Jérôme Leroy, Max Annas: "Terminus Leipzig"

Gemetzel in der Gartenlaube

02:52 Minuten
Buchcover des Krimis von Jérôme Lero und Max Annas, "Terminus Leipzig". Ein Bild zeigt eine Szene in einem Waldgebiet, auf dem Zweie und helle Flammen zu erkennen sind. Darauf steht Jérôme Leroy und Max Annas sowie der Titel "Terminus Leipzig".
© Edition Nautilius

Jérôme Leroy, Max Annas

Übersetzt von Cornelia Wend

Terminus Leipzig Edition Nautilius, Hamburg 2022

127 Seiten

16,00 Euro

Von Thomas Wörtche · 30.04.2022
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Jérôme Leroy und Max Annas haben gemeinsam einen politischen Kriminalroman über rechte und linke Gewalt in Frankreich und Deutschland geschrieben - und über die Schmutzecken in der Geschichte der beiden Länder.
Das Lyoner Festival „Quais du Polar“ hatte die Idee, einen „vierhändigen“ Roman schreiben zu lassen, eine Art literarischer Cadavre Exquis, wie diese Methode bei den Surrealisten genannt wurde. Einer fängt an, der andere macht weiter. Die beiden Spieler, der Franzose Jérôme Leroy und der Deutsche Max Annas, sind hinreichend unterschiedliche Autoren, um kreative Spannung und Reibung aufkommen zu lassen, sie stammen aber auch, wie Leroy einmal sagte, „aus derselben Familie“ des Néo-Polar, also dem politischen Kriminalroman. Die Bücher beider Autoren kreisen immer wieder um die populistische Rechte, um die neuen und alten Nazis, um Rassismus und Xenophobie, um die historischen Schmutzecken der Geschichte beider Länder, ohne für die Verfehlungen und Versäumnisse der Linken blind zu sein.

Eine Kette von Attentaten

Die Story des schmalen Romans ist kompakt: Catherine Steiner, Commissaire bei der französischen DGSI, ausgebrannt, gefährlich alleingängerisch und drogenabhängig, stößt bei der Ermittlung einer Kette von Attentaten von rechtsradikalen Kräften gegen ehemalige linke „Kämpfer“, die sich längst „zur Ruhe gesetzt haben“, auf die Identität ihres Vaters. Auch er, ein Überlebender des „bewaffneten Kampfes“, hat sich mit seiner Lebensgefährtin in den Windschatten des Lebens zurückgezogen und kommentiert auf Twitter aus seinem unauffälligen Häuschen in einer zur Räumung anstehenden Gartenkolonie bei Leipzig das Weltgeschehen mit galligen Posts.
Nach dem Selbstmord ihrer Mutter, findet Steiner heraus, dass eben dieser Wolfgang Sonne ihr Vater ist. Ein Vater, der sich nicht um Frau und Kind gekümmert hatte, weil die Weltrevolution wichtiger war. Steiner fährt nach Leipzig, mit dem Vorsatz, ihre Mutter zu rächen, wo sie just in dem Moment ankommt, als Sommers Haus von ortsansässigen Nazis, darunter etliche Polizisten angegriffen wird. Dann beginnt das Töten.

Ein kleiner, fieser Roman, roh und rau

„Terminus Leipzig“ ist ein kleiner, fieser Roman, roh und rau, deutlich bemüht, jede bequeme Gefälligkeit auszuschließen. Alle Figuren sind gewalttätig in einem gewalttätigen Setting. Die Gewalt-Geschichte der extremen Linken ist genauso präsent wie die aktuelle Gewalt der Rechten. Es geht um geschichtlichen Bodensatz, der noch unbearbeitet haftet, und um aktuelle Bedrohungen, die sich in Gewalteruptionen entladen.
Literarisch komprimiert auf 127 Seiten. Die Belagerung des Sonneschen Häuschen erinnert an Annas Erstling „Die Farm“, der wiederum auf John Carpenters Film „Assault on Precinct 13“ anspielte. Und es gibt noch eine Klammer: Die Romane von Jean-Patrick Manchette, der „Gründervater“ des Neó-Polar, und ein radikaler Skeptiker gegenüber jedem revolutionären Pathos, aber dennoch mit präziser politischer Haltung. Das Schlussgemetzel von „Terminus Leipzig“ ist eine Hommage an Manchettes „Nada“, mit einem feinen Unterschied ...
Dieser Bezug ist mehr als bloß eine literarische Verbeugung vor einem Großmeister des Genres. Er stiftet einen Konsens darüber, was – über Ländergrenzen hinweg – gelungene Kriminalliteratur sein kann und sein soll. Keine gefällige Kuschel- und Wellness-Lektüre, sondern widerborstige, wo nötig wütende, radikale literarische Auseinandersetzung mit einer durch und durch gewalttätigen Welt. 

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