dazu, dass man weniger Fichte lesen möchte.
Und viel neugieriger wird auf Jean Paul oder Heinrich Heine, die mit ihren hellsichtigen Analysen viel besser dastehen. Fichtes Ich-Philosophie, die im Kampf gegen die Fürstenwillkür eine progressive bürgerliche Dimension hatte, birgt im Übrigen einige Abgründe, die damals noch nicht erahnbar waren. Seine Absolutsetzung des Ich erscheint heute aktueller denn je - und zwar als warnendes Beispiel.










