RettMobil

Was ist der Unterschied zwischen Unfall und Terroranschlag?

Sie sehen den Sattelschlepper, mit dem der Anschlag verübt wurde, Arbeiter befestigen ihn am 20.12.2016 auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin an einem Abschleppwagen.
Rettungskräfte müssen für Einsätze nach Terroranschlägen wie hier am Berliner Breitscheidplatz fortgebildet werden, meint Peter Sefrin. © picture-alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka
Peter Sefrin im Gespräch mit Dieter Kassel · 12.05.2017
Wie gut sind Rettungskräfte eigentlich auf Einsätze im Zusammenhang mit Terroranschlägen vorbereitet? Das ist Thema auf der diesjährigen Messe "RettMobil", und das fragten wir auch den Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Notärtze in Bayern, Peter Sefrin.
Dieter Kassel: In Fulda geht heute die diesjährige RettMobil zu Ende, eine Messe, bei der unter anderem auch immer Fortbildungen angeboten werden. Und in diesem Jahr, das hat man schon bei der Vorbereitung vor vielen Monaten bedacht, in diesem Jahr ging es vor allen Dingen auch um die Vorbereitung von Rettungskräften auf Einsätze im Zusammenhang mit Terroranschlägen, auch in Deutschland, wie wir ja alle wissen inzwischen, keine theoretische Möglichkeit mehr. Solche Einsätze waren ja notwendig, unter anderem in Berlin, in Ansbach und in Würzburg in letzter Zeit.
Aus Würzburg kommt auch Peter Sefrin. Er hat das entsprechenden Fortbildungsprogramm für die RettMobil in Fulda mitentwickelt, er ist ehemaliger langjähriger Notarzt, war Professor an der Uni Würzburg und er ist der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte. Schönen guten Morgen, Herr Sefrin!

Die Art der Verletzungen ist anders

Peter Sefrin: Guten Morgen!
Kassel: Was ist denn eigentlich für einen Arzt, für einen Mediziner oder vielleicht auch für eine andere Rettungskraft der grundsätzliche Unterschied zwischen, sagen wir mal, einem Unfall und einem Terroranschlag?
Sefrin: Es sind die Verletzungen, die bei einer solchen Situation entstehen, während wir bei einem Verkehrsunfall Verletzungen haben, die sich dann allerdings bei einem Terroranschlag nicht in gleicher Weise entstehen lassen. Es sind in erster Linie Schussverletzungen und Explosionsverletzungen, das sind auch die Erfahrungen, die wir bisher bei den anderen Terroranschlägen außerhalb von Deutschland gemacht haben.
Kassel: Nun bilden wir uns aus dem Fernsehen ja ein, jeder Notarzt hat ständig mit Schusswunden und Bomben zu tun, in Wirklichkeit ist das vermutlich für Notärzte, die im Wesentlichen in Deutschland tätig sind, was ziemlich Neues, oder?
Sefrin: Es ist eine Rarität, denn bei einem Verkehrsunfall kommt es ja nicht zum Schusswechsel. Das heißt also, wir haben ein neues Gebiet, in dem wir tätig werden müssen, wenn eine solche Situation uns trifft.

"Grundsätzlich ist eine Terrorlage eine Polizeilage"

Kassel: Wie ist das Ganze denn allein schon logistisch? Ich meine, die Gefahrensituation ist ja bei einem Terroranschlag oft anders und auch schwerer einzuschätzen als nach einem Unfall. Wer entscheidet denn überhaupt, ob und wie nah an den Ort des Geschehens ein normaler Helfer überhaupt darf?
Sefrin: Grundsätzlich ist eine Terrorlage eine Polizeilage, nur nicht in jedem Falle ist von vornherein erkennbar, dass es sich um eine Terrorlage handelt. Das heißt also, in einzelnen Fällen werden wir vonseiten des Rettungsdienstes schon die Ersten sein, die ich an dem Einsatzort befinden, dann aber, wenn die Polizei eintrifft, wird sie das Heft in die Hand nehmen, und wir sind in diesem Augenblick dann auch beispielsweise diejenigen, die sich zurückziehen müssen.
Kassel: Aber ich stelle mir das mal ganz konkret teilweise ja schwierig vor. Nehmen wir diesen Terroranschlag im vergangenen Dezember in Berlin auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche: Da gab es ja eine ganze Weile, nachdem dieser Lkw da durchgefahren war, wo man noch dachte, das war eine Art von Unfall, möglicherweise ein betrunkener oder ein kranker Fahrer, und dann wurde irgendwann im Laufe dieses ganzen Vorgangs, als die Behandlung der Verletzten ja schon begonnen hatte, klar, es war ein Terroranschlag. Was ändert sich denn eigentlich in so einem Moment?
Sefrin: In dem Moment wird die Polizei die Logistik übernehmen, und es könnte im Extremfall sogar bedeuten, dass wir uns vonseiten des Rettungsdienstes zurückziehen müssen. Der Hintergrund, warum das so ist, ist das, was wir aus der Erfahrung der Vergangenheit wissen, dass es beispielsweise zu einem Zweitanschlag kommen kann, und der würde dann das Rettungspersonal treffen. Es geht also in dem Sinne auch um die Sicherheit des Rettungspersonals, denn nur dann, wenn es sicher ist, kann es auch den Patienten helfen.

Rettungskräfte müssen auf Einsätze vorbereitet werden

Kassel: Das ist ja eine Entscheidung, die Sicherheitspersonal immer wieder treffen muss, auch bei anderen Gelegenheiten – wie kann ich anderen wirklich helfen, ohne mich selbst oder ohne Dritte zu gefährden. Das ist doch eine Entscheidung, die manchmal binnen Sekunden auch getroffen werden muss. Ist das nicht unfassbar schwierig?
Sefrin: Das ist schwierig, aber genau das ist ja das, worauf wir unsere Teilnehmer hier auch bei der Fortbildung vorbereiten wollen und sie sensibilisieren wollen, denn die Tatsache, dass wir bei einer begonnenen Versorgung uns zurückziehen, ist ja etwas, was wir bisher so gar nicht kennen.
Kassel: Aber was bedeutet das auch psychologisch? Gehen wir mal verschiedene Ebenen durch, aber vielleicht die letzte jetzt zuerst, weil Sie ja gesagt haben, man kennt das nicht. Das muss doch für jemanden, dessen Beruf, dessen vielleicht sogar Berufung darin besteht, anderen Menschen zu helfen, ihre Leben zu retten, unglaublich schwerfallen, sich in so einer Situation zurückzuziehen.
Sefrin: Genau das ist es. Es ist ein Paradigmenwechsel, der in einer solchen Situation eintritt, und darauf muss man, weil eben bisher noch nicht geschehen, das Personal vorbereiten. Wir machen das im Rahmen einer Fortbildung, aber im Endeffekt ist das etwas vollkommen Neues.

"Rettungsdienst ist Landessache"

Kassel: Aber Psychologie zweiter Teil, von der Reihenfolge her die erste: Bei einer solchen Situation, einem möglichen Terroranschlag, etwas, was dann zunächst noch von der Polizei so eingeschätzt wird, herrscht ja oft auch Panik, herrscht Angst – bei den Rettungskräften, wenn es Profis sind, nicht so sehr wie bei den anderen, die anwesend sind. Werden Notärzte und andere Rettungskräfte auch darauf vorbereitet, in einer solchen Situation auch erst mal psychisch zu deeskalieren?
Sefrin: Das ist richtig, allerdings ist das jetzt etwas, was auch sonst während solchen Einsätzen außerhalb einer Terrorlage passieren kann. Auch da gibt es Situationen, wo wir in Probleme kommen, auf die wir uns vorbereiten müssen. Das heißt also, auch hier, unter diesen Bedingungen, wird eine Vorbereitung der Helfer erfolgen, auch der Notärzte.
Kassel: Gibt es eigentlich, was die Logistik angeht – wir haben ja darüber gesprochen, Sie haben es erklärt, was die Polizei im Zweifelsfalle entscheiden und auch den Notärzten vorschreiben muss –, gibt es da eigentlich klare bundesweite Regeln oder kocht da jede Gemeinde oder zumindest jedes Bundesland sein eigenes Süppchen im Moment?

Handlungsanweisung des bayerischen Innenministers

Sefrin: Grundsätzlich ist der Rettungsdienst Landessache. Der Bund hat in der Situation überhaupt nicht mitzureden, und die Folge der bisherigen Erfahrungen ist, dass zum Teil in den Ländern solche Vorgaben bereits gemacht werden. So haben wir in Bayern vonseiten des Innenministeriums eine Handlungsanweisung, die für uns bindend ist, das heißt also, auf der politischen Ebene gibt es Überlegungen. Inwieweit andere Bundesländer jetzt die Vorgabe von Bayern übernehmen, ist im Moment noch offen.
Kassel: Aber wäre nicht so was Bundesweites dann doch wünschenswert? Ich sag's mal ganz banal, ich meine, ein Terroranschlag ist im Grunde genommen in Schleswig-Holstein nicht anders als im Saarland.
Sefrin: Das Problem ist halt, dass der Rettungsdienst Ländersache ist, und wie gesagt, man kann sich nur eventuell orientieren, aber eine Vorgabe kann in jedem Falle nur das Land machen, weil der Bund hat auch gar keine Möglichkeit des Zugriffes auf den Rettungsdienst.
Kassel: Peter Sefrin war das. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte, verfügt selber über eigene jahrzehntelange Erfahrung als Notarzt, und er war Mitorganisator der Fortbildung für Notärzte in möglichen Terroreinsätzen auf der RettMobil, die heute in Fulda in Hessen zu Ende geht. Herr Sefrin, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch und wünsche Ihnen noch einen interessanten letzten Tag in Fulda!
Sefrin: Danke!
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