Christoph Heins Bach-Novellen

Verehren und – das Maul halten!

Buchcover von Christoph Heins Novellenband "Das Havelberger Konzert", erschienen 2025 im Insel Verlag
© Insel Verlag

Christoph Hein

Das Havelberger KonzertInsel, Berlin 2025

77 Seiten

16,00 Euro

Von Jan Drees |
Die um Johann Sebastian Bach kreisenden Novellen in Christoph Heins neuem Buch "Das Havelberger Konzert" sind ein Lesegenuss. Der Komponist scheint zeitlebens unter Geldnot gelitten zu haben und ließ diplomatisches Geschick vermissen.
Als „unerhört“ gilt dieser Tage vieles. Die Vokabel geistert durch den politischen Diskurs, wird hier aber mehr oder weniger synonym mit dem „Skandalösen“ verwendet. Früher schwang dagegen immer auch die wörtliche Bedeutung mit, das Nicht-Erhörte. Berühmt ist Goethes Definition der Novelle, einer zunächst in Italien verbreiteten Kurzerzählung um einen Neuigkeitskern herum: Sie handele laut Goethe von einer unerhörten Begebenheit.
Geradezu idealtypisch erfüllt diese Gattungsnorm nun der Schriftsteller Christoph Hein. Der 81-jährige – also noch während des Zweiten Weltkriegs geborene – Schriftsteller erinnert in seinen fünf Novellen an unerhörte Begebenheiten aus Johann Sebastian Bachs Leben. Sie spielen zwischen 1705 – damals war Bach Organist in Arnstadt – und 1750, dem Todestag des vermutlich größten deutschen Komponisten.
„Am 16. März 1708, einem Freitag, kam es im Großen Hörsaal der Jenaer Universität zu einem beunruhigenden und aufsehenerregenden Vorfall, der den Rektor der Universität nötigte, genaueste Untersuchungen einzuleiten. Gegen zehn Uhr morgens hatte sich in der für alle Studenten verbindlich vorgeschriebenen Vorlesung von Pater Wölfl Eisenkopf zur Annuntiatio Domini, der Verkündigung des Herrn, ein Student in der vierten Reihe plötzlich erhoben, über die vordere, glücklicherweise nicht voll besetzte Stuhlreihe gebeugt und lautstark erbrochen. Dann war er bewusstlos auf seinem Stuhl zusammengesunken.“

Buch enstand anlässlich Leipziger Bach-Fest 2025


Kleine, aber überraschende Begebenheiten wie diese schaffen Spannung in den erstaunlichen Novellen Christoph Heins. Entstanden ist sein Reigen anlässlich des 2025er Leipziger Bach-Festes. Die Veranstalter haben erstmalig mit dem dortigen Literaturhaus kooperiert – und sollten diese Kooperation unbedingt ausbauen.
Bereits Mitte Juni des vergangenen Jahres wurden die Novellen veröffentlicht, wurden aber von Heins zwei Monate zuvor erschienenem großen DDR-Roman „Das Narrenschiff“ überstrahlt und daher kaum wahrgenommen. Während sich der Roman auf die Funktionselite der DDR konzentrierte – also auf eine im Sozialismus eigentlich nicht vorgesehene Upper Class – schauen die Bach-Novellen auf die allzumenschliche Seite eines tatsächlich außergewöhnlich begabten Mannes, der Zeit seines Lebens unter Geldnot litt, der trotz seines Geniestatus also bescheiden bleiben musste und – anders als die Figuren aus dem „Narrenschiff“ – ein Mensch war „wie Du und ich“.
„Bach beklagte sein Gehalt. Mit einhundert Gulden Gehalt könne er in einer Stadt wie Leipzig nicht mit Frau und Kindern leben.“
Albert Einstein, der sich als Easter Egg ebenfalls in diese Novellen geschmuggelt hat – bekannte einst, man sollte Johann Sebastian Bachs Werk: „Hören, spielen, lieben, verehren und – das Maul halten!“ Nun, hätte Bach von seiner späteren Verehrung geahnt, er hätte sein Leben möglicherweise entspannter abgeschritten. Missliche Situationen, die sich immer wieder um das Finanzielle drehen, kommen zahlreich in Christoph Heins Bach-Novellen vor. Auch aus dieser Geldnot heraus gerät der nervöse Komponist immer wieder in Schwierigkeiten, teils verschuldet, teils unverschuldet. Hein zeigt seinen oft ungehaltenen Bach zunächst als genervten Kapellmeister, der coram publico einen seiner Musiker als „Zippelfagottisten“ verunglimpft, und wenig später von seinem gedemütigten Schüler angegriffen wird.

Komponist gerät immer wieder in Schwierigkeiten

„Und so kam es nach drei Monaten zu einem schwerwiegenden Vorfall, der den Stadtrat und das Konsistorium beschäftigte. An diesem Tag hatte Sebastian seines musikalischen Engagements wegen im Schloss zu erscheinen, war daher in Livree gekleidet und trug der Vorschrift gemäß seinen Degen. Auf dem Rückweg zu später Stunde kam er, eine Tobackspfeife im Munde – was als Ungehörigkeit in der Stadt angesehen wurde, wie einer der Beteiligten später im Protokoll anmerken ließ –, an dem Langenstein vorbei, auf dem sechs Schüler saßen. Einer von ihnen war der Schüler Geyersbach, den er am Vormittag bei der Chorprobe hart angegangen war.“
Schnell entsteht aus dem verbalen Schlagabtausch ein Gerangel. Bach zieht seinen Degen – wird aber am Ende keine Satisfaktion erfahren. Stattdessen muss er ein „Katzenkonzert“ vorm eigenen Wohnhaus erdulden, mit dem seine Schüler dem damals erst Zwanzigjährigen höhnisch bedeuten, er sei in dieser Stadt unerwünscht.
„Am nächsten Morgen entdeckte er ein Plakat, das an die Haustür geklebt war. Er löste es vorsichtig ab, um es zur Erinnerung an Arnstadt mitzunehmen.
Expelle!, stand darauf, und Ire in gehennam!
Sebastian, der wie jeder Musicus natürlich gut Lateinisch versteht, sagte mir, auf Deutsch heiße das so viel wie: Verschwinde und geh zur Hölle.“

Bach im Gefängnis – Episode beruht auf realem Vorfall

Während einer anderen „Begebenheit“ steht Bach zwischen den verfeindeten Regenten Ernst August dem I. (nicht zu verwechseln mit dem zweiten Ernst August, dem späteren Gönner Goethes) und Wilhelm Ernst, Herzog von Sachsen-Weimar – der eine erzprotestantisch, der andere auf barock-fidele Weise katholisch. Und da Bach in dieser Gemengelage, wie in allen der hier geschilderten Novellen, allzu aufmüpfig agiert, wird er wegen seiner Halßstarrigen Bezeügung v. zu erzwingenden dimission, auf der LandRichter-Stube arrêtiret“, wie man es immer noch nachlesen kann im „Bericht des Hofsekretärs T.B. Bormann“ von 1717. Bach im Knast? Das dürfte den meisten Lesern neu sein – beruht aber auf einem realen Vorfall, einem historischen Skandal.
Auch als Vorsteher des berühmten, 1212 gegründeten Thomanerchors zu Leipzig wird der Musikus kein diplomatisches Händchen beweisen. Als er später zudem erfahren muss, dass der Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. ihm für eine Auftragsarbeit – das titelgebende „Havelberger Konzert“ – kein Geld anbieten will, schließlich sei es Ehre genug, für ihn zu arbeiten, platzt Bach der Kragen, und er schreibt in seiner Antwort,
„ihm seien zwei seiner Kinder gestorben. Außer dem großen Leid, das über seine Familie gekommen sei, entstanden ihm für die Särge, die Begräbniszeremonie, den Pfarrer und das Grab umfängliche Kosten, die er allein mit einer hohen königlichen Ehre nicht bezahlen könne, weshalb er auf die Bezahlung für eine Arbeit von drei oder vier Monaten bestehen müsse. Den Brief gab er jedoch nicht zur Post, er wollte alles in Ruhe überdenken und überschlafen.“

Reges Traditionsbewusstsein in der DDR

Man will nicht zu viel verraten, aber die Contenance wird Bach auch hier nicht wahren können, in dieser Novelle, die ausnahmsweise nicht biographisch grundiert ist, sondern höchst trickreich erfunden wurde. Über einen Auftrag des Preußenkönigs ist nichts überliefert. Überliefert ist hingegen, dass Bach immer wieder an seinen eigenen Ansprüchen gescheitert ist. Das macht ihn so menschlich, bringt ihn auf Augenhöhe mit den Leserinnen und Lesern, denen dieser Mensch hier mehr und mehr ans Herz wächst.
Betroffen folgt man dem abschließenden Unglück des großen Künstlers, wenn Bach von einem Kurpfuscher am Ende seines Lebens gleich zweimal falsch operiert wird, sodann erblindet – und vermutlich an den Folgen dieser Eingriffe stirbt. Selten lagen „Occulist“ und „Okkultist“ näher beisammen.
„Johann Sebastian öffnete die Augen und erschrak zu Tode. Ich kann nichts sehen, sagte er, es ist schlimmer als zuvor, alles ist stockduster.“
Man kann dieses „Havelberger Konzert“ neben Christoph Heins 2020 ebenfalls bei Insel erschienene Spekulation über die letzten Stunden Gotthold Ephraim Lessings stellen, damals erschienen unter dem Titel „Ein Wort allein für Amalia“. Oder man kann Heins „Havelberger Konzert“ mit den zahlreichen Künstler-Geschichten aus der DDR in Verbindung bringen, mit Anna Seghers Erzählung „Eine Reisebegegnung“ etwa, in der E. T. A. Hoffmann, Nikolai Gogol und Franz Kafka diskutieren, auch mit Valerian Tornius’ „Wolfgang Amadé“-Roman oder Louis Fürnbergs „Mozart-Novelle“.
Sie alle sind Zeugnisse eines regen, in der DDR besonders stark gepflegten Traditionsbewusstseins – zu den bekanntesten Institutionen dieser Pflege zählen das heute als Deutsches Literaturinstitut firmierende „Institut für Literatur Johannes R. Becher“ und die „Hochschule für Film und Fernsehen der DDR“, aus der die „Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf“ entstanden ist.

Hein las zur Vorbereitung 37 Bücher über Bach

Hier sind wir beim eigenen Anspruch Christoph Heins angelangt. Auch in dem, was leicht hingeworfen wirkt, wie rasche Skizzen, steckt enorme Akkuratesse. Auf Nachfrage bestätigt der Schriftsteller, er habe zur Vorbereitung 37 Bücher über Johann Sebastian Bach gelesen, darunter die große Biografie von Christoph Wolff und die zahlreichen Schriften des Leipziger Musikwissenschaftlers Michael Maul, der sich einen Namen gemacht hat mit Veröffentlichungen wie „’Dero berühmbter Chor’ – Die Leipziger Thomasschule und ihre Kantoren (1212–1804)“ oder „J. S. Bach. ‚Wie wunderbar sind deine Werke!‘“.
Aber man muss all dies nicht kennen, um seine Freude mit diesem „Havelberger Konzert“ zu haben. Der seit Jahrzehnten anhaltende Erfolg von Heins Geschichten liegt ja auch darin begründet, dass er nie allein für Feuilletons oder Literaturpreis-Jurys schrieb, sondern das Publikum stets mitnahm. Die fünf hier versammelten „unerhörten Begebenheiten“ sind ein kurzweiliger Genuss für alle, die nach Heins „Narrenschiff“ einen Seitenweg einschlagen möchten, um danach vielleicht doch das eine oder andere Stück anzuhören.
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