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Fazit / Archiv | Beitrag vom 24.10.2008

Revolutionäre gegen Hartz IV

Volker Lösch inszeniert "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?" am Hamburger Schauspielhaus

Von Ulrich Fischer

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Völker Lösch lotet die Möglichkeiten zur Revolution in Zeiten von Hartz IV aus. (AP)
Völker Lösch lotet die Möglichkeiten zur Revolution in Zeiten von Hartz IV aus. (AP)

Über die Möglichkeit einer gesellschaftlichen Umwälzung diskutieren in Peter Weiss' Stück der Schriftsteller Marquis de Sade und Jean Paul Marat, radikaler Führer der französischen Revolution. Völker Lösch greift die Diskussion in seiner Inszenierung am Hamburger Schauspielhaus auf und transferiert sie ins Diesseits: In die Zeiten der Finanzkrise und von Hartz IV. Eine Stück, das wie ein frischer Wind alles mit sich reißt.

Volker Lösch hat in letzten Augenblick noch den Titel seiner "Marat/Sade"-Inszenierung geändert. Der ursprünglich schon barocke Titel ist noch eine Elle länger geworden, er beschreibt präzis, worum es geht: "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden? Von Volker Lösch, Beate Seidel und dem Ensemble, frei nach 'Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade‘ von Peter Weiss".

Weiss stellte, als er sein Stück Mitte der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts schrieb, fest, dass die Französische Revolution unvollendet geblieben ist. Zwar gelang es ihr, den König zu entthronen und dem Adel wie dem Klerus Vorrechte zu entreißen, aber die Gleichheit wurde nicht hergestellt: Der Abgrund zwischen Arm und Reich blieb. In seinem Drama, das ihn weltberühmt machte, fragte Weiss: Wie ist es heute?

Diese Grundfrage greifen Volker Lösch, seine Dramaturgin Beate Seidel und das Ensemble auf. Um sie zu beantworten schicken sie dem Stück einen Prolog voraus und fügen einen Epilog an. Bei Weiss spielen die Verrückten des Hospizes das Volk, in Hamburg gibt es einen über zwanzigköpfigen Chor von Laien - diszipliniert, fast professionell -, einfache Leute verkörpern die einfachen Leute. Sie haben zum Text beigetragen, Fragen beantwortet, Diskussionen geführt, aus denen der Regisseur und die Dramaturgin den Pro- und Epilog destilliert haben.

Im Prolog stellen sich die Armen vor: Sie hatten Pech, schlechtes Elternhaus, mangelhafte Schulbildung, Krankheit, Depression, Sucht, vor allem Alkohol: Die Gründe sind vielfältig, warum man&frau arm werden kann. Dann stellen sie Marat, einem der namhaften Revolutionäre von 1789, dem "Freund des Volkes" die Frage: "Was ist aus unserer Revolution geworden?"

Marat fordert die Vollendung der Revolution, soziale Gerechtigkeit. Sein Antagonist ist der Marquis de Sade. Der Aristokrat ist grundsätzlich skeptisch. Er glaubt nicht an die Gleichheit, schon gar nicht an die Revolution - er sieht die Gewalt und verurteilt die Menschen: Sie sind grausam. Fortschritt ist für ihn nur ein Wort. Marat wandelt seine Gestalt bei Volker Lösch: Er nimmt die Form verschiedener Revolutionäre an: Einmal schwebt er vom Schnürboden herab als Lenin, dann wieder tritt er als Fidel Castro auf. Zum Schluss, als Charlotte Corday ihn ermordet, ähnelt er Oskar Lafontaine. Spektakuläre Bilder.

Sie werden noch vom Epilog übergipfelt. Abermals besetzt der Laienchor die Bühne. Er trägt vor, was in einem Magazin für (Einfluss-)Reiche veröffentlicht wurde: die Namen reicher Leute und ihr Vermögen. In Hamburg hat sich der Chor Hamburger rausgepickt. Eben haben sie noch berichtet, dass Cent-Beträge, um die Lebensmittel steigen, ihnen das Leben schwer machen, dann nennen sie Vermögen über 500 Millionen - stärker kann der sinnliche Eindruck des Gegensatzes kaum sein.

Alles wirkt authentischer als sonst im Theater, als entkäme es der fiktionalen Sphäre: "Von den 300 Superreichen in Deutschland sind 28 Hamburger. Ihr Vermögen beträgt zusammen 49,35 Milliarden Euro. Wenn diese 28 Hamburger nur 2,5 Prozent Vermögenssteuer zahlen würden, hätte der Hamburger Haushalt 1,2 Milliarden mehr in der Kasse."

Regieideen blitzen überall auf - eine Inszenierung, die neben dem Ernst den unterhaltsamen Aspekt nie vernachlässigt. Bühnenbildner Cary Gayler verwandelt Weiss' Hospiz in eine Gummizelle - überlebensgroß. Wer gegen die Wände rennt, verletzt sich nicht, aber raus kann er auch nicht. Geschmückt ist die Gummizelle mit einer Mischung der Embleme von Aldi und Lidl - eine Zelle für arme Konsumidioten.

Bei Weiss passt der Direktor des Hospizes auf, dass das Spiel nicht aus dem Ruder läuft. Wenn die Irren frech werden und ihr Recht auf Gleichheit einfordern, sucht er zu beruhigen. Notfalls gibt es Wächter, die ihre Knüppel wohl zu gebrauchen wissen. Der Direktor hat sich in Hamburg in einen Sozialtherapeuten verwandelt. Wer unzufrieden ist, macht eine Therapie. Die überzeugendste ist das Schattenboxen. Der Chor streift Boxhandschuhe über - rot! - und lernt Luftboxen, während er einsieht, dass jeder seines Glückes Schmied ist.

Wer ist verantwortlich, dass man arbeitslos ist, kein Geld verdient, mit Hartz IV auskommen muss? Jeder selbst. Das gilt es einzusehen. Der Gegner des Boxers ist der Boxer selbst! Hartz IV, fördern und fordern.

Gut, dass in Zeiten der Finanzkrise gerade dieses Stück auf die Bühne kommt: das Deutsche Schauspielhaus hat Fortune und Courage. Es war, als würde Volker Lösch in einem stickigen Zimmer das Fenster aufreißen.

"Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?"
Von Volker Lösch, Beate Seidel und dem Ensemble
frei nach "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" von Peter Weiss
Uraufführung am Schauspielhaus Hamburg
Weitere Aufführungen am 26. Oktober und 3. und 20. November

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