Christine Wunnicke: "Papageien. Ein Porträt" – Nicht bloß bunte Vögel

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Das Cover des Buches „Papageien“ von Christine Wunnicke zeigt die Zeichnung eines Papageien, der auf einem Ast sitzt. Der Papagei  ist in Grau und Weiß gezeichnet. Der Hintergrund des Covers ist ein Farbverlauf aus Blau-, Grün-, Gelb- und Rottönen.
© Verlag Matthes & Seitz, Berlin

Christine Wunnicke

„Papageien – Ein Porträt“Matthes & Seitz, Berlin 2026

160 Seiten

22,00 Euro

Von Shirin Sojitrawalla |
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In ihrer ersten „Naturkunde“ bleibt sich Schriftstellerin Christine Wunnicke treu. Darin widmet sich die Georg-Büchner-Preisträgerin den Papageien und erzählt von deren Stellenwert im Leben der Menschen. Es ist ein Kompendium der unterhaltsamen Art.
Christine Wunnicke beginnt ihre Naturkunde wie einen Roman:
Tief in der Nacht, auf starken, bläulichen Füßen, wandert ein fetter Vogel durchs Unterholz. Er ist etwa so groß wie ein Ferkel. Moosgrünes Gefieder bedeckt seinen Körper, es ist weich wie Kaninchenfell und verströmt einen muffig-süßen Duft. Mit Zehen, Schnabel und gesträubten Rictalborsten, die wie Schnurrhaare funktionieren, ertastet er seinen Weg.

Sonderlichkeiten: Was Papageien und Menschen unterscheidet und eint

Die Rede ist von einem Kakapo, laut Christine Wunnicke „einer der nettesten Vögel der Welt“. Flugunfähig und nachtaktiv wie er ist, gehört er im Tierreich zu den Sonderlingen, und damit zu jener Gattung, die sich im Werk von Christine Wunnicke seit jeher breitmacht.
Denn diese Autorin hat ein großes Herz für Sonderlichkeiten aller Art. Und ebenso geistreich und gewitzt, wie sie sich sonst an die Rockschöße ihrer oft historisch belegten Figuren heftet, widmet sie sich nun den Papageien. Dabei fördert sie jede Menge Wissens- und Staunenswertes zutage: Graupapageien etwa können mehr als 80 Jahre alt werden, bei den Nymphensittichen brüten Männlein und Weiblein abwechselnd die Eier aus, er tagsüber, sie abends.
Wir Menschen dienen Wunnicke oft als Vergleichsobjekt, etwa wenn es um die zwei Gleichgewichtssysteme der Papageien geht, die dazu führen, dass Papageien – anders als wir mit unserem einen – keinen Schwindel kennen. Dafür teilen sie mit uns ein bestimmtes Sprachgen und ihr Nachwuchs lernt das Sprechen wie Menschenkinder: durch Imitation und Feedback.

‘Papagei’ als Schimpfwort oder Allegorie für alles, was sich Sprache anmaßt, ist wahrscheinlich so alt wie der erste Käfigvogel, der vor Jahrtausenden jemanden mit seinem Gerede entsetzte. Plagiatoren wurden Papageien genannt, schlechte Rhetoriker, Menschen aus dem Volk, die sich über ihren Stand erhoben, Plappermäuler aller Arten.

Anekdoten aus Kunst und Literatur: Von Poe bis Flaubert

 „Ich bin nicht Ihr Papagei,“ schrie der Schauspieler Gert Voss seinem Regisseur Claus Peymann einmal entgegen, als dieser ihm vormachte, wie etwas gespielt werden sollte. Später nannte er seine Autobiografie „Ich bin kein Papagei“. Diese Anekdote erzählt Wunnicke auch.
Als Schriftstellerin interessiert sie zudem die enorme „poetische Verwendbarkeit“ des Papageis. In diesem Zusammenhang erfährt man, dass Edgar Allan Poes berühmter Rabe aus seinem gleichnamigen Gedicht ursprünglich ein Papagei gewesen sei. Flauberts berühmtes ausgestopftes Exemplar, dem Julian Barnes einen Roman widmete, bekommt natürlich ebenfalls seinen Platz. Überhaupt spielt auch die Kulturgeschichte des Papageis in diesem Band eine herausragende Rolle.
Die von Judith Schalansky herausgegebene Reihe muss man heute wahrscheinlich nicht mehr rühmen, doch gerade dieser extrem geglückte Band macht deutlich, was wir an dieser hochwertig und sorgfältig gestalteten Reihe haben. Auch Wunnickes Papageien-Porträt erweist sich als Liebeserklärung ans Studienobjekt, ans Wunderwerk Papagei. Sie nimmt es von allen Seiten in den Blick und erzählt dabei auch von sich.

Als ich vier oder fünf Jahre alt war, trat ein Wellensittich in mein Leben. Wir holten ihn aus einem Zoogeschäft. Der Verkäufer fragte mich, ‚Bub oder Madl?‘, und ich sagte ‚Bub‘, in der Meinung, den könnte ich besser herumkommandieren. Ich hätte lieber einen Hund gehabt. Der Verkäufer griff in eine überfüllte Voliere, fing einen blauen Sittich und steckte ihn in eine Schachtel. Die brachten wir mit dem Auto nach Hause. Sie wurde in einen mittelgroßen, mittelschönen Käfig gehalten und darin geschüttelt, bis der Vogel herauskam.

Gewitzt und gescheit: Das Wunderwerk Papagei in freier Wildbahn

Die Geschichte geht weiter und endet tragisch. Wer sie liest, möchte unbedingt mehr von Familie Wunnicke lesen. Das liegt auch an der überaus bildhaften, gleichzeitig präzisen wie lockeren Art des Erzählens, die mit originellen Verben spielt, von nibbeln bis schnorpsen, und Dinge unverblümt zur Sprache bringt.
„In Gefangenschaft sollen Edelpapageien vergleichsweise sanft sein, manche nennen sie auch minderbemittelt.“
Christine Wunnickes Papageien-Porträt ist zugänglich und nimmt die Vögel in ihrer Ambivalenz wahr. Hier gebärden sie sich als Invasoren, dort sind sie vom Aussterben bedroht. Wunnicke spürt sie in freier Wildbahn auf, entdeckt sie auf Youtube-Videos, in Kinderfilmen und auf zahllosen Gemälden. Papageienwitze erwähnt sie, erzählt aber keine, wahrscheinlich sind sie unter ihrem Niveau. Am Ende bedankt sich Wunnicke unter anderen bei einem Graupapagei in Malchow, weil er versucht habe, ihr das Sprechen beizubringen. Nach der Lektüre dieses Bandes kann man sich auch das lebhaft vorstellen.
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